»Sie werden nichts tun«
Gazakrieg: Israel ignorierte Warnungen vor Offensive der Hamas. Neue Erkenntnisse zu Musikfestival in Negev-Wüste
In Israel kommen immer mehr Informationen über den Angriff der Hamas am 7. Oktober an die Öffentlichkeit. Immerhin fragen sich die Welt und vor allem natürlich die Israelis: Wie konnte sich die immer wachsame israelische Armee so überrumpeln lassen? Einem am Samstag ausgestrahlten Bericht des israelischen Senders N12 zufolge hatte die Armeeführung Warnungen von Wachposten an der Grenze zum palästinensischen Gazastreifen in den Wind geschlagen. Mehr noch: Die Vorgesetzten drohten den Soldaten mit dem Militärgericht.
Die Ausguckposten hatten offenbar schon in den Monaten zuvor von verdächtigen Bewegungen und ungewöhnlichen Aktionen im Gazastreifen berichtet, die nach einem Kampftraining aussahen. Die Vorgesetzten hätten aber nichts von den Bedenken hören wollen, so N 12. Daraufhin habe sich ein Posten direkt an einen hohen Befehlshaber gewandt und bekam als Antwort: »Ich möchte nicht noch einmal von diesem Unsinn hören. Wenn Sie uns alle noch einmal mit diesen Dingen belästigen, werden Sie vor ein Militärgericht gestellt.«
Eine Soldatin erzählte N 12, ein Kommandant habe ihre Sorgen beiseite gewischt: »Die Hamas ist nur ein Haufen Idioten, sie werden nichts tun.« Sie und ihre Kameraden hätten die Übungen der Palästinenser immer wieder beobachtet: »Wir schauten uns an und sagten: ›Scheiße, wird das eines Tages gegen uns sein? Dieser Mist, der uns so gleichgültig ist?‹«
Ebenfalls am Samstag gelangten neue Informationen über den Techno-Rave, der am 7. Oktober in der Negev-Wüste stattfand, an die Öffentlichkeit. Ursprünglich war der Rave nur für Donnerstag und Freitag geplant gewesen, erfuhr die israelische Tageszeitung »Haaretz« mittlerweile aus Polizeiquellen. Erst am Dienstag zuvor hätten die Organisatoren zusätzlich den Samstag beantragt und genehmigt bekommen. »In israelischen Sicherheitsinstitutionen wächst die Einschätzung, daß die Hamas-Terroristen, die das Massaker vom 7. Oktober verübten, keine Vorkenntnis über das Nova-Musikfestival hatten«, so »Haaretz«.
Die Angreifer hätten erst durch Drohnen oder Drachenflieger von der Party erfahren und spontan beschlossen, sie ebenfalls ins Visier zu nehmen. Diese Annahme werde dadurch gestützt, daß die Angreifer keine Landkarten der Gegend bei sich gehabt hätten, wie es an anderen Orten im Süden Israels der Fall gewesen sei. Gefangengenommene Palästinenser hätten laut dem Sender N 12 ausgesagt, sie seien eigentlich auf dem Weg zu den Großstädten Rischon LeZion und Tel Aviv gewesen.
»An der Veranstaltung nahmen nach unserer Schätzung ungefähr 4.400 Menschen teil, von denen die große Mehrheit fliehen konnte, nachdem vier Minuten nach dem Raketenangriff die Entscheidung getroffen worden war, die Veranstaltung aufzulösen«, zitierte »Haaretz« eine hochrangige Polizeiquelle. Eine halbe Stunde später seien dann die ersten Schüsse gefallen. 364 überwiegend junge Menschen wurden in der Folge getötet.
Allerdings: »Einer Polizeiquelle zufolge deuten die Ermittlungen auch darauf hin, daß ein Kampfhelikopter der israelischen Armee, der am Tatort eintraf und dort auf Terroristen schoß, offenbar auch einige Festivalteilnehmer traf«, hieß es in »Haaretz«. Das Maschinengewehrfeuer eines Helikopters könnte auch die vielen Autos erklären, die zerstört und ausgebrannt entlang einer Straße standen, die vom Festivalgelände wegführte.

