Roter Teppich für Immobilenhaie
Immobilienmesse MIPIM in Cannes: Patronat und Minister werben um neue Wohnungsspekulanten mit privaten Gewinninteressen
Erhöhtes Haiaufkommen an der Côte d’Azur: In Cannes ging am Freitag der Marché international des professionnels de l'immobilier (MIPIM), laut Veranstalter eine der größten Messen für Wohn- und Gewerbeimmobilien der Welt, zu Ende. Unter den »mehr als 20.000 Teilnehmern und 2.300 Ausstellern aus über 90 Ländern«, die zu dem fünftägigen Branchentreffen an die französische Mittelmeerküste gereist sind, war zum 19. Mal auch eine luxemburgische Delegation mit Außen- und Außenhandelsminister Xavier Bettel und Vertretern der Handelskammer an der Spitze.
Mit von der Partie war auch der von der DP gestellte Hauptstadtschöffe und Parlamentsabgeordnete Patrick Goldschmidt, der sich erklärtermaßen selbst als »Verfechter der Privat- und Finanzwirtschaft« im hauptstädtischen Gemeinderat und seit knapp zweieinhalb Jahren auch in der Chamber sieht. Am Luxemburger Pavillon, der wie immer von der Handelskammer koordiniert wurde, beteiligten sich laut einer Pressemitteilung des Außenministeriums in diesem Jahr 14 Aussteller, hinzu kamen 13 luxemburgische Unternehmen mit eigenen Messeständen.
»Die Teilnahme an der Messe«, teilte sein Haus weiter mit, »bot Minister Bettel die Gelegenheit, die Stände der luxemburgischen Unternehmen zu besuchen und sich mit deren Vertretern über die Herausforderungen für die Weltwirtschaft sowie deren Folgen, insbesondere für den Immobiliensektor, auszutauschen.« Mit »Herausforderungen für die Weltwirtschaft« dürften in erster Linie der vor zwei Wochen begonnene Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran sowie die milliardenschweren Zollforderungen von USA-Präsident Donald Trump gemeint sein.
In seiner Rede anläßlich eines Empfangs im Luxemburger Pavillon ging Minister Bettel der Ministeriumsmitteilung zufolge »auf die Chancen und Herausforderungen der luxemburgischen Wirtschaft ein« und versuchte, so erklärte er einem mitgereisten RTL-Vertreter, »neues Vertrauen bei internationalen Investoren zu gewinnen« und »den luxemburgischen Markt im Ausland wieder attraktiv zu machen«. Bei großen Bauprojekten, wurde Bettel von RTL zitiert, würden hohe Summen gebraucht.
»Und wenn man diese Gelder«, so der Minister weiter, »auch aus dem Ausland bekommen kann, indem Leute in Luxemburg investieren, ist es in unserem Interesse, wenn wir neue Wohnungen bauen können, Arbeitsplätze erhalten können und die Leute im Grunde auch Steuern bezahlen«. Das sei dann so etwas wie eine »Win-win-win-win-Situation«. Warum die als »Leute« bezeichneten Makler, Fondsmanager, Banker und weitere an die Côte d’Azur gekommene Renditejäger auf Wohnungssuche in Luxemburg nur »im Grunde« Steuern zu zahlen haben, führte Bettel nicht näher aus.
In seiner 1872 erschienenen, bis heute lesenswerten Schrift »Zur Wohnungsfrage« sah Friedrich Engels in der Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger einen der »zahllosen kleineren, sekundären Übelstände« der kapitalistischen Produktionsweise und konstatierte: »Daß eine Gesellschaft nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann, in der (…) der Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten Mietpreise herauszuschlagen.« In einer kapitalistischen Gesellschaft, so Engels, sei die Wohnungsnot »kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution«.

