Seine Fatwa, die Atomwaffen verbot, traf in den Führungskreisen des Iran auf Widerstand:
Wer war Ali Chamenei?
Ali Chamenei, »Oberster Führer« oder auch »Revolutionsführer« des Iran, ist am 28. Februar 2026 – während laufender Verhandlungen – in einem US-amerikanisch-israelischen Überraschungsangriff getötet worden. Die Bezeichnung »Revolutionsführer« hat in seinem Fall durchaus Berechtigung: Er war Schüler und Mitarbeiter Ayatollah Chomeinis, dessen Ideen und Charisma die islamische Revolution und den Sturz des Schah im Jahr 1979 maßgeblich gefördert hatten.
Ali Chamenei wurde 1939 geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt Maschhad, in Nadschaf im Irak und später in Ghom, wo er die Klassen von Chomeini besuchte. Wie viele andere Geistliche im Iran in dieser Zeit beschäftigte er sich mehr mit Politik als mit religiöser Lehre. Die Diskussionen unter den Studenten in Maschhad drehten sich oft um die Schriften von Karl Marx, Josip Broz Tito und Ali Schariati. Schariati war ein schiitischer Intellektueller, der eine Synthese aus modernem Sozialismus und traditionellem Schiismus bilden und die Ideen von Frantz Fanon und Marx an das iranische Umfeld anpassen wollte.
Unter der Herrschaft des Schahs wurde Chamenei mehrmals verhaftet und floh später mit der Gruppe um Chomeini ins Exil nach Frankreich.
1978 war das Jahr der beginnenden Revolution. Proteste, Demonstrationen, Streiks gegen das Regime des Schahs häuften sich. Die Alleinherrschaft des Schahs, seine wirtschaftlichen Reformen sowie seine engen Beziehungen zu den westlichen Mächten wurden in Frage gestellt. Ein Brand in einem Kino, bei dem hunderte Menschen ums Leben kamen, wurde dem Geheimdienst SAVAK angelastet.
Gewaltsame Auseinandersetzungen waren die Folge. Ab Anfang November 1978 befand sich das gesamte Land im Generalstreik. Ayatollah Chomeini forderte am 3. November den Schah zur Abdankung auf. Im Dezember begann der erste Monat des islamischen Kalenders, der Muharram. Bei den Muharram-Protesten ab dem 2. Dezember 1978 gingen mehrere Millionen Menschen für den Sturz Pahlavis und die Rückkehr Chomeinis aus seinem französischen Exil auf die Straße. Am 1. Februar kehrte Chomeini und mit ihm Ali Chamenei aus dem Exil zurück.
Am 1. April 1979 wurde in Teheran nach einem Volksentscheid die Islamische Republik Iran ausgerufen. Damals schien es für diese Republik kaum möglich, die unterschiedlichen Interessen der religiösen und säkularen Gruppen unter einen Hut zu bringen. Kommunisten und Linke mußten fliehen oder wurden ermordet. Die säkulare, fortschrittliche Opposition wurde ausgeschaltet.
Chamenei, der Jüngste aus dem Führungskreis um Chomeini, nahm wichtige staatliche Funktionen ein. Als Ministerpräsident führte er das Land während des Krieges. Denn die USA ließen Krieg führen gegen die islamische Republik. 1980 überfiel der Irak unter Saddam Hussein den Iran, mit freundlicher Unterstützung durch die USA. Geheimdienstinformationen, Ausbildung, Satellitenbilder – schon damals ließ Washington nichts unversucht, den Iran zu zerstören. Viele wollen sich nicht erinnern: Der spätere Pentagonchef Donald Rumsfeld besuchte zweimal während des Krieges Bagdad. Kurz vor seinem zweiten Besuch hatte der Irak chemische Kampfstoffe gegen Iran eingesetzt.
Hunderttausende Tote auf beiden Seiten waren das Ergebnis dieses Krieges. USA-Präsident Ronald Reagan schrieb eine Notiz an seinen Pentagonchef: Iran darf diesen Krieg nicht gewinnen. Die USA hatten mit diesem Versuch des Regime-Change dennoch keinen Erfolg. Saddam Hussein fiel in Ungnade und wurde seinerseits Opfer der US-amerikanischen Sanktionspolitik.
Während des Krieges von 1981 bis 1989 war Chamenei Präsident des Iran. Er machte dabei militärische Erfahrungen an der Front, die ihm später von Nutzen waren. Nach dem Tod von Chomeini wurde er vom »Expertenrat« zum »Revolutionsführer« gewählt und blieb in diesem Amt bis zu seinem Tod durch USA-Bomben. Einfluß auf die Tagespolitik hatte er nicht. Ministerpräsidenten unterschiedlicher Couleur, von Reformern bis zu stark konservativen, wurden gewählt. Wellen von Protesten überzogen immer wieder das Land. Zum Teil internationale, aber vor allem westliche Sanktionen sollten es zerstören. Israelische Geheimdienste töteten Wissenschaftler und Staatsgäste.
Chamenei gab die Leitlinien der Politik im Allgemeinen vor. Dabei war er pragmatischer, als es im Westen oft dargestellt wurde. Zwei Entscheidungen ragen über die Jahre hervor: Chamenei war der Architekt des iranischen Militärprogramms. Der Ausbau der Raketentechnik, die im Krieg im vergangenen Jahr und jetzt wieder zum Einsatz kommt, war seine Entscheidung. Und er hielt die Abschreckung durch Irans Raketen für ausreichend und ließ deshalb jede Ambitionen auf Atomwaffen stoppen. Seine Fatwa, die Atomwaffen verbot, traf in den Führungskreisen des Iran auf Widerstand. Es ist nicht auszuschließen, daß sie jetzt rückgängig gemacht wird.
Chamenei wußte, daß er in dem kommenden Krieg das erste Ziel sein würde. Sich in einem Bunker zu verstecken, lehnte er dennoch ab. Er ahnte wohl, daß er als Märtyrer seiner Idee mehr nutzen würde als auf der Flucht in einem Versteck.

