Ausland28. Oktober 2023

Vor 40 Jahren

Keine Experimente – und seien sie auch noch so klein

Im Oktober 1983 überfielen USA-Truppen die Karibikinsel Grenada

von Uli Jeschke

In den frühen, noch dunklen Morgenstunden des 25. Oktober 1983 bemühten sich Männer in schwarzen Neoprenanzügen, möglichst geräuschlos den südwestlichen Strandabschnitt der Insel Grenada zu entern. Nachdem sie ein paar Meter aus dem Wasser heraus waren, gingen plötzlich Scheinwerfer an. Kameraleute begannen zu filmen. Beinahe hätte die USA-Spezialeinheit die Fernsehleute über den Haufen geschossen, schließlich wähnten sie sich auf geheimer Mission gegen die Ausbreitung des Kommunismus.

Doch der seit zwei Jahren im Weißen Haus residierende Präsident, der Ex-Schauspieler Ronald Reagan, wußte um die Macht der Fernsehbilder. So ließ er »eigene Leute« vor Ort bringen, die die entsprechende »Heldensaga« für die nachfolgende PR-Offensive produzieren sollten. Die USA-Strategen hatten aus dem nur ein paar Jahre zurückliegenden Vietnamkrieg und der »schlechten Presse« gelernt: eine unabhängige Berichterstattung sollte mit allen Mitteln verhindert werden.

Aber der »Stern« irrte sich, als er damals schrieb, Washington wolle einen Krieg ohne Zeugen. Es ging darum, »Wahrheit« zu produzieren, die eigene Sichtweise als einzig mögliche zu präsentieren. So waren denn auch, als im Morgengrauen Soldaten des 75. Ranger-Regiment der US Army über dem Flughafen Point Salines absprangen, Army-TV-Teams dabei, um für die richtigen Bilder zu sorgen.

Doch wie kam es dazu, daß Soldaten die kleine Insel am Rande der karibischen Antillen überrannten?

Bis 1979 war die imperialistische Welt in Grenada noch in Ordnung. Das Inselchen gehörte zu den britischen Überseegebieten, war formell der britischen Krone unterstellt, die dort einen Mann namens Eric Gairy das schmutzige Kolonialregierungsgeschäft betreiben ließ. Der 1922 geborene Gairy war seit den 1950er Jahren mehrfach in Regierungsverantwortung, wurde wegen Korruption entlassen, kam aber wieder an die politische Machtposition. Sowohl die Kolonialmacht wie auch reaktionäre Freunde in der Region, etwa der chilenische Putschgeneral Augusto Pinochet, hielten die Hand über ihn. Für seine Verdienste wurde er von der Queen geadelt.

Nach innen führte Sir Eric ein hartes Regime und gegen Oppositionelle setzte er seine private Schlägerbande in Marsch. Erst mit der New-Jewel-Bewegung von Maurice Bishop kam eine organisierende Kraft in den Widerstand. »Jewel« stand für Joint Endeavor for Welfare, Education and Liberation – Vereintes Bemühen um Wohlfahrt, Bildung und Befreiung. Die Unzufriedenheit auf Grenada hatte für immer mehr Zulauf zur Opposition gesorgt. Schließlich fühlten sich Bishop und seine Mitstreiter so stark, daß sie offen um die politische Macht kämpften. Am 13. März 1979 befand sich der verhaßte Gairy gerade in New York und so gelang seine fast gewaltlose Entmachtung.

Maurice Bishop wurde Premierminister. Sein langjähriger Mitstreiter und Freund Bernard Coard sowie Bishops Lebensgefährtin Jacqueline Creft bildeten den Kern der neuen Regierung. Sofort wurden soziale Reformen in Angriff genommen: Einführung einer staatlichen Gesundheitsversorgung und Aufbau neuer Schulen, um allen eine gute Bildung zu ermöglichen. Die Gründung von Genossenschaften in der Landwirtschaft wurde unterstützt.

Alles noch kein Sozialismus, doch höchst verdächtig: die neue Regierung holte sich Rat in Kuba und in der DDR. Zwar bot sie auch den USA Gespräche zur Verbesserung der Beziehungen an, doch die ließen sie nur abblitzen. Stattdessen startete die USA-Regierung eine breite Desinformationskampagne gegen Grenada. Doch die Yankees beließen es nicht bei Verleumdungen. Auch wirtschaftlich drehten sie den Grenadern den Hahn zu.

Die grenadische Regierung benötigte aber dringend Einnahmen, um die Reformen zu finanzieren. So wurde eine schon zu Beginn der 1960er Jahre kolportierte Idee aufgegriffen. Wer aus Europa oder Nordamerika auf die Insel wollte, mußte den Umweg über einen großen Flughafen auf den Nachbarinseln machen, da auf Grenada nur Kleinflugzeuge landen konnten. Um den Tourismus stärker anzukurbeln, sollte nun im Südwesten der Insel ein Verkehrsflugplatz gebaut werden, der auch großen Maschinen gestattete, direkt auf der Insel zu landen.

Bei der Akquise von Investitionsgeldern klopfte Premier Maurice Bishop auch beim USA-Botschafter an. Der machte zur Bedingung, die Beziehungen zu Kuba zu kappen. Da Bishop sich nicht vorschreiben lassen wollte, mit wem sein Land Beziehungen pflegt, lehnte er dankend ab.

Allerdings waren die Kubaner sofort bereit zu helfen – mit Geld, Baumaterial, Maschinen und Arbeitskräften. So kam es, daß im Laufe der Zeit fast 800 Kubaner in Point Salines beim Flughafenbau mithalfen. Bishop gestattete kubanischen Wachleuten, Handfeuerwaffen zu tragen, denn die Kriminalität hatte sich zwar seit seiner Regierungszeit gravierend verringert, aber Baumaschinen und Baumaterial waren zu verlockend.

Kubaner mit Waffen auf Grenada! Das war zu viel für die USA: Die kubanische Armee errichte auf Grenada einen Flugplatz für sowjetische Bomber, kubanische Truppen seien auf Grenada stationiert, die Sowjets rüsteten Grenada mit Panzern und schwerem Gerät aus – diese und weitere Lügen machten die Runde durch die Medien. USA-Präsident Reagan ließ Pläne für eine Invasion erarbeiten. Doch es braucht noch einen passenden Anlaß.

Tragischerweise lieferten Mitstreiter von Maurice Bishop selbst den Vorwand. Am 14. Oktober 1983 stürzten Vizepremier Coard und Hudson Austin, der für die bewaffneten Kräfte zuständig war, Bishop und sieben andere Regierungsmitglieder. Die Putschisten behaupteten, Bishop habe die revolutionäre Linie verlassen, weil er um Kredite bei Feinden Grenadas gebeten hatte, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Aber Coard und Austin hatten die Rechnung ohne die Grenader gemacht. Fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung ging auf die Straße. Bishop wurde aus dem Hausarrest befreit, allerdings am 19. Oktober wieder festgenommen. Noch am gleichen Tag wurde er zusammen mit seiner schwangeren Lebensgefährtin und weiteren Verbündeten hingerichtet.

Das nahm der britische Generalgouverneur von Grenada, Paul Scoon, zum Anlaß, die USA »um Hilfe zu bitten«. Schnell wurde in den USA noch die Geschichte von zu rettenden USA-Studenten in die Welt gesetzt. Mit Hilfe von CIA-Geldern fanden sich ein paar willige Karibikstaaten.

Und so fielen am Morgen des 25. Oktober 1983 mehr als 7.000 USA-Soldaten gemeinsam mit 300 karibischen Helfern sowie mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen einer vor der Küste Grenadas liegenden Flugzeugträgergruppe über die Insel her. Offiziell gab es auf grenadischer Seite mehr als 70 Tote, darunter 24 Zivilisten, unter anderem, weil eine Klinik bombardiert wurde. 24 Kubaner wurden ermordet. 400 Menschen erlitten Verletzungen. Alle Kubaner, aber auch sowjetische und DDR-Spezialisten, darunter eine Brigade der Freundschaft der Freien Deutschen Jugend (FDJ), wurden interniert. Die Verluste der Angreifer betrugen 19 Tote und 116 Verwundete. Obwohl es den Verteidigern gelang, einen USA-Hubschrauber abzuschießen, gingen etliche Verluste auf sogenanntes »friendly fire«, also Eigenbeschuß, zurück.

Bei ihrem Kreuzzug gegen den Kommunismus nahm die USA-Regierung keinerlei Rücksicht – weder auf das Völkerrecht noch auf befreundete Staaten. Grenada ist bis heute Mitglied des Commonwealth. Die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher wurde nur vier Stunden vor dem Angriff per Telefon informiert und damit vor vollendete Tatsachen gestellt.

Die militärische Konterrevolution wirkt bis heute nach. Grenada ist eine parlamentarische Monarchie unter der britischen Krone. Das Land gilt als stabil.