Ausland18. April 2026

Waffenruhe für Libanon verkündet

Von vielen Libanesen wird die Waffenruhe als Erfolg des Kampfes der Hisbollah gewertet

von Karin Leukefeld, Beirut

Nicht der Libanon steht für die USA-Administration im Vordergrund, sondern ein »Deal« mit dem Iran. Eine Waffenruhe in dem Krieg gegen Iran vor einer Woche und vereinbarte Gespräche in Islamabad hatten Israel veranlaßt, die permanenten Luftangriffe auf den Libanon mit einer wahren »Angriffsorgie« auszuweiten, so libanesische Medien. Mehr als 350 Personen waren bei den zehnminütigen Angriffen allein in Beirut getötet worden, in den Tagen danach stieg die Zahl der Toten auf mehr als 400.

Grund für den Gewaltexzeß war die Forderung des Iran, daß die verkündete Vereinbarung auch eine Waffenruhe in der Region umfassen müsse, also auch Waffenstillstand im Libanon. Die israelische Führung reagierte empört. Trump erhöhte den Druck sowohl auf Israel als auch auf den Libanon und ordnete das libanesisch-israelische Botschaftertreffen in Washington an.

Seitdem wurde über eine mögliche und begrenzte Waffenruhe im Libanon spekuliert, ohne allerdings konkret etwas darüber von den politisch Verantwortlichen in Beirut oder Tel Aviv zu hören. Am Mittwoch berichtete die israelische Tageszeitung »Haaretz«, die israelische Regierung habe über eine einwöchige Waffenruhe im Libanon beraten. Premierminister Netanjahu wurde allerdings mit der Ansage zitiert, er habe die Armee angewiesen, die Angriffe auf die Hisbollah im Libanon weiter zu verschärfen. Dann meldete sich Donald Trump über »Truth Social« zu Wort und verkündete, »die Führer von Israel und Libanon« würden am Donnerstag miteinander sprechen. Seitens der Regierung in Beirut hieß es allerdings den ganzen Donnerstag über, man sei nicht über irgendeinen bevorstehenden Kontakt informiert.

Am Donnerstagabend wurde gemeldet, Trump habe mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun telefoniert. Dieser habe gedrängt, daß die USA Druck auf Israel ausüben müßten, die Angriffe gegen Libanon einzustellen. Ali Rizk, Analyst für Politik und Sicherheitsfragen in Beirut, sagt im katarischen Nachrichtensender Al Jazeera, es werde deutlich, daß die Trump-Administration wenig Erfahrung mit Region habe und deren weit zurückreichenden Konflikte um Land nicht kenne und ignoriere. »Ein Anruf des USA-Präsidenten reicht nicht, um die seit mehr als 100 Jahren bestehenden Konflikte zu lösen«, sagte Rizk.

Wenig später hieß es, Donald Trump habe in einer Art »telefonischer Shuttle-Diplomatie« mit Joseph Aoun in Beirut und Benjamin Netanjahu in Tel Aviv eine zehntägige Waffenruhe »durchgesetzt«. Die »Waffenruhe im Libanon soll am Donnerstag um 21.00 Uhr GMT beginnen«, leuchtete am Abend die Schlagzeile über die hiesigen Fernsehsender. Sie solle zehn Tage dauern. Sehr viel später erst wurde bekannt, daß sowohl Aoun als auch Netanjahu zugestimmt haben sollen.

Reporter aus der südlibanesischen Hafenstadt Tyros berichteten derweil, daß die israelischen Luftangriffe auf Ziele im Süden des Landes nach Bekanntwerden einer Waffenruhe um 24 Uhr Ortszeit massiv zugenommen hatten. Innerhalb einer Stunde seien mindestens 60 Bombeneinschläge entlang der Küste zwischen Tyros und Naqoura gezählt worden. Die Bevölkerung hoffe auf eine Waffenruhe, doch bis dahin könnten noch mehr israelische Angriffe das Land verwüsten.

In der Stunde nach Mitternacht schließlich schwiegen im Südlibanon nach und nach die Waffen. Israelische Medien berichteten von blankem Entsetzen darüber, daß Netanjahu sich dem Druck aus den USA gebeugt habe, ohne sein angekündigtes Ziel, die »Zerschlagung der Hisbollah« erreicht zu haben. Netanjahu erklärte, israelische Truppen würden sich nicht aus dem Südlibanon zurückziehen und eine Pufferzone festigen, die den gesamten Süden des Landes über den Fluß Litani hinaus in die Bekaa-Ebene an die syrische Grenze umfassen werde. Ansonsten habe man die »Gelegenheit, einen historischen Deal mit Beirut« zu machen.

Die Reaktionen im Libanon fielen verhalten aus. Unter den Libanesen herrscht – ungeachtet ihrer Haltung zu Hisbollah – großes Mißtrauen gegenüber Israel. In den frühen Morgenstunden waren die Straßen aus Beirut Richtung Süden voller Fahrzeugen mit Menschen, die zuvor aus Tyros, Sidon, Nabatieh und den umliegenden Dörfern geflohen waren. Die Hisbollah veröffentlichte eine Warnung, daß sie Menschen aus Sicherheitsgründen nicht versuchen sollten, über den Litani Richtung Süden zu gelangen, bis die Lage nicht wirklich klar sei.

Von vielen Libanesen wird die Waffenruhe als Erfolg des Kampfes der Hisbollah gewertet. Besonders der Widerstand in Bint Jbeil gegen den Versuch der israelischen Armee, die Stadt einzunehmen, war offenbar erfolgreich gewesen und hatte die israelischen Truppen zurückdrängen können. Zahlen über verletzte und getötete Soldaten der israelischen Streitkräfte liegen nicht vor. Das gleiche gilt für die Hisbollah, deren militärische Einheiten der israelischen Armee unerwartet stark – wenn auch unter hohen Verlusten – Widerstand leisten konnten. Selbst israelische Offiziere räumten ein, die Stärke der Hisbollah unterschätzt zu haben.

Ali Fayyad, Parlamentsabgeordneter der Hisbollah sagte im arabischsprachigen Programm von Al Jazeera, Hisbollah werde die Waffenruhe »mit Vorsicht und Wachsamkeit« beobachten. Sollte eine libanesische Stadt oder ein Ziel von Israel angegriffen werden, werde das als Verletzung der Waffenruhe gewertet. Vor dem Libanon und vor der Hisbollah liege eine »dornige, mit Fallen und Herausforderungen« versehene Phase. Das schlimmste Szenario für den Libanon sei, wenn es erneut zu einem Bürgerkrieg kommen sollte.

Hintergrund dieser Aussage ist, daß sowohl USA als auch Israel betonen, daß die libanesische Regierung »die Hisbollah entwaffnen« müsse. Hisbollah – die immer wieder auf einer Nationalen Sicherheitsstrategie für Libanon und mit der libanesischen Armee bestanden hat – lehnt die Entwaffnung ab, solange israelische Truppen weite Teile des Landes besetzt halten. Israel setzt im Libanon auf die Strategie »Teile und Herrsche« und versucht, eine »innerschiitische Spaltung« zu befördern. Dabei sollen die Hisbollah und ihre Unterstützer von schiitischen und anderen Hisbollah-Gegnern gegeneinander aufgestachelt werden.

Die Waffenruhe soll für zehn Tage gelten – die Frage ist, wie es dann weitergehen soll. Israel besteht darauf – wie schon bei der Waffenruhe 2024 – jede Person, jedes Fahrzeug, jedes Haus im Libanon angreifen zu können, sollte es »eine Bedrohung für die Sicherheit Israels« darstellen. Und was eine Bedrohung darstellt, entscheidet Israel.

Schon die Ankündigung einer Waffenruhe im Libanon hatte an den Finanzmärkten für Entspannung gesorgt, berichtete das Internet-Portal Aktien-News. Der Ölpreis sei deutlich gefallen. Der USA-Präsident habe »optimistische Prognosen« über ein baldiges Endes des Iran-Krieges verkündet.

Mit der Waffenruhe im Libanon will Trump nun ein Abkommen mit dem Iran sichern, das es ihm ermöglich, die USA-Truppen aus der Region abzuziehen und die internationale Wirtschaftslage zu beruhigen. Gelingt das nicht und kann Trump seinen Druck auf Netanjahu nicht aufrechterhalten, wird Israel die USA erneut in einen Krieg gegen den Iran ziehen.

Für zehn Tage soll die Waffenruhe im Libanon gelten, doch was kommt dann? Was wirklich geschieht und welche Pläne die Akteure tatsächlich haben, bleibt unklar. Nichts ist gesagt über die Verluste und das Leid der Bevölkerung. Nichts ist gesagt darüber, was die ursprünglichen Bewohner dieser Region anstreben.