Ausland05. Mai 2026

Libanesische Regierung ohne Einfluß

Israel setzt systematische Zerstörungen und Plünderungen im Libanon fort

von Karin Leukefeld, Beirut

Bestimmten vor einer Woche noch die libanesisch-israelischen Botschaftergespräche in Washington die Schlagzeilen im Libanon und eine Verlängerung der »Waffenruhe«, werden inzwischen israelische Angriffe, zwangsevakuierte Orte und die tägliche Zahl der Toten gemeldet.

Am 23. April hatte USA-Präsident Donald Trump die beiden Botschafter, seinen Vize- und seinen Außenminister sowie die USA-Botschafter in Israel und Libanon zu einem Fototermin ins Weiße Haus geladen. Umringt von allen hatte er dann eine »Verlängerung der Waffenruhe« für weitere drei Wochen für den Libanon verkündet.

Vom Weißen Haus veröffentlichte Fotos zeigten die kuriose Runde mit eher versteinerten Gesichtern. Lediglich als der USA-Botschafter im Libanon, Michel Issa, eine rote Trump-Kappe mit dem Slogan »America is back« in die Kameras hielt, auf der ein Trump-Autogramm prangte, lockerte das offenbar die Stimmung. Die britische BBC berichtete, die libanesische Botschafterin und der israelische Botschafter hätten Trump für seine Initiative gelobt. Der israelische Botschafter in den USA, Jechiel Leiter erklärte laut BBC, Israel und Libanon seien sich einig in dem Ziel, den Libanon von »dem bösartigen Einfluß namens Hisbollah« zu befreien.

Für Israel galt weder die »Waffenruhe«, noch deren Verlängerung. Zum Zeitpunkt des Treffens im Weißen Haus bereiteten sich im Libanon Tausende auf die Beisetzung der libanesischen Journalistin Amal Khalil vor, die trotz »Waffenruhe« am 23. April von Israel gezielt getötet worden war.

Die Verlängerung der »Waffenruhe« nutzt die israelische Armee im Südlibanon, eine »vorgerückte Verteidigungslinie« nördlich der Waffenstillstandslinie, der »Blauen Linie« und dem Fluß Litani immer mehr auszuweiten. Diese »Verteidigungslinie« soll den vorrückenden israelischen Soldaten ermöglichen, das Gebiet von der Hisbollah »zu säubern«, wie Israels Kriegsminister Katz erklärte. Wiederholt wurde angekündigt, die »Verteidigungslinie« in den Norden über den Litani-Fluß hinaus zu erweitern. Israel will nicht nur ein Gebiet bis zur libanesisch-syrischen Grenze am Berg Hermon besetzen, sondern auch einen Streifen im östlichen Mittelmeer, der das libanesische Gasfeld Qana umfassen soll.

Verbrannte Erde

Die libanesische Regierung protestiert erfolglos gegen den israelischen Vormarsch, der mit massiven Zerstörungen ziviler Infrastruktur und von Agrarland verbunden ist. Bei den Gesprächen in Washington mahnte die libanesische Seite vergeblich, Israel müsse den Libanon verlassen. Nach internationalem Recht handelt es sich um eine illegale Besatzung. Entlang der »Blauen Linie« hat Israel inzwischen 55 Dörfer fast völlig zerstört. Beobachter und Bewohner des Südlibanon sprechen von einer »Politik der verbrannten Erde«. Was Drohnen, Artillerie und Kampfjets nicht schaffen, wird von Bulldozern erledigt. Die gleichen Firmen, die mit ihrem schweren Gerät schon im Gazastreifen Beit Hanoun und Jabalia wortwörtlich dem Erdboden gleichgemacht hätten, machten nun das gleiche in Khiam und Bint Jbeil, berichtete der palästinensisch-britische Kinderarzt Ghassan Abu Sitta im Gespräch mit der Autorin in Beirut.

Abu Sitta arbeitete in vielen Kriegs- und Krisengebieten von Irak, über Syrien, Jemen bis Libyen. Seit der 1. Intifada (1987-1993) arbeitete er auch in Gaza, zuletzt war er im Oktober, November 2023 im Gazastreifen in den Kliniken Al Ahli und Al Shifa. »Selbst die Trümmer werden zerstört«, so Abu Sitta, dessen Familie 1948 von den zionistischen Milizen während der Nakba, der Katastrophe, aus ihrem Dorf vertrieben worden war. »Sie hinterlassen plattes Land.« Die Firmen erhielten – wie in Gaza – pro Gebäude, das sie dem Erdboden gleich machten, 5.000 Schekel (etwa 1.500 Euro).

Die israelische Armee veröffentlicht zahlreiche Luftaufnahmen über die Explosionen, für die sie im südlichen Libanon verantwortlich zeichnet. Angeblich handelt es dabei sich um »Tunnel der Hisbollah«, auf jeden Fall um »Hisbollah-Infrastruktur«.

Mehr als 2.650 Tote

Bei den täglichen Bombardierungen wurden seit Beginn der »Waffenruhe« am 17. April Hunderte Menschen getötet. Allein am vergangenen Wochenende verübte Israel – trotz der »Trump’schen Waffenruhe« – innerhalb von 24 Stunden 50 Luftangriffe im südlichen Libanon. Mindestens 41 Personen wurden getötet. Die Zahl der Toten seit Anfang März ist nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums auf mehr als 2.650 Personen gestiegen, die Zahl der Verletzten wird mit 8.183 angegeben. Die Zahlen stammen vom 2. Mai 2026, sie steigen täglich.

Die Kritik an der libanesischen Regierung. in der aktuellen Situation – wenn auch nur auf Botschafterebene in Washington – Gesprächen mit Israel zuzustimmen, wächst täglich, nicht nur bei Hisbollah und ihren Anhängern.

Hisbollah leistet dem israelischen Vormarsch Widerstand, wie sie es bereits nach der Israelischen Besatzung des Landes 1982 entwickelt hatte. Angriffe auf Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten haben die Opferzahlen auf Seiten der israelischen Besatzungstruppen erhöht. Mit einer neuen Art von glasfasergesteuerten Drohnen hat Hisbollah ihre Angriffe auf israelische Panzer und Stellungen erheblich verschärft. Das Material kann nicht von der israelischen Militärtechnologie erkannt und auch nicht blockiert werden. Als Reaktion bombardierte und zerstörte Israel am vergangenen Wochenende 79 angebliche »Hisbollah-Strukturen«. Zerstört wurden dabei ausschließlich zivile Infrastruktur: Häuser, Straßen, Wasseraufbereitungsanlagen und Solarpanelen, um nur einiges zu nennen.

Im Gegensatz zu Israel, das völlig straffrei vorgeht und auch im UNO-Sicherheitsrat nicht gestoppt wird, beruft Hisbollah sich auf das Verteidigungsrecht gegen eine Besatzungsmacht, wie es das internationale Recht vorsieht. Auffällig ist zudem, daß Hisbollah ausschließlich militärische Ziele angreift, während die israelische Armee offenbar nicht nur private Häuser und Geschäfte plündert, sondern auch gezielt zivile Ziele, vor allem medizinische Einrichtungen zerstört und Rettungssanitäter tötet. Die Bevölkerung ist den Angriffen schutzlos ausgeliefert, wird getötet, verletzt und ihr Hab und Gut wird zerstört.

Israel rüstet auf

Das USA-Außenministerium bewilligte am Wochenende parallel zu dem völkerrechtswidrigen Vorgehen der israelischen Armee gegen Libanon erneute Waffenlieferungen per Notfallverordnung. Eine Zustimmung des Kongresses ist in dem Fall nicht erforderlich. Israel kauft von Boeing für seine Luftwaffe zwei neue Kampfjet-Staffeln. Dabei es sich um Kampfflugzeuge des Typs F-35 des Rüstungskonzerns Lockheed Martin und Kampfflieger des Typs F-15IA des Flugzeugbauers Boeing handeln. Der Umfang des Deals betrage viele Milliarden Schekel.

Die »Times of Israel« berichtete, mit den neuen Bestellungen solle die israelische Luftwaffe in den kommenden Jahren auf insgesamt 100 F-35-Kampfjets und 50 F-15IA-Jets anwachsen. Aktuell besitze Israel 48 F-35-Jets. 2023 seien weitere 25 F-35 bestellt worden, deren Lieferung ab 2028 beginne. Außerdem habe Israel 2024 bereits 25 F-15IA-Jets bestellt, die ab 2031 ausgeliefert werden sollten. Vor Israel liege ein »herausforderndes Jahrzehnt« in Sachen Sicherheit, hieß es in einer Erklärung des israelischen Kriegsministeriums. Die Kampfjets sollten die israelische Luftüberlegenheit sichern.