Israelische Drohnen auf Menschenjagd im Libanon
Vor erneuten Botschaftergesprächen weitet Israel seine Angriffe aus
Die USA-Administration bereitet drittes Botschaftergespräch in Washington vor. Libanon will Verlängerung der »Waffenruhe«. Israelische »Verteidigungsstreitkräfte« töten täglich und zerstören kulturelles Erbe. Die libanesische Hisbollah weitet Angriffe auf israelische Besatzungstruppen aus.
Treffen in Damaskus
Der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam traf sich am vergangenen Wochenende in Damaskus mit Ahmed al Sharaa, dem selbsternannten syrischen »Präsidenten«. Der langjährige Al-Qaida-Chef in Syrien, bekannt unter dem Namen Abu Mohamed al Jolani, war Ende 2025 sowohl vom UNO-Sicherheitsrat als auch von der USA-Administration von internationalen Sanktionen wegen des mörderischen Treibens der Nusra-Front, die er aufgebaut und kommandiert hatte, freigesprochen worden.
USA-Präsident Donald Trump ernannte Al Sharaa/Al Jolani zum neuen Partner im »Kampf gegen den Terror«. Ziele sollen u.a. die irakischen Hasht a-Shaabi, die Hamas und die Hisbollah im Libanon sein.
Damaskus berichtet fast wöchentlich, illegale »Hisbollah-Zellen« im Libanon enttarnt zu haben, die angeblich Waffen in den Libanon schmuggeln sollten. Die Hisbollah hat die Angaben wiederholt zurückgewiesen und erklärt, die Organisation habe keine »Zellen« in Syrien. Die Angaben aus Damaskus seien falsch und sollten lediglich die Bevölkerung beider Länder gegen die Hisbollah und gegeneinander aufbringen.
Nach offiziellen Angaben in Beirut hieß es, der Ministerpräsident wolle die »Zusammenarbeit zwischen Libanon und Syrien stärken«. Salam wurde von den Ministern für Wirtschaft, Transport und Energie begleitet. Themen waren auch die Rückführung von syrischen Flüchtlingen aus dem Libanon und ein Austausch von Gefangenen.
Die libanesische Regierung, die dem massiven Vormarsch israelischer Besatzungstruppen im Süden des Landes und der damit verbundenen Zerstörung ziviler Infrastruktur und Dörfer nichts entgegenzusetzen hat, versucht nach Ansicht von Beobachtern, einer zweiten feindlichen Front im Osten und Norden – Syrien – mit Kooperationsprojekten entgegenzuwirken. Sowohl Syrien als auch der Libanon werden von US-amerikanischen Diplomaten in der Region, darunter dem Sonderbeauftragten Tom Barrack, unter erheblichen Druck gesetzt, miteinander und gegen die libanesische Hisbollah und andere Verbände der »Achse des Widerstandes« zu kooperieren.
Erneutes Treffen in Washington
Washington bereitet sich für das kommende Wochenende auf ein erneutes Treffen der Botschafter Israels und des Libanon vor. Für den Libanon steht vor allem eine erneute Verlängerung einer »Waffenruhe« auf der Tagesordnung, Israel wird mit verstärkten Druck auf den Libanon die Forderung erhöhen, die Hisbollah zu entwaffnen. Die Botschaftergespräche werden in weiten Teilen der libanesischen Bevölkerung skeptisch gesehen oder ganz abgelehnt.
Die Hisbollah hat mehrfach bekräftigt, ihre Waffen nicht abzugeben, solange israelische Besatzungstruppen im Libanon seien und solange deren Angriffe auf die Bevölkerung anhielten. Man kämpfe gegen Israel in »Verteidigung des Libanon und seiner Bevölkerung«, heißt es immer wieder in den täglich verbreiteten Erklärungen der Organisation. Die Hisbollah reagiere »auf die Mißachtung der Waffenruhe durch den israelischen Feind« und auf dessen »Angriffe gegen Dörfer im südlichen Libanon, bei denen viele Zivilisten getötet und verletzt« worden seien.
Täglich meldet die Hisbollah Angriffe mit Glasfaser-gelenkten Drohnen auf israelische Soldaten, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge auf libanesischem Territorium. Die Organisation greift Israel auch mit Raketen und Sprengsätzen an, die an Straßen und Wegen gegen israelische Fahrzeuge gezündet werden. Der deutlich sichtbare Unterschied im Vorgehen der Hisbollah gegenüber der israelischen Armee ist, daß die Hisbollah ausschließlich militärische Ziele und Strukturen der israelischen Armee angreift. Die israelische Armee meldet täglich verletzte oder auch getötete Soldaten im Libanon.
Menschenjagd mit Drohnen und Kampfjets
Die israelischen »Verteidigungskräfte« dagegen attackieren ihrerseits täglich zivile Infrastruktur und die Bevölkerung mit Dutzenden massiver Luftangriffe. Allein am vergangenen Wochenende wurden dabei mehr als 70 Menschen getötet. Auch kulturelles Erbe des Libanon wird zerstört.
Das Muster der israelischen Angriffe wird von Betroffenen so beschrieben, daß die Bevölkerung eines Ortes per Handy von der israelischen Armee aufgefordert wird, ihre Häuser und ihr Dorf zu verlassen und sich mindestens 1.000 Meter davon zu entfernen. Rettungssanitäter und der libanesische Zivilschutz versuchen den Bewohnern bei ihrer Flucht zu helfen. Die Menschen fliehen meist in weiter entfernt gelegene Dörfer, wo sie möglicherweise Verwandte oder Freunde haben oder wo sie bereits früher Zuflucht gefunden hatten. Israel folgt – offenbar über die Handy-Ortung – den bedrohten Menschen und bombardiert sie entweder auf der Flucht oder in ihren Zufluchtsorten.
Auch medizinische Einrichtungen, Rettungssanitäter verschiedener Organisationen und Mitarbeiter des Zivilschutzes werden gezielt von Israel attackiert. Mehr als 100 Rettungssanitäter wurden nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums seit dem 2. März getötet, mehr als 140 medizinische Einrichtungen wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ganz oder teilweise zerstört. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums des Libanon wurden in dem Zeitraum mehr als 2.869 Personen bei israelischen Angriffen getötet.
Am vergangenen Samstag wurde ein Fahrzeug mit drei Insassen, die auf dem Weg in die drusischen Shouf-Berge waren, von einer israelischen Drohne verfolgt, die das Fahrzeug angriff. Die Insassen konnten sich aus dem Auto befreien und versuchten zu Fuß einen sicheren Ort zu erreichen. Die Drohne folgte den drei Personen und tötete sie auf ihrer Flucht.
In dem Ort Sohmor in der West-Bekaa-Ebene wurden am Dienstagmorgen um 4 Uhr die Menschen per Handy aufgefordert, den Ort zu verlassen, weil Israel dort »Hisbollah-Infrastruktur« angreifen werde. Die Menschen flohen, Wohnhäuser wurden zerbombt und komplett zerstört.
Augenzeugen berichten, daß Israel Gesundheitszentren angreift, in denen freiwillige Mitarbeiter tätig sind. Örtliche Brotverteilungsstellen und auch ausländische Arbeitskräfte, die aus Afrika, Asien oder auch aus Syrien im Libanon sind, um in Haushalten, auf Baustellen oder in der Landwirtschaft arbeiten, werden von Israel attackiert.
In der südlibanesischen Stadt Tyros wurde am Montag ein Gesundheitszentrum angegriffen, das vom Gesundheitsministerium für Vertriebene eingerichtet und teilweise von freiwilligem Personal betrieben wurde. Ein Arzt wurde getötet, fünf weitere Mitarbeiter wurden verletzt. Bei einem »Doppelschlag« genannten Angriff in Toul (Nabatieh) wurde ebenfalls am Montag ein Arzt getötet, als er Opfern eines zuvor von Israel verübten Angriffs helfen wollte. In Zibdin (Nabatieh) wurde ein Fahrzeug der Stadtverwaltung von einer Drohne angegriffen. Zwei Personen, die mit dem Auto unterwegs waren, um Brot zu verteilen wurden dabei getötet.

