Leitartikel19. Januar 2024

Naturgewalt versus Arbeitswelt

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Am Mittwoch und Donnerstag entging die Welt nur knapp dem Untergang. Nein, die Rede ist nicht von den üblichen kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern von einem Katastrophenszenario, auf das insbesondre Luxemburg immer wieder völlig unvorbereitet und ganz besonders um diese Jahreszeit zu treffen scheint: Winter.

Zugegeben waren die letzten Winter eher harmlos, und die Lage an den vergangenen beiden Tagen durchaus herausfordernd. Eisregen, überfrierende Nässe und gefrorener Schnee auf den Straßen sind keine Dinge, mit denen zu spaßen wäre. Schnell ein Unfall oder ein Sturz, und eine Menge Leid kann entstehen. Deswegen ist es richtig und wichtig, wenn die Experten die Lage im Blick behalten und ihre Informationen so gut und schnell es geht, mit den zuständigen Behörden teilen, damit letztere rasch handeln und vorbereitet sein können.

Auch wenn die entsprechenden technischen Hilfsmittel zur Verfügung stehen, kann es vorkommen, daß mal einen Vormittag lang odr gar ein bis zwei Tage lang nichts geht. Während die Kinder sich eventuell über schulfrei freuen, stehen die Lohnabhängigen unter dem Druck, irgendwie und koste es, was es wolle, an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, auch wenn die Natur noch so sehr dagegen rebelliert. Der Mensch, haben wir gelernt, steht über der Natur, und so wundert es nicht, daß mancher Betrieb und mancher Chef auch hierzulande Druck macht oder gar nacharbeiten läßt, was sein Untergebener mit Warten auf ausfallende Busse oder Bahnen unproduktiv vertrödelt.

Die Pandemie hat uns bereits die Schwerfälligkeit unserer Gesellschaft aufgezeigt, wenn etwas ins Getriebe gerät. Doch plötzlich war es für einen kurzen Zeitraum möglich, Telesprechstunden beim Arzt, Videokonferenzen statt Meetings und Home Office statt Gedränge auf Straßen, in Bussen und Büros einzuführen. Ein Touch von Moderne schwebte im Frühling 2020 gezwungenermaßen durch ein viral stillgelegtes Land.

Die Zeiten sind vorbei und all die technischen Möglichkeiten jener Tage wieder Unmöglichkeiten. »Wer kann, soll zuhause bleiben«. Diese behördliche Warnung vom Dienstagabend klang, wie das berühmte »bleibt zuhause aber geht zur Arbeit« aus der ersten Pandemiewelle.

Selbstverständlich muß immer wieder betont werden, daß nicht jedes Berufsbild für Remote-Arbeit geeignet ist und in vielen Fällen Anwesenheit vonnöten. Dennoch ließe sich allein durch die Einführung von Telearbeit, dort, wo es Sinn macht, auch in Zeiten ohne Virus und glatten Straßen ein Schritt in die richtige Richtung machen, mit Blick auf Umwelt, Klima und Resilienz einer Arbeitswelt, die eben doch noch immer am seidenen Faden hängt.

Aus diesem Grunde bleibt der Kampf für ein Recht auf Telearbeit für Berufsbilder, wo dies durchführbar ist, weiterhin genauso prioritär, wie eine Flexibilität auf Seiten der Betriebe in solchen Fällen, anstatt zu erwarten, daß Beschäftigte sich durch ein solches Szenario, wie an den letzten beiden Vormittagen schleppen müssen. Denn wenn dann etwas passiert, wird nämlich auf der nächsten patronalen Pressekonferenz schnell wieder über »Absentismus« gejammert.