Tod im Minutentakt
Libanon unter israelischem Bombenhagel
Die Einschläge kommen im Minutentakt. Bei Morgengrauen beginnt die israelische Luftwaffe die südlichen Vororte von Beirut zu bombardieren. Es beginnt mit einem Angriff auf das Amerikanische Viertel. Es folgen Bomben auf Haret Hreik, dann wird das Geldunternehmen Al Qard Al Hasan bombardiert. Zwei Mal kurz hintereinander wird das Gebäude von Al Qard al Hassan in Safir, Mar Mikhael angegriffen. »Bei der Kirche, neben dem Armee-Kontrollpunkt«, wird in sozialen Medien präzisiert.
Ein weiterer Angriff trifft Al Qard Al Hassan Gebäude in Ain al-Sikka in Burj Al-Barajneh sowie in Bir Al Abed, an der Scheich Ragheb Straße. Es folgen zwei weitere Luftangriffe auf das Gebäude von Al Qard al Hasan auf dem Hadi Nasrallah Schnellstraße, gegenüber der Al Wafaa Bäckereien.
Al Qard al Hasan ist eine Bank, die Privatpersonen zinslose Kleinkredite anbietet. Viele Menschen nutzen das Institut seit Jahren, um sich Solarpanele für die Stromversorgung anschaffen zu können. Die Rückzahlung erfolgt auf Raten. Angesichts der anhaltenden Bankenkrise im Libanon, bei der viele ihre gesamten Ersparnisse verloren haben, handelt es sich bei der privat betriebenen Bank um eine beliebte und vor allem finanzierbare Anlaufstelle. Al Qard al Hasan arbeitet mit einer offiziellen Genehmigung der libanesischen Regierung.
Ticker informieren über israelische Bomben
Die Aufstellung stammt von Ahkbaria News, es ist ein Ticker, den die Libanesen auf ihre Mobiltelefone laden können, um über die aktuellen Luftangriffe informiert und gewarnt zu sein. Die meisten libanesischen Medien haben mittlerweile eine solche Tickerfunktion eingeführt, auf der das Neueste berichtet wird.
Bei »Al Akhbar«, einer libanesischen Tageszeitung heißt es in den Abendstunden des 9. März um 20.14 Uhr, Sultan Haitham bin Tariq von Oman habe per Telegramm dem neuen Obersten Führer des Iran, Mojtaba Khamenei zu seiner Wahl gratuliert. Eine Minute später meldet ein Korrespondent der Zeitung, daß die israelische Luftwaffe im Bezirk von Nabatieh, im Südlibanon, den Ort Al-Namiriya bombardiert habe. Zehn Minuten später folgt die Meldung, daß Israel erneut ein Gebäude von Al Qard-al Hasan bombardiert habe. Der Angriff sei in Al-Aqabiyah gewesen, fünf Personen wurden verletzt. Um 20.27 Uhr folgt die Meldung, daß 15 Syrer bei einem israelischen Angriff auf Kawthariyat al-Ruz verletzt wurden, im Bezirk der Hafenstadt Sidon. Um 20.30 Uhr geht die Meldung eines Korrespondenten ein, daß ein Rettungssanitäter bei einem Angriff auf einen Konvoi von Rettungswagen in Majdal Zoun verletzt wurde. Zwei weitere Sanitäter seien unverletzt entkommen. Die Rettungssanitäter seien in den Ort gefahren, um erste Hilfe zu leisten, nachdem die Israelische Luftwaffe dort bombardiert habe. Um 20.31 Uhr berichtet ein Korrespondent der Zeitung, die Israelische Luftwaffe habe erneut im Bezirk von Nabatieh angegriffen, den Ort Sinai.
Am Morgen des 10. März berichtet die Onlinezeitung »L’Orient Today« aus Beirut, daß in der Nacht ein medizinisches Zentrum in Zifta im Bezirk Tyros von Israel bombardiert worden sei. Das Zentrum werde von der Islamischen Gesundheitsgesellschaft geführt, die der Hisbollah nahesteht. Neun Menschen wurden bei dem Angriff getötet. Kurz zuvor habe die israelische Luftwaffe den Ort Jwayya im Bezirk Tyros bombardiert und drei Menschen getötet, darunter ein Rettungssanitäter. 16 weitere Personen wurden verletzt. Rettungssanitäter hätten zudem zwölf Personen von einer Hühnerfarm in Yohmor al-Shaqif im Bezirk Nabatieh gerettet, die bereits am Sonntag von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden war. Unter den Geretteten seien drei Kinder. Die Rettungssanitäter hätten drei Personen nur noch tot aus den Trümmern des Gebäudes bergen können.
Am Montagmorgen forderte die israelische Armee erneut die noch verbliebenen Menschen im Süden des Landes auf, alle Gebiete einschließlich der Orte Tyros und Sidon zu verlassen, weil man dort »Infrastruktur der Hisbollah« zerstören werde.
Die Zahl der Toten durch die israelischen Angriffe seit Anfang März auf den Libanon liegt nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums bei 486. Libanesische Medien nennen eine Zahl von 572, die 86 Personen enthält, die nach dem letzten Bericht getötet wurden. Unter den Getöteten sind mindestens 83 Kinder und 42 Frauen. Mehr als 1.300 Verletzte werden gemeldet. Mehr als 700.000 Menschen mußten wegen der anhaltenden israelischen Angriffe und Evakuierungsaufforderungen ihre Wohnorte verlassen.
Nicht alle helfen
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die Rote Kreuz-Rote Halbmondgesellschaften, Caritas, WHO und UNRWA versuchen die Inlandsvertriebenen zu versorgen. Ausländische Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen, die im Libanon sonst aktiv sind, beteiligen sich – wie bereits im Jahr 2024 während des zweimonatigen Krieges – offiziell nicht an den Hilfsmaßnahmen.
Die Regierung hat Schulen und Universitäten sowie andere große Gebäude zur Verfügung gestellt, um die Menschen unterzubringen. Allerdings kommt es auch zur Abweisung der Schutzsuchenden, weil man sie für Anhänger der Hisbollah hält, die vor allem von sunnitischen und einigen christlichen Parteien oder Privatpersonen abgelehnt wird. Politiker und Medien dieses Lagers, das der Hisbollah gegenüber feindlich eingestellt ist, machen die Organisation für die massiven Angriffe Israels verantwortlich.
Tatsächlich hatte die Hisbollah seit Beginn der Waffenruhe 2024 – bis auf einmal, wie die UNO dokumentierte – nicht auf die anhaltenden israelischen Angriffe auf Libanon reagiert. Allerdings hatte die Organisation als Reaktion auf die Ermordung von Ali Khamenei am 28. Februar 2026 ihre Angriffe auf Israel wieder aufgenommen. Begründet wurde das auch damit, daß Israel die Waffenruhe nie eingehalten habe und es nicht länger hinnehmbar sei, die Angriffe, Zerstörungen und die Tötung libanesischer Bürger weiter zu dulden.
Wiederaufnahme der Kämpfe
Es war auch eine Reaktion auf die Untätigkeit der libanesischen Regierung, die Angriffe Israels und die anhaltende Besatzung im südlichen Libanon zu stoppen. Als Israel Anfang März seine Angriffe auf den Libanon massiv erhöhte, wurde die libanesische Armee aus der Grenzregion weitgehend abgezogen. Am Mittwoch wurde berichtet, daß die Hisbollah erfolgreich Versuche der israelischen Armee, mit Bodentruppen in den Süden des Landes einzumarschieren, zurückgeschlagen habe. Zu direkten Kämpfen kam es bei Bint Jbeil und Marjayoun. Hisbollah meldete zwanzig Angriffe gegen israelische Truppen und mit Raketen auf Städte im Zentrum von Israel, darunter auch Tel Aviv.
Der libanesische Präsident Joseph Aoun rief derweil wie auch Ministerpräsident Nawaf Salam zu direkten Verhandlungen mit Israel auf. In einer Videokonferenz mit der Führung der EU schlug Aoun am Montag vor, die Verhandlungen sollten unter internationaler Kontrolle stattfinden. Parallel müsse die libanesische Armee schleunigst die Entwaffnung der Hisbollah durchsetzen und zwar besonders dort, wo die Kämpfe seit Anfang März eskaliert seien, berichteten libanesische Medien. Gemeint ist der Südlibanon, wo die Hisbollah aktiv versucht, eine israelische Bodeninvasion zu stoppen. Aoun bezeichnete die Hisbollah als »nicht-staatliche bewaffnete Gruppe«, die »nicht im Interesse des Libanon« agiere. Mit der Wiederaufnahme von Angriffen auf Israel habe die Hisbollah zu dem massiven israelischen Angriff »eingeladen«, um die eigene Position innerhalb des Landes zu stärken. Die Hisbollah versuche den libanesischen Staat zu stürzen.
Krieg oder Unterwerfung
Der Vorsitzende der Fraktion »Loyalität mit dem Widerstand« im Parlament, Mohammad Raad, hatte wiederholt betont, die Verteidigung des Libanon liege in der Verantwortung des Staates und der libanesischen Armee. Die Hisbollah sei bereit, die eigenen Waffen und Kämpfer in eine »Nationale Verteidigungs- und Sicherheitsstrategie« einzubinden. Seit November 2024 seien weder der Staat noch die Armee in der Lage gewesen, die anhaltenden Angriffe Israels zu stoppen. Auch die ausländischen Beobachter der Waffenruhe, Frankreich und die USA hätten nicht auf Israel eingewirkt.
Gesprächspartner der Autorin, die die Hisbollah unterstützen, wiesen darauf hin, daß weder die libanesische Regierung noch die Armee den Libanon vor Tod und Zerstörung hätten schützen können. Die Armee sei nicht ausgerüstet dafür, Israel in die Schranken zu weisen, die Regierung von Nawaf Salam und Präsident Joseph Aoun beugten sich dem ausländischen Druck. Sie kriminalisierten die Hisbollah und den Widerstand und böten dafür Israel »jede Art von Verhandlungen« an, wie Ministerpräsident Salam erklärt hatte. Die Erfahrung allerdings sei, daß Israel keinen Frieden wolle, sondern Unterwerfung.
Karin Leukefeld

