Das Stundenbuch des Duc de Berry
Ein beeindruckend präzises bibliophiles Glanzstück im Schloß von Chantilly bei Paris
Anfang des Jahres ist in der deutsch-spanisch-italienischen Kunstbuch-Verlagsgruppe Universal Art Book eine neue Faksimile-Ausgabe eines einzigartigen Buches – »Les Très Riches Heures du Duc de Berry« – erschienen. Sie stellt hinsichtlich der Wiedergabe des meisterhaft kalligraphierten Textes und der winzigen farbenfreudigen Illustrationen eine ganz neue Dimension von Faksimiles dar.
Bei diesem Buch ist höchste Qualität besonders wichtig, denn es handelt sich um ein epochales und vielstudiertes Werk der internationalen Literatur- und Buchkunstgeschichte, aber das Original wird in der Bibliothek des 40 Kilometer nördlich von Paris gelegenen Schlosses Chantilly unter Verschluß gehalten.
»Nonplusultra bibliophiler Kostbarkeiten«
Gemäß dem Testament des 1897 gestorbenen letzten Eigentümers, des Herzogs von Aumale, darf dieses weltweit berühmte Meisterwerk, das man oft die »Mona Lisa der Handschriften« nennt oder als »Nonplusultra bibliophiler Kostbarkeiten« bezeichnet, niemals dieses Schloß verlassen. Auch hier ist das Buch in den letzten 100 Jahren nur dreimal - 1956, 2004 und 2025 – bei Ausstellungen im Original zu sehen gewesen.
Doch während es die ersten beiden Male aufgeschlagen in einer Vitrine lag, so daß nur zwei Seiten mit ihren Illustrationen zu sehen waren, kam den Besuchern im vergangenen Jahr ein Umstand zugute, wie es ihn noch nie gegeben hat und wie es ihn sicherlich nie wieder geben wird. Für eine Untersuchung im wissenschaftlich-technischen Zentrum des Pariser Louvre und die anschließende Restaurierung mußte das Buch 2023 komplett zerlegt werden. Dadurch konnte man in der Ausstellung sämtliche illustrierten Seiten mit den insgesamt 121 unterschiedlich großen Bildern zeigen. Vor allem jedoch konnte man das Wichtigste vom Inhalt, die einleitenden zwölf Doppelseiten mit den Bildern und Zeittabellen für die Monate des Jahres, an dünnen Fäden in Vitrinen so aufhängen, daß man sie alle aus nächster Nähe von vorn und von hinten betrachten konnte.
Wenn man ganz dicht an die Scheibe heranging, waren die 29 mal 21 cm großen Seiten kaum mehr als eine Handbreit entfernt und man konnte bewundern, mit welcher Präzision die Bilder bis ins kleinste Detail gezeichnet und mit auch heute noch leuchtenden Farben ausgemalt sowie mit feinen Blättern von Gold und Silber verziert wurden.
Gebets- und Andachtsbücher für den privaten Gebrauch
Dabei beeindruckten vor allem die meisterhaft bewältigten Perspektiven, die eleganten Bewegungen der abgebildeten Personen, die dezente Farbenwahl und die stimmungsvollen Darstellungen von Landschaften.
Stundenbücher waren Gebets- und Andachtsbücher für den privaten Gebrauch, die dem Brevier der römisch-katholischen Kirche nachempfunden waren und die mit ihren Kalenderblättern, Sternzeichen-Grafiken und Heiligen-Listen dem um sein Schicksal nach dem Tod besorgten Gläubigen helfen sollten, seine regelmäßig über den Tag verteilten Gebete zu absolvieren und die Daten der beweglichen Feste des Kirchenjahrs festzustellen. Sie erlebten ihre Blütezeit im späten 14. und im 15. Jahrhundert unter wohlhabenden und lesekundigen Laien in Frankreich und in Flandern und kamen später über die Niederlande auch in das deutschsprachige Gebiet. Mit ihren oft sehr wertvollen Illustrationen und Verzierungen dienten sie nicht zuletzt dazu, den Reichtum ihres Eigentümers zu demonstrieren.
Das Stundenbuch, auf das man in Chantilly ganz besonders stolz ist, wurde um 1410 durch den Herzog von Berry in Auftrag gegeben. Dieser wurde 1340 geboren und war der dritte Sohn von König Johann II. sowie der Bruder der Könige Karl V. und Philipp der Kühne. Mit seiner zentralfranzösischen Provinz Berry und seinem Hof in Bourges gehörte er zu den einflußreichsten Fürsten des Landes. Mit Reliquien von Heiligen, die er in ganz Frankreich und in anderen Ländern aufkaufte, und mit Stundenbüchern und anderen religiösen Werken, von denen er die meisten selbst in Auftrag gegeben hatte, wollte er seinen tiefen Glauben und seine Weisheit demonstrieren und dadurch nicht zuletzt seine Ansprüche auf eine Regierungsfunktion betonen.
Drei sehr junge Buchkünstler
Seinen Reichtum nutzte er nicht zuletzt dazu, als Mäzen Künstler zu fördern und ihre Werke zu erwerben. Einen Teil davon hat er beim traditionellen Neujahrsempfang verschenkt, um sich seine Anhängerschaft zu sichern. Ein solcher Empfang ist auf dem Januar-Bild des Stundenbuchs zu sehen. Wer den Text einschließlich der kunstvoll verzierten Initialen geschrieben und die rankenartigen Verzierungen gezeichnet hat, ist nicht überliefert, wohl aber die Namen der drei sehr jungen Buchkünstler. Ihnen verdanken wir die 121 Abbildungen, die teils winzig klein, teils mittelgroß und manchmal auch ganzseitig sind. Es waren die zwischen 1385 und 1388 in der niederländischen Stadt Nimwegen geborenen und nach ihrer Heimatprovinz benannten Brüder Paul, Johan und Herman von Limburg. Sie waren nach dem frühen Tod des Vaters 1398 von der Mutter zu einem Onkel, dem Kunsthandwerker Jean Malouel, geschickt worden, der am burgundischen Hof arbeitete und der aus den drei talentierten Jungen Miniaturen-Maler machte. Sie illustrierten für den Hof verschiedene Stundenbücher, wurden aber 1411 nach dem Tod Philipps des Kühnen von Herzog Jean von Berry abgeworben und an seinen Hof nach Bourges geholt. Er nahm sie unter Vertrag, um für ihn das Meisterwerk der Gattung zu schaffen, das als »Les Très Riches Heures du Duc de Berry« in die Kunstgeschichte eingegangen ist.
Darstellungen aus dem Privatbereich
Mehr als in anderen derartigen Büchern vermischte sich hier religiöses Regelwerk mit Darstellungen aus dem Privatbereich des Auftraggebers. Der Herzog gab genaue Weisungen für die Bilder, so daß auf vielen seine verschiedenen Schlösser oder Szenen aus seinem Familienleben zu sehen sind. Beispielsweise zeigt das Bild auf dem Kalenderblatt für April die Verlobungsfeier seiner Tochter Bonne d'Armagnac mit Karl I. von Orleans im Jahre 1410.
Im Jahre 1416 starben innerhalb weniger Wochen alle drei Brüder und auch ihr Auftraggeber, der Herzog – vermutlich an der Pest, die seinerzeit umging. Damit endete ein »goldenes Zeitalter fürstlichen Mäzenatentums«, wie im Katalog der Ausstellung festgestellt wurde. Das Stundenbuch blieb unvollendet zurück, aber die Brüder hatten bis zum Tag ihres Todes bereits die Hälfte aller Bilder fertiggestellt und den größten Teil der restlichen Illustrationen schon gezeichnet, wenn auch noch nicht koloriert. So blieb ein harmonisches Gesamtbild erhalten, als in den 1440er Jahren erst der Maler Barthélemy d’Eyck und dann Jean Colombe im Auftrag der Erben, des Fürstenhauses Sovoyen, an dem Buch weiterarbeiteten und es schließlich 1485 fertigstellten.
Über das Schicksal des Stundenbuches in den folgenden Jahrhunderten ist nichts überliefert. Erst 1856 hat es der Herzog von Aumale durch Zufall in einem katholischen Mädchenpensionat in Turin entdeckt und für umgerechnet 375.000 Euro erworben. Seitdem war das Buch das Glanzstück seiner reichen Bibliothek, zu der auch etwa 1.500 Manuskripte und davon 127 reich illustrierte Werke und allein 18 mittelalterliche Stundenbücher zählen. Ein Teil davon war jetzt in der Ausstellung in Chantilly rund um das Stundenbuch des Herzogs von Berry zu sehen, ergänzt durch Stundenbücher aus großen Museen und Bibliotheken in Paris, Amsterdam, Berlin und New York.
Darstellung von Alltagsszenen
Stundenbücher, vor allem wenn sie so wirklichkeitsnah waren wie das vom Herzog von Berry in Auftrag gegebene, zeugten nicht nur vom Leben und der Zeit ihres Auftraggebers. Mit ihrer Darstellung von Alltagsszenen, zeittypischer Kleidung und zeitgenössischer Architektur waren und sind sie wertvolle Quellen für Historiker, wenn diese wissen wollen, wie man im Mittelalter gelebt, gearbeitet, gebetet und gefeiert hat.
Besonders anschaulich ist das beim Kalenderbild vom Monat Oktober, das den Louvre zeigt, der zunächst eine mittelalterliche Festung war und dann zu einem Königsschloß umgebaut wurde, wie es hier schon zu sehen ist. Das Bild des Monats Juni zeigt das alte Königspalais auf der Seine-Insel Ile de la Cité, von dem heute nur noch die Sainte-Chapelle sowie drei Türme und ein Gebäudeflügel übrig sind. Am Bild vom Januar kann man mittelalterliche Fest-Etikette, Kleiderordnung und Tafelsitten studieren, während die Bilder vom Februar, März, Juni, Juli, September, Oktober und November Einblick in die Landwirtschaft gewähren, in der seinerzeit acht von zehn Einwohnern tätig waren.
Viele der Bilder des Stundenbuches sind durch Reproduktionen so bekannt, daß man sie schon lange zu kennen glaubt und in der Ausstellung ein Wiedersehenseffekt eintrat. Aber dieses Buch einmal mit eigenen Augen und noch dazu so komplett gesehen zu haben, war ein Erlebnis fürs Leben.
Als die Ausstellung, die von 75.000 Menschen besucht wurde, was für das abgelegene Chantilly einen Rekord darstellt, zu Ende ging, wurde der Buchblock des Stundenbuches wieder zusammengefügt und gebunden. Dann kehrte das Buch zurück ins Archiv des Musée Condé, das Schloßmuseum von Chantilly.
Hier wird an die verschiedenen Generationen von Prinzen und Cousins der im nahen Versailles regierenden Könige erinnert, die in Chantilly gelebt haben. Heinrich von Orléans, Herzog von Aumale, war der letzte von ihnen. Er wurde 1822 als fünfter Sohn von König Louis-Philippe geboren, des letzten französischen Monarchen, der von 1830 bis 1848 regiert hat. Im Alter von 18 Jahren erbte er von seinem Paten Louis-Henri-Joseph de Bourbon, dem letzten Prinzen von Condé, dessen Schloß und Reichtum. Einen Großteil davon verwendete er für den Wiederaufbau des während der Französischen Revolution stark zerstörten Schlosses und für den Ausbau seiner Gemälde- und Handschriftensammlungen sowie der Bibliothek.
Neue Maßstäbe
Da die Frau des Herzogs von Aumale und alle Kinder bereits vor ihm gestorben waren, hinterließ er das Schloß, den weitläufigen Park und die reichen Sammlungen dem Institut de France, das unter seinem Dach die fünf großen Akademien des Landes vereint. Als Historiker war er 1871 selbst in die Académie française gewählt worden sowie 1880 in die Akademie der Künste und 1889 in die Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften.
Von ihm stammt das Verbot, Gemälde, Handschriften und wertvolle Bücher für auswärtige Ausstellungen auszuleihen. Ganz besonders gilt das für das empfindliche Stundenbuch des Herzogs von Berry. Für das tagtägliche Konsultieren muß man sich an die Vielzahl von Bildbänden mit Reproduktionen halten, die je nach Stand der Technik mehr oder weniger detailgenau sind.
Neue Maßstäbe setzt da der jetzt erschienene Nachdruck, für dessen fotografische Erfassung mit modernsten digitalen Technologien man die Zeit nutzen konnte, in der der Buchblock zerlegt war. »Durch noch nie dagewesene Auflösung und Schärfe stößt die Edition in neue Sphären vor«, versichert die Verlegerin Charlotte Kramer.
Aufgrund der aufwendigen Herstellung und der auf 800 Exemplare begrenzten Auflage kostet dieses Buch schätzungsweise 1.000 Euro. Den genauen Preis teilt man potenziellen Käufern nur auf Anfrage mit. Dabei dürfte es sich wohl vor allem um Bibliotheken, Universitäten und Museen aus aller Welt handeln.

