Ausland11. November 2025

Hitlergeneräle bauten die Bundeswehr auf

Es begann nicht erst 1955, sondern schon kurz nach der Gründung der Bundesrepublik

von Gerhard Feldbauer

Wenn am 12. November daran erinnert wird, daß in der Bundesrepublik Deutschland 1955 die ersten 101 Freiwilligen ihre Ernennungsurkunde zum Dienst in den Streitkräften erhielten und damit die Bundeswehr gegründet wurde, verfälscht das die tatsächlich stattgefundene Entwicklung, die schon kurz nach der Gründung der Bundesrepublik im September 1949 von früheren Hitlergenerälen eingeleitet wurde.

Zu den eigentlichen Gründern der deutschen Bundeswehr gehörte General Hasso von Manteuffel, der im November 1949 für Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Studie zur Aufstellung einer Armee aus kriegserfahrenen ehemaligen Soldaten der von den Alliierten geschlagenen und zur Kapitulation gezwungenen Hitler-Wehrmacht ausgearbeitet hatte.

Im August 1950 übernahm der frühere General der Panzertruppen der faschistischen Wehrmacht, Gerhard Graf von Schwerin, die zentrale Planung. Zwei Monate später beauftragte Kanzler Adenauer seinen Parteifreund, Ex-Oberstleutnant der Wehrmacht Theodor Blank, das nach ihm benannte Amt zur Leitung des Aufbaus einer neuen Wehrmacht zu bilden.

Im Juni 1955 – sieben Monate vor den entsprechenden Maßnahmen in der DDR – wurde das »Amt Blank« in »Verteidigungsministerium« umbenannt. Im Bundestag gab Blank die geplante Stärke der Streitkräfte mit 370.000 Mann Heer, 70.000 Luftwaffe, 24.000 Marine und 40.000 Territorialarmee bekannt. Anschließend wurden weitere 44 ausgewählte Generäle der Hitler-Wehrmacht eingestellt, vorwiegend Generalstabsoffiziere, kommandierende Generäle oder Divisionskommandeure, die bis 1945 zur jüngeren Wehrmachts-»Elite« gehört hatten. Adolf Heusinger und Hans Speidel wurden zu Generalleutnanten ernannt. Alle 104 zu dieser Zeit in der Bundeswehr aktiven Generäle und Admirale hatten unter Hitler gedient.

Gründungsväter mit Blut an den Händen

Zu den Gründungsvätern gehörten fanatische Militaristen und Anhänger des Hitler-Regimes wie Heinz Trettner, Johannes Adolf Graf von Kielmannsegg oder Karl Adolf Zenker. Görings Jagdflieger in der »Legion Condor«, Johannes Trautloft, baute die Luftwaffe mit auf. Er wurde kommandierender General der Luftwaffengruppe Süd und erhielt zum »Spanienkreuz« in Gold für seinen Kampf gegen die Spanische Republik das Bundesverdienstkreuz mit Stern. Er gründete die Traditionsgemeinschaft »Legion Condor«, deren Wirken »der bundesdeutschen Jugend als Vorbild dienen« müsse.

In seinen Memoiren »Als Jagdflieger in Spanien« hatte Trautloft diese Vorbildrolle beschrieben. Nach einem Luftangriff auf Madrid rühmte er, »uralte Jagdinstinkte«, die »Instinkte des Jägers«, seien durchgebrochen. Nach Tieffliegerangriffen auf Toledo beschrieb er, wie MG-Garben »in den Feind einschlagen«, Lastwagen sich überschlugen. »Menschen hervorkriechen, viele torkeln, fallen, bleiben liegen. Wohl nichts vermag den Soldaten tiefer zu befriedigen, als der Anblick einer kopflosen, panischen Flucht des Feindes.«

Entgegengesetzte Traditionen in der DDR

Zum Vergleich sei angeführt, daß die Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR und vorher die Kasernierten Volkspolizei – denen man gerne vorwirft, sie wären ebenfalls mit einem hohen Anteil an Wehrmachts-Militärs aufgebaut worden – unter der maßgeblichen Führung von Männern aufgebaut wurden, die als Freiwillige in den Internationalen Brigaden die Spanische Republik mit der Waffe in der Hand verteidigt hatten, sowie von Offizieren und Soldaten, an der Seite der Roten Armee der Sowjetunion an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus teilgenommen hatten. Zwischen 1948 und 1958 gab es in der NVA neun ehemalige Wehrmachtsgeneräle. Von ihren etwa 18.500 Offizieren waren 1956 noch rund 540 ehemalige Wehrmachtsoffiziere aktiv. 1959 waren es noch 163, ihre Zahl im aktiven Dienst reduzierte sich bis 1964 auf 67. In der westdeutschen Bundeswehr kam dagegen noch im Jahr 1979 jeder zweite der 215 aktiven Generäle und Admirale aus der Wehrmacht. Auch daraus ergibt sich der völlig entgegengesetzte Geist, in dem die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere in beiden Armeen erzogen und ausgebildet wurden.

Geblieben ist die braune Vergangenheit

Das Problem früherer Wehrmachtsoffiziere hat sich in der Bundeswehr inzwischen auf biologische Weise nahezu gelöst. Geblieben ist die unbewältigte braune Vergangenheit, von den Namen von Kasernen, Wehrmachtslieder und andere Traditionen sowie der an neue Generationen weiter gegebene faschistische Ungeist, der sich immer wieder bemerkbar macht. Das wurde auch deutlich, als mit dem Anschluß der DDR 299 vor allem antifaschistische Traditionsnamen der NVA beseitigt wurden, darunter Namen wie Rudolf Breitscheid und Wilhelm Leuschner, Harro Schulze Boysen, Arvid Harnack und natürlich Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, aber auch Clausewitz, Blücher, Lützow und Schill. Dazu gehörte der Name des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Hans Beimler, der als Mitglied der illegalen Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands nach seiner Flucht aus dem KZ Dachau nach Spanien ging, wo er als politischer Kommissar des »Thälmann-Bataillons« der XI. Internationalen Brigade am 1. Dezember 1936 vor Madrid fiel.

Kriegsverbrecher auf der Traditionsliste

Unter ihrer alten Truppenbezeichnung wurde die 1. Gebirgsdivision »Edelweiß« in die westdeutsche Bundeswehr übernommen. Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der seinen Grundwehrdienst bei den Gebirgsjägern ableistete, lobte »ihre Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart«. Zu diesen »Leistungen« gehören die im September 1943, nach dem Ausscheiden Italiens aus der faschistischen Achse mit Hitlerdeutschland auf der griechischen Insel Kefalonia an italienischen Soldaten und Offizieren begangenen Kriegsverbrechen, nachdem sie ihre Entwaffnung verweigert haten. Als die Division »Acqui« am 22. September kapitulierte, wurden von den Gebirgsjägern der Divisionskommandeur und 155 Offiziere sowie 4.750 Mann niedergemetzelt.

Der Freiburger Militärhistoriker Gerhard Schreiber hielt in seinem Buch »Deutsche Kriegsverbrechen in Italien« fest, daß es sich um Mord und um »eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges« gehandelt habe. Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg stellte fest, die italienischen Truppen, die sich der Entwaffnung widersetzten, »erfüllten hinsichtlich ihres Status als Kriegführende alle Bedingungen der Haager Konvention«. Der Kommandierende General des XXII. Gebirgs-Armeekorps, Hubert Lanz, wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren verurteilt, von denen er nur fünf verbüßen mußte.

Bei der 1. Gebirgsdivision der Bundeswehr wurde General Lanz in die Traditionslinie eingereiht. Major Reinhold Klebe, unter dessen Kommando in Kefalonia 400 Gefangene ermordet wurden, brachte es als Oberstleutnant bis zum Standortältesten von Mittenwald. In der Zeitschrift »Die Gebirgstruppe« rühmte er den Einsatz in Kefalonia »als eine große Leistung deutscher Truppen im Gebirgskrieg«. Der erste Generalstabsoffizier der Edelweiß-Division Hitlers, Karl Wilhelm Thilo, schaffte es in der Bundeswehr zum Drei-Sterne-General. Unter den unzähligen Verantwortlichen für Kriegsverbrechen, die straffrei ausgingen, befanden sich auch 300 Gebirgsjäger, gegen die 1972 sämtliche Ermittlungen eingestellt wurden. Der frühere Wehrmachtsoberst Albert Schnez, der zum Generalleutnant und Heeresinspekteur der Bundeswehr aufstieg, forderte laut »Frankfurter Rundschau« vom 15. Dezember 1969 diesen Geist der faschistischen »Kampfbataillone und -kompanien des letzten Krieges« als »Vorbild« zu pflegen.

Der Geist ist wach geblieben

Daß dieser Geist bis heute wach gehalten wird, bezeugte keine Geringere als die jetzt zur Präsidentin der UNO-Generalversammlung berufene frühere Außenministerin der Regierung von Olaf Scholz, Annalena Baerbock, als sie vor ihrem Amtsantritt in einem Interview mit der US-amerikanischen Denkfabrik »Atlantic Council« den »Endkampf« ihres Großvaters in Hitlers Wehrmacht gegen die heranrückende Rote Armee als »wertvollen Beitrag für ein geeintes Europa« würdigte. Und sie hatte auch nie etwas dagegen einzuwenden, wenn im deutschen Bundestag Vertreter der Ukraine, wie in den USA und anderen EU-Ländern auch, die die Waffen-SS-Division »Galizien« und die Angehörigen dieser berüchtigtsten Massenmörderorganisation verehren, auftreten und den Faschistengruß »Slawa Ukraini!«, die ukrainische Variante des deutschen »Sieg Heil!«, ausrufen konnten. Oder wenn die ZDF-Journalistin Anna Loll russischsprachige Bewohner des Donbass vor laufender Kamera als »Untermenschen« bezeichnete. Diese Aussage wurde dann zwar nicht ausgestrahlt, aber von Unbekannten in den sozialen Netzwerken verbreitet.

Es entsprach offensichtlich auch der Haltung von Frau Baerbock, wenn die Münchner Politikwissenschaftlerin Florence Gaub in einer »Markus Lanz«-Talkshow erklärte: »Ich glaube, wir dürfen nicht vergessen, daß, auch wenn Russen europäisch aussehen, daß es keine Europäer sind, im kulturellen Sinne«, was von einer chauvinistischen Pervertierung ohnegleichen zeugt.