Ausland03. Juni 2023

Wie der Tod den Krieg überlebt

Der von den USA geführte »Krieg gegen den Terror« verwüstet Länder und Leben

von Karin Leukefeld

Die guten Nachrichten zuerst. Im Mittleren Osten spricht man wieder miteinander – aus langjährigen Gegnern werden Partner. Die beiden Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran haben ihren Konfrontationskurs verlassen und nehmen wieder diplomatische Beziehungen auf.

Vorbereitet wurde die Annäherung zwischen dem Irak und Oman, zwei arabische Staaten am Persischen Golf, die sowohl mit dem Iran als auch mit Saudi-Arabien verbunden sind. Rußland, seit 2015 in Syrien militärisch aktiv, drängt seit 2019 auf ein Kollektives Sicherheitskonzept für die Persische Golfregion. Die Vermittlung lag schließlich in den Händen Chinas, das die beiden Regionalmächte im März 2023 in Peking zusammenführte.

Die ersten direkten Folgen waren schnell zu sehen: Gefangenenaustausch und Friedensgespräche im Jemen. Syrien, dessen Mitgliedschaft in der Arabischen Liga seit 2011 auf Eis lag, kehrte Mitte Mai beim 32. Gipfeltreffen in das arabische Staatenbündnis zurück. Die Staaten im Mittleren Osten rücken zusammen, um die Folgen der Krisen und Kriege in der Region gemeinsam zu überwinden. Auf der Tagesordnung stehen die Rückkehr von syrischen Kriegsflüchtlingen, der Wiederaufbau Syriens, Reaktivierung des Handels, Aufbau von kooperativen Strukturen im Dialog.

Einzig Israel, wichtigster Verbündeter der USA in der Region, bleibt außen vor. Die Besetzung der palästinensischen Gebiete bleibt bestehen, die neue, rechtsradikale Regierung von Benjamin Netanjahu setzt weiter auf Konfrontation und Tod.

Hoffnung für die Menschen?

Die nun nach und nach erkennbare Annäherung bietet den Menschen neue Chancen. Sie können in ihre Heimat zurückkehren, die zukunftslosen Lager verlassen, um in ihrer Heimat ihre Häuser und Betriebe wiederaufzubauen. Sie könnten für sich und ihre Kinder an einer neuen Zukunft bauen. Das verwüstete Land könnte neu bewirtschaftet werden, die erschöpfte Wirtschaft und der brachliegende Handel in der Region könnten wiederbelebt werden.

Wenn da nicht der Würgegriff der von der Europäischen Union und den USA einseitig verhängten wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen wäre. Sie verhindern, daß Ersatzteile, Medizin, Baumaterial und Dünger Syrien erreicht. Wer mit Syrien kooperieren und in den Wiederaufbau investieren will, unterliegt einer Strafandrohung durch die EU und die USA. Syrisches Öl wird unter dem Schutz von illegal in Syrien stationierten USA-Soldaten aus dem Nordosten Syriens in den Nordirak abtransportiert und verkauft. Große Teile im Norden und Süden Syriens bleiben besetzt.

Die einseitigen wirtschaftlichen Strafmaßnahmen verletzten Internationales Recht und widersprechen den Grundsätzen der UNO-Charta. Die Präsenz ausländischer Truppen in Syrien, zumal in den ressourcenreichen Gebieten im Nordosten, verletzen die UNO-Charta und die staatliche Souveränität und territoriale Integrität Syriens.

Je länger dieses Unrecht anhält, desto größer die Verwüstungen, die an Mensch und Natur, an der Wirtschaft und an der Gesundheit der Menschen angerichtet werden. Der Kern von Krieg ist, daß die reichen Länder und ihr Kapital verdienen, während die armen, zumeist Entwicklungsländer ausgezehrt und gesellschaftliche, staatliche und wirtschaftliche Strukturen zerstört werden. »Aus Weizenfeldern werden Schlachtfelder«, wie ein Gesprächspartner der Autorin im Libanon sagte. Der Krieg bringt den Kriegführenden mehr Macht und Profit als die Ernte von Weizen.

Um die Zerstörung nach Krisen und Kriegen geht es auch in dem neuen Bericht des Watson-Instituts, das an der Brown Universität in Rhode Island, USA angesiedelt ist. Seit 2001 dokumentiert das Institut die Folgen und die Kosten des von den USA geführten »Krieges gegen den Terror«.

Der jüngste Bericht trägt den Titel »Wie der Tod den Krieg überlebt«. Er befaßt sich mit den Folgen der »Kriege gegen den Terror«, die von den USA und ihren Verbündeten, vor allem den NATO-Bündnispartnern, in Afghanistan, im Irak, in Pakistan, in Syrien, im Jemen, in Libyen und in Somalia geführt wurden und werden. Zwar hat der von den USA ausgerufene »Krieg gegen den Terror« insgesamt mehr als 85 Länder weltweit involviert, doch die genannten sieben Länder sind diejenigen, die nach den Untersuchungen des Watson-Instituts am meisten unter den Angriffen gelitten haben, die vor allem von den USA ausgeführt wurden.

Über 4,5 Millionen Tote

Mindestens 4,5 Millionen Menschen wurden seit Beginn des »Krieges gegen den Terror« allein in diesen Ländern getötet, schreibt das Watson Institut. Diese Menschen starben nicht in Kriegshandlungen, sondern an den Folgen (sic!) der Kriege. Ursache ihres eher »indirekten Todes« seien der wirtschaftliche Kollaps ihrer Heimat, der Verlust der Lebensgrundlagen, was zu Nahrungsmittelunsicherheit und Verarmung führe.

Als weiteren Grund für den millionenfachen Tod benennt das Institut die Zerstörung öffentlicher Dienstleistungssysteme und der medizinischen Infrastruktur in den betroffenen Ländern. Hinzu kommen die Verseuchung der Umwelt und die anhaltende Traumatisierung und die ausufernde Gewalt in den Nachkriegsgesellschaften.

Zusätzlich auftretende Probleme wie Naturkatastrophen, Trockenheit, Vertreibung und Umsiedlung verschärften die genannten Todesursachen, heißt es in dem Bericht weiter. Die genaue Zahl ließe sich nicht benennen, die genannte Zahl von 4,5 Millionen Toten seit Beginn der »Kriege gegen den Terror«, die nach dem 11. September 2001 geführt wurden, sei eher »konservativ«.

Die Gruppe, die am meisten unter den Folgen dieser Kriege leide, seien die Kinder, heißt es in dem Bericht. Das gelte insbesondere für die Länder Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen und Somalia. Dort seien mehr als 7,6 Millionen Kinder im Alter bis zu fünf Jahren mangelernährt und gelten in der UNO-Fachsprache als »ausgezehrt«. Im Englischen wird dafür der Begriff »wasted« benutzt: verschwendet.

Schließlich wirft der Bericht »Wie der Tod den Krieg überlebt« noch einen Blick auf die Täter und Opfer. Während Männer eher im direkten Krieg getötet würden, kommen Frauen und Kinder zumeist indirekt, durch die Kriegsfolgen ums Leben. Die »Kriege gegen den Terror« werden vor allem in Ländern geführt, deren Bevölkerung mehrheitlich Schwarz oder Braun seien, heißt es. Die kriegführenden Länder, wiesen häufig »eine Geschichte weißer Vorherrschaft und Islamophobie« auf.

2,89 Billiarden US-Dollar für Kriege gegen Irak und Syrien

Die USA-Administration hat vor 22 Jahren den »Krieg gegen den Terror« begonnen. »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«, rief der damalige USA-Präsident George W. Bush, nachdem zwei Flugzeuge gegen die Symbole der weltweiten USA-Dominanz in New York – das Welthandelszentrum im Finanzbezirk von Manhattan – geflogen waren. Zunächst schickte Washington Bomber nach Afghanistan und dann eine von den USA geführte Truppenallianz in den Irak. Seitdem haben die »Kriege gegen den Terror« kein Ende genommen.

Im März 2023 veröffentlichte das Watson-Institute eine Übersicht über die finanziellen und menschlichen Kosten, die die USA in 20 Jahren Krieg im Irak und in Syrien (2003-2023) bezahlt hat.

Grundlage sind die offiziellen – wenn auch nicht immer öffentlichen – Militäreinsätze der USA in beiden Ländern, einschließlich Operationen von Pentagon und USA-Außenministerium. Die finanziellen Kosten belaufen sich – nur für diese zwei Länder – hochgerechnet bis 2050 auf 2,89 Billiarden US-Dollar.

Die Zahl der Toten in beiden Ländern wird auf bis zu 600.000 Personen geschätzt. Mehr als 7 Millionen Menschen verließen infolge der Kriege ihre Heimat, 8 Millionen Menschen gelten als Inlandsvertriebene im Irak und in Syrien. Bis zu 122 Millionen Tonnen Kohlendioxidemissionen wurden durch Militäroperationen der USA im Kriegsgebiet ausgestoßen, was bis zu 15 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen des USA-Militärs (im Zeitraum 2003-2021) entspricht.

Aus Weizenfeldern wurden Schlachtfelder

Obwohl die Kosten bekannt sind, die die »Kriege gegen den Terror« allein den USA-Haushalt und somit die Steuerzahler in den USA bisher kosten und zu einer immer höheren Verschuldung führen, gibt es seit 22 Jahren weder bei den aufeinander folgenden USA-Regierungen noch bei den Wählern dieser Regierungen ein politisches Einlenken.

Die Kosten dieser Kriege für die betroffenen Länder sind bei den bekannten Zahlen nicht eingerechnet. Nach dem Motto »nach uns die Sintflut« wird ein Land nach dem anderen in Kriege verwickelt.

Im Irak wurden – mit der Behauptung, das Land besitze und produziere Massenvernichtungswaffen, was sich eindeutig als Lüge erwiesen hat – im Jahr 2003 intakte Regierungsinstitutionen und die Armee aufgelöst, was zu einer mörderischen Eskalation der USA-Invasion führte. Millionen Menschen wurden vertrieben, Städte wie Falluja und später auch Mossul wurden in Grund und Boden gebombt, weite Landstriche im Süden des Landes wurden mit abgereicherter Uranmunition verseucht. Die Folgen waren tot oder mit schweren Fehlbildungen geborene Kinder. Die Gesundheitsversorgung des Landes hat bis heute nicht den Status erreicht, den der Irak vor den durch die USA inszenierten UNO-Sanktionen (1990-2003) hatte.

Die Gesellschaft im Irak ist politisch und religiös gespalten, Milizen unterschiedlicher Ausrichtung, die von regionalen Akteuren und interessierten Kreisen aus aller Welt unterstützt werden, verhindern eine gute Regierungsbildung. Im Norden des Landes operieren verschiedene kurdische Akteure mal mit, mal gegen die Türkei und tragen zur anhaltenden Instabilität des Landes bei.

In Syrien wurden religiöse und politische Akteure seit 2011 mit Waffen, Geld, Logistik ausgestattet und von einer breiten Propaganda in den Medien unterstützt, um die Regierung in Damaskus zu stürzen. Die USA kooperierten dabei mit reichen Golfstaaten; die Türkei und Jordanien wurden zu Drehscheiben für Waffenlieferungen und das Einschleusen von Söldnern. Aus dem Irak rückte der »Islamische Staat« auf das syrische Schlachtfeld.

Syrien wurde vom Iran, der libanesischen Hisbollah und schließlich Rußland verteidigt, was den militärischen und politischen Einsatz der USA erhöhte. Einseitige wirtschaftliche und politische Sanktionen wurden von der EU und der USA-Administration verhängt, um die Kooperation unter den arabischen und regionalen Staaten mit Syrien zu knebeln.

Gebiete im Umland der Stadt Aleppo und die Stadt selbst wurden zerstört, Afrin und Idlib besetzt, die Stadt Rakka wurde zerbombt, die syrischen Gebiete mit den wichtigsten Ressourcen – Öl, Weizen, Baumwolle und Wasser – wurden von USA-Truppen besetzt, die auch im Süden Syriens eine illegale Militärbasis eingerichtet haben.

Die von den USA geführten »Kriege gegen den Terror« haben den »Fruchtbaren Halbmond« – das reiche Land vom Persischen Golf, das Zweistromland von Euphrat und Tigris, die Küste der Levante – verwüstet. Aus Weizenfeldern wurden Schlachtfelder. Krieg bringt mehr Macht und Profit als Weizen und Brot.