Bildungsbericht 2024: Erkenntnisse ohne politische Resonanz
Obgleich das SEW/OGBL am vergangenen Donnerstag zu seinem Vortragsabend über den vom Luxembourg Centre for Educational Testing (LUCET) der Universität Luxemburg sowie vom Service de Coordination de la Recherche et de l’Innovation pédagogiques et technologiques (SCRIPT) herausgegebenen Bildungsbericht 2024 auch die Politiker der im Parlament vertretenen Parteien eingeladen hatte, ließ sich von diesen bei dieser überaus aufschlussreichen Gewerkschaftsveranstaltung, an die sich eine Gesprächsrunde anschloss, kein Abgeordneter oder Fraktionsvertreter blicken, dafür umso mehr interessierte Lehrer. Vorgestellt wurden die Eckpunkte des mittlerweile vierten Bildungsberichts – der erste erschien 2015 – von den beiden LUCET-Forschern Susanne Backes und Thomas Lenz.
Armutsrisiko als Damoklesschwert über der Bildung
Susanne Backes machte gleich zu Beginn deutlich, dass das Armutsrisiko von über 18 Prozent, das inzwischen in Luxemburg besteht, wie ein Damoklesschwert über der Entwicklung des gesamten Bildungsbereichs schwebe. In der Tat: Der Bildungsbericht 2024, in dem die Begriffe Diversität und Inklusion die Schwerpunkte bilden - wobei beide definitorisch sehr breit gefasst werden – untermauert diese These mehr als deutlich.
Unter Diversität fallen das sozioökonomische Milieu, Behinderungen, die Zugehörigkeit zu einer Migrationsgruppe oder bestimmten Ethnie, aber auch Geschlecht, Religion oder sexuelle Orientierung. Die hierfür erhobene Datenmenge war breit gefächert und gut zu ermitteln.
Anders stellte es sich für die Inklusion dar: Hier existieren bislang keine zuverlässigen Zahlen und Statistiken. Aus diesem Grund hat das Observatoire de la qualité scolaire den Auftrag erhalten, wissenschaftlich verwertbare Indikatoren zu ermitteln.
Luxemburgs demografischer Wandel
Übersichtliche und auch für den Laien leicht verständliche Factsheets zeigen im Bildungsbericht die Korrelation zwischen sozioökonomischen, demografischen, sprachlichen, räumlichen und familiären Faktoren auf der Bildungsebene.
Gerade in demografischer Hinsicht lässt sich ein tiefgreifender Wandel feststellen. Die Luxemburger Bevölkerung hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre grundlegend gewandelt: Im Jahr 2023 lebten rund 220 000 Menschen mehr im Land als 2003 – ein enormer Zuwachs, während der Prozentsatz der Einwohner mit Luxemburger Nationalität von 62 auf 53 Prozent zurückging.
So ist es nicht verwunderlich, dass zu den Risikofaktoren im traditionellen öffentlichen Schulsystem vor allem die zu Hause gesprochene Sprache und die soziale Herkunft zählen.
Sprache oder soziale Herkunft – was wirkt stärker?
Wenngleich das Bildungsniveau auf tertiärer Ebene – also bei Personen mit Hochschul- oder Universitätsabschluss – zugenommen hat, täuscht dies nicht darüber hinweg, dass das Luxemburger Schulsystem weiterhin mit massiven sozialen Problemen konfrontiert ist.
Mag die Mehrsprachigkeit bzw. die Alphabetisierung in deutscher Sprache für zahlreiche Kinder mit Migrationshintergrund eine große Herausforderung oder gar ein Hindernis im Rahmen des schulischen Werdegangs darstellen, so schlägt letztlich die soziale Herkunft am deutlichsten durch. Hier zeigen sich die Differenzen zwischen Arbeiter- und Akademikerfamilien beziehungsweise Kindern aus einkommensstarken Familien am stärksten. Es ist also nicht automatisch die Sprache, die den Ausschlag gibt: In dieser Hinsicht sind sowohl Kinder ausländischer als auch luxemburgischer einkommensschwacher Familien betroffen. Auch die Beherrschung der Luxemburger Sprache von Kindesbeinen an garantiert nämlich keine besseren Lernerfolge oder sogenannte „Aufstiegschancen“, zumal Luxemburgisch und Deutsch, wenn man genauer hinsieht, durchaus unterschiedliche Sprachsysteme offenbaren.
Das Projekt »Alpha – zesumme wuessen«: Hoffnung oder Experiment?
Das noch nicht vollständig ausgewertete und bislang noch nicht einmal gänzlich von einer Schülergeneration durchlaufene Projekt »Alpha« – das man deshalb aus wissenschaftlicher Sicht mit Fug und Recht als »unausgegoren« bezeichnen kann (vor solchen wie auch vor anderen Kritiken hüten sich freilich die Autoren Backes und Lenz) – soll nun Abhilfe schaffen.
Dabei beruht vieles auf dem Prinzip Hoffnung. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich das Leseverständnis bei Schülern, die in französischer Sprache alphabetisiert wurden – also in einer Sprache, die der zu Hause gesprochenen oft am nächsten kommt –, leicht verbessert hat. Doch diese Befunde sind nach Aussage der Bildungsforscher „noch nicht belastbar“.
Hierüber müssten zukünftige Épreuves standardisées (EPStan-Tests), die gleichsam als Hauptmessinstrument gelten, Klarheit verschaffen. Sie würden, so Lenz, ein »Röntgenbild des Schulsystems« liefern. Selbst auf dem Gebiet der Diagnostik fehlt es bislang an Instrumenten, die der Luxemburg-spezifischen Mehrsprachigkeit gerecht würden; um dergestalt endlich genauer zu verstehen, wo die Potenziale, aber auch die Bruchstellen der hiesigen vielschichtigen Sprachensituation liegen.
Kein Zurück in die 1980er-Jahre
Fest steht: Die Verfasser des Bildungsberichts wagen keine Prognose, stellen aber die berechtigte Frage, was denn die Alternative wäre. Ein verknöchertes, auf die Bedürfnisse der Luxemburger Bevölkerung der 1980er-Jahre zugeschnittenes öffentliches Schulsystem kann es jedenfalls nicht sein.
Dessen waren sich auch die anwesenden Gewerkschaftsvertreter und Lehrkräfte bewusst. Gleichwohl wurde vor einer allzu starken Fokussierung auf das Sprachenproblem seitens der Gewerkschafter gewarnt. Der Erfolg von »Alpha« sei bislang nicht messbar – und daher auch nicht abzusehen. Hingegen lässt sich nicht bestreiten, dass eine derartige Reform enorme Ressourcen binden wird. Lehrkräfte, die im Rahmen der neuen Alphabetisierung eingesetzt werden, fehlen, um Lernschwächen und Lücken – insbesondere bei Kindern aus einkommensschwachen Verhältnissen – aufzuarbeiten oder anderweitige schulische Unterstützung zu bieten.
Internationale Schulen als trügerisches Vorbild
In den allgemeinen Diskurs mische sich zudem, so die Kritik des SEW, eine nicht haltbare Lobhudelei seitens des Ministers und seiner höchsten Beamten über die sogenannten internationalen EU-Schulen, die aufgrund ihrer Sprachenwahl als Bildungswunder gepriesen werden.
Bislang liegen jedoch keine eindeutigen Testergebnisse vor. Aus den öffentlichen EU-Schulen existieren nur wenige Daten; die privaten Einrichtungen wie die »Europaschulen« seien dagegen eine Black Box, über deren Kompetenz- und Wissensniveaus keinerlei Informationen vorliegen.
Darüber hinaus sind diese von Claude Meisch geförderten internationalen Schulen kein Abbild der Luxemburger Bevölkerung: Hier finden sich vornehmlich Kinder aus einkommensstarken Familien. Nimmt man den REVIS als Indikator für relative Armut, so sind in den EU-Schulen lediglich 5 Prozent der Schüler betroffen, während in den traditionellen öffentlichen Schulen 10 Prozent der Eltern den REVIS beziehen – von den »working poor« ganz zu schweigen.
Die EU-Schulen sind zudem nicht an die gesellschaftlichen und staatlichen Anforderungen Luxemburgs gekoppelt. Sie als Lösung zu propagieren bedeutet den bewussten Schritt in die Zersplitterung der Bildungslandschaft – und letztlich auch der Gesellschaft.
Plädoyer für das öffentliche Schulsystem
Von den rund 97 000 Schülern absolvieren 82,3 Prozent das nationale Programm, 6,7 Prozent besuchen öffentliche EU-Schulen und 11,4 Prozent private Einrichtungen wie die Waldorf- oder Europaschulen. Daraus kann an sich nur folgen: Alle Hebel müssen an den öffentlichen Schulen in Bewegung gesetzt werden, um die sozialen Ungleichheiten abzufedern – nicht nur durch neue Alphabetisierungsmethoden oder Sprachprogramme. Der Sprachenunterricht ist nur ein Teil der Lösung. Die internationalen Schulen sind es gewiss nicht. Darüber herrschte unter den anwesenden Lehrkräften an diesem Abend weitgehend Einigkeit.

