Ausland28. Oktober 2023

Beifall für den Massenmord

Kultur soll die Bomben auf Gaza feiern, wenn sie nicht als antisemitisch gelten will. Frankfurter Buchmesse sagt Preisverleihung für palästinensische Autorin ab

von Melina Deymann

Die deutsche Staatsräson, die Israels massenhaften Mord an Palästinensern als »legitime Selbstverteidigung« bezeichnet, dringt nicht so weit durch die Bevölkerung, wie sich Medien und Politik das vorstellen. Da wagen es doch trotz Verboten und Repressionen immer noch Menschen, für ein Ende der Blockade und Bombardierung Gazas zu demonstrieren, tragen immer noch einige Leute Palästinensertücher und wagen es immer noch, nach dem Völkerrecht zu fragen. Das, so Medien und Politik, kann natürlich nur am weit verbreiteten Antisemitismus liegen.

Nicht ganz neu ausgemacht als Hort des Antisemitismus: die Kulturlandschaft in Deutschland. Warum, so fragt sich unter anderem der »Deutschlandfunk« besorgt, gibt es keinen proisraelischen Aufschrei in der deutschen Kulturszene? So gibt sich zum Beispiel Stella Leder vom »Institut für Neue Soziale Plastik«, das laut Eigenwerbung »Antisemitismuskritik« betreibt und vor allem Antisemitismus im Kulturbetrieb entgegentreten will, im »Deutschlandfunk« besorgt darüber, daß es Künstler und Institutionen gebe, die »sich nie äußern, weil sie es nicht als ihre Aufgabe sehen« und gleichzeitig – sehr zu Lederers Schrecken – Aktivisten, »für die die Solidarität mit den Palästinensern eine große Rolle spielt«. Sie kommt zu dem Schluß: »Anscheinend fehlt die Empathie, wenn Israelis oder Juden ermordet werden«.

Es ist schon eine besondere Form des Abkanzelns unliebsamer Meinungen (in Deutschland gern von häufig nicht sehr sympathischen Figuren auch Cancel Culture genannt), die seit den Angriffen der Hamas und der Bombardierung und dem Aushungern Gazas stattfindet. In Berliner Schulen wird das Palästinensertuch verboten, weil es »für die Auslöschung Israels« und damit für »Antisemitismus« stehe (die Ironie, daß Jassir Arafat so eines bei der Unterzeichnung der Osloer Verträge trug, entgeht natürlich der Berliner CDU-Bildungsministerin Katharina Günther-Wünsch).

Künstlerinnen und Künstlern, die sich auch sonst nie zu Politik äußern, wird vorgeworfen, daß in diesem Fall ihrem Schweigen nicht etwa Prinzip, Desinteresse oder Unlust zugrunde liegen, sondern fehlende Empathie für getötete Juden und damit Antisemitismus.

Das Totschlagargument Antisemitismus hängt, dem berühmten Schwert über Damokles’ Kopf gleich, inzwischen nicht mehr nur über Linken, sondern über allen: Wehe, du bist nicht solidarisch mit einem Land, das Krieg führt. Nachdem »wir« bis zum 7. Oktober alle Ukrainer seien mußten, sind »wir« nun alle Israelis (ob man davon nun eine Identitätskrise bekommt oder nicht). Denn wer in dieser Situation kein Israeli ist, ist was Schlimmeres als ein Putin-Freund. Da macht es auch nichts, daß sich in Israel die Stimmen gegen die Bombardierung Gazas und gegen die Siedlungspolitik mehren. Sind wahrscheinlich auch alles Antisemiten.

Besondere Blüten dieses Abkanzelns brachte die Frankfurter Buchmesse hervor, die am vergangenen Sonntag zu Ende gegangen ist. Die Verleihung des LiBeraturpreises an die palästinensische Autorin Adana Shibli für den Roman »Eine Nebensache« wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Preisverleiher äußern auf ihrer Webseite: »Aufgrund des durch die Hamas begonnenen Kriegs, unter dem Millionen Menschen in Israel und Palästina leiden, hat sich der Organisator Litprom e. V. entschlossen, die geplante Preisverleihung des LiBeraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse abzusagen. Litprom sucht nach einem geeigneten Rahmen der Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt. Die Preisvergabe an Adania Shibli stand zu keinem Zeitpunkt in Frage. Die in Teilen der Presse erhobenen Vorwürfe und Diffamierungen gegen die Autorin und den Roman weist Litprom entschieden und als inhaltlich nicht begründet zurück.«

Warum dann die Verschiebung? Weil es grade nicht in den Mainstream paßt, eine Autorin und ihren Roman zu ehren, dessen Ausgangspunkt die Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten ist?

Es scheint fast so, wenn man die Eröffnung der Buchmesse betrachtet. Gastland war in diesem Jahr Slowenien. Der Philosoph Slavoj Žižek eröffnete am Dienstag vergangener Woche als, wie etwa »Spiegel Online« meint, »prominentester slowenischer Intellektueller« die Buchmesse. In dieser Eröffnungsrede hat er – so könnte man meinen – alle erforderlichen Formeln eingehalten, sprach er doch vom »Terror der Hamas«, den er »verurteile«. Žižek betonte sogar, er billige das Recht des israelischen Staates auf einen »militärischen Gegenschlag«.

Trotzdem verließ die Stadtobrigkeit Frankfurts empört den Raum, stürmte der hessische Antisemitismusbeauftragte noch empörter die Bühne. Denn Žižek hat darauf hingewiesen, daß man den Palästinensern zuhören müsse. Das war der Punkt, an dem die Empörung ausbrach. Und das ist auch der Grund, warum die Preisverleihung an Adania Shibli auf unbekannte Zeit verschoben wurde. Denn Palästinensern zuzuhören paßt nicht in die deutsche Staatsräson. Sonst erfährt man noch von ihrem Leid.

Im Nachhinein werfen die empörten Mainstreammedien Žižek vor allem aber eine weitere Stelle seiner Eröffnungsrede vor: »Aber ich habe etwas Merkwürdiges festgestellt: Sobald man sagt, es ist notwendig, den komplexen Hintergrund zu analysieren, wird man verdächtigt, den Terror der Hamas zu unterstützen oder zu rechtfertigen.«

Es gebe kein Analyseverbot, schallt es aus dem aufgeregten Blätterwald. Nein, verboten ist es nicht, die Situation im Nahen Osten zu analysieren. Nur, wer auf die Situation der Palästinenser aufmerksam macht und ihre Rechte einfordert, wird als Antisemit verunglimpft. In der Hoffnung, kritische Stimmen an der Staatsräson so zum Schweigen zu bringen.