Kein Frieden in Syrien
Alawiten protestieren, Kurden sagen Treffen in Damaskus ab
Während die Altstadt von Damaskus mit glitzerndem Schmuck und einem Lichtermeer zu Weihnachten erstrahlte, und in Aleppo – in alter Tradition – liberale sunnitische Geistliche die christlichen Gemeinden besuchten und ihren christlichen Nachbarn zum Weihnachtsfest gratulierten, wurde Syrien in anderen Teilen des Landes von Gewalt und Aufruhr erschüttert.
In einer Moschee in Homs explodierte während des Freitagsgebets eine Bombe. Acht Gläubige wurden getötet und mindestens 18 wurden verletzt. Rund 300 Besucher hatten sich zum Freitagsgebet versammelt, es ist für Muslime das wichtigste Gebet in der Woche. Freitag ist zudem in arabisch-muslimischen Ländern ein Feiertag. Der Anschlag ereignete sich in der Ali Bin Abi Talib Moschee im Viertel Wadi al Dahab, wo traditionell vor allem syrische Alawiten leben. Die Moschee ist ein Gotteshaus der Alawiten, einer Strömung des schiitischen Islam.
Die Verantwortung übernahm die Gruppe »Saraya Ansar al Sunna«, der Name bedeutet so viel wie »Unterstützer des sunnitischen Wirkens«. Die salafistisch-dschihadistische Organisation will einen Islamischen Staat in Syrien errichten, in dem weder Alawiten, noch Drusen, Christen oder schiitische Muslime geduldet werden sollen.
Seit der Machtübernahme durch die Dschihadisten von »Hay’at Tahrir al Sham« (HTS) im Dezember 2024, dem »Saraya Ansar al Sunna« angehört – manche sprechen von einer HTS-Abspaltung – hat die Organisation zahlreiche Anschläge, Überfälle und Morde vor allem gegen Alawiten in Homs, Hama und im syrischen Küstengebiet verübt. Im Juni 2025 erklärte sie die Verantwortung für einen Anschlag auf die griechisch-orthodoxe Kirche Mar Elias in Duaila, einem Ort im Umland von Damaskus. 25 Personen wurden getötet und 63 Personen wurden verletzt als ein Attentäter erst das Feuer im Gottesdienst eröffnete und dann einen Sprengsatz zündete.
UNO-Generalsekretär Antonio Guterres bezeichnete in einer offiziellen Erklärung Angriffe gegen Zivilisten und Gotteshäuser als »unakzeptabel«. Die Täter müssen ermittelt und vor Gericht gestellt werden, hieß es. Die UNO habe zur Kenntnis genommen, daß die syrischen Behörden den Angriff verurteilt hätten, so die Erklärung. »Sie haben auch die staatliche Verpflichtung bekräftigt, Terror zu bekämpfen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.« Angesichts einer weitgehenden Rechtlosigkeit in Syrien seit mehr als einem Jahr ist das allerdings unwahrscheinlich.
Gruppen wie »Saraya Ansar al Sunna« und der »Islamische Staat« verfolgen die gleichen Ziele in Syrien, eine offizielle Kooperation kann von Sicherheitskräften bisher zumindest offiziell nicht nachgewiesen werden. Tatsache ist allerdings, daß zahlreiche Kämpfer innerhalb von HTS mit der Politik des Machthabers Ahmed al-Sharaa nicht einverstanden sind und eigene Wege des »Widerstands« gehen. Ein Beleg dafür war ein Angriff eines »Insiders« der HTS-Sicherheitskräfte auf ein hochrangiges syrisch-US-amerikanisches Treffen der »Anti-IS-Allianz« in Palmyra, Tadmor. Dabei waren drei US-amerikanische Militärangehörige, zwei Soldaten, ein Übersetzer getötet worden. Der Angreifer sprengte sich unmittelbar vor dem Versammlungsraum in die Luft.
Im Küstengebiet Syriens, das vor allem von Alawiten und Christen bewohnt wird, kam es am Wochenende zu massiven Protesten gegen die Al-Sharaa Behörden. Tausende Alawiten waren in den Provinzen Latakia und Tartus einem Aufruf des Geistlichen Ghazzal Ghazzal gefolgt, der in Frankreich im Exil lebt. Ghazzal hatte das Recht auf Selbstbestimmung für die Alawiten und für Syrien eine föderale politische Struktur eingefordert. Ähnliche Forderungen werden von den syrischen Kurden und Drusen ebenfalls aufgestellt.
Nach unbestätigten Medienangaben sollen bei den Protesten zwei Personen getötet und Dutzende verletzt worden sein. Die syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete, mindestens eine Person der HTS-»Sicherheitskräfte« sei von Bewaffneten getötet worden. Die aufständischen Alawiten seien »Übrigbleibsel des Assad-Regimes«.
Für den selbsternannten »Interimspräsidenten« Al Sharaa bedeuten die Proteste der Alawiten nach den Unruhen in den Drusengebieten im Sommer eine weitere Herausforderung. Hinzu kommt, daß ein für den gestrigen Montag vorgesehenes Treffen zwischen Al Sharaa und Mazlum Abdi, dem Oberkommandierenden der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), von der kurdischen Seite kurzfristig abgesagt wurde. Eigentlich sollte ein im März 2025 unterzeichnetes Abkommen über die Integration der SDF-Einheiten in die »neue syrische Armee« besprochen werden, das sich allerdings in wesentlichen Punkten nicht weiterentwickelt hat.
Laut Berichten beschuldigen sich beide Seiten gegenseitig, die Vereinbarung nicht umsetzen zu wollen. In Damaskus heißt es, Gespräche mit der kurdischen Führung hätten »keine greifbaren Ergebnisse« gebracht, berichtete die SANA am Wochenende unter Berufung auf Quellen im »Außenministerium«. Die kurdische Seite zeige »keinen echten Willen«, es gebe »keine konkreten Schritte und keinen klaren Zeitrahmen«. Die Kurden hätten sich mit dem Abkommen zu verschiedenen Veränderungen »verpflichtet«, wenn sie das nicht erfüllten, müßten sie »die Verantwortung dafür tragen«, sagte ein außenpolitischer Berater.
Von kurdischer Seite hieß es lediglich, man sei sich einig, daß die kurdischen militärischen Einheiten in staatliche Strukturen integriert werden sollten. Das müsse verfassungsrechtlich festgehalten werden, so der SDF-Vertreter Mazlum Abdi, und das brauche Zeit.
Die kurdisch geführten syrischen demokratischen Kräfte beharren darauf, als bewaffnete kurdische Einheiten in die »neue syrische Armee« aufgenommen zu werden. Sie fordern zudem, die Kontrolle im Nordosten Syriens zu übernehmen, auch unter syrischer Fahne. Darüber hinaus wollen die SDF-Kräfte eine souveräne Einheit von Sicherheitskräften und ein souveränes Regiment für die kurdischen SDF-Frauen. Schließlich fordern die SDF-Kräfte eine Garantie des Abkommens durch Frankreich und die USA, und schließlich soll die Vereinbarung in die Verfassung aufgenommen werden. Das allerdings wird nicht nur von der Führung syrischen Armee, sondern auch von der Türkei abgelehnt, die eng mit Al Sharaa kooperiert.
Beobachter stufen die Absage von Mazlum Abdi am gestrigen Montag als Machtspiel ein. Auf kurdischer Seite sehe man den Druck, der von Drusen und Alawiten auf die Führung von Al Shaara ausgeübt wird, die zentrale Macht in Syrien werde schwächer, der Ruf nach einer syrischen Föderation werde lauter. Weder Sharaa noch der türkische Präsident Erdogan oder dessen Außenminister Hakan Fidan könnten die kurdischen Forderungen akzeptieren, die aber vermutlich von den USA und auch von Israel unterstützt würden.
Der Machtkampf um Syrien ist weit mehr als eine Frage von religiösen oder ethnischen Rechten und Gruppen. Es gehe um Rohstoffe und um die Kontrolle der Region nicht durch die Syrer, sondern durch regionale und weitere ausländische Kräfte, sagte ein Gesprächspartner in Beirut. »Im Nordosten sind die Öl- und Gasquellen, im Mittelmeer vor der syrischen Küste sind ungehobene Gasvorkommen. Im Süden werden seltene Erden vermutet, Israel ist zudem an einem Korridor bis zum Euphrat interessiert, um den Irak und schließlich auch den Iran unter Druck zu setzen.«
Die Zerstörung Westasiens geht weiter.

