Ausland

Rückschritte auf leisen Sohlen

Recht auf Abtreibung muß immer neu erkämpft werden

So ernst wie in Irland, Italien oder Polen ist die Lage nicht, aber das Recht der Frauen, allein über ihren Körper entscheiden zu können, ist auch in Frankreich nicht selbstverständlich. Seit einiger Zeit wird es immer öfter angegriffen und muß ständig neu erkämpft werden. Als 1975 das gesetzliche Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch durchgesetzt werden konnte, war das für Frankreichs Frauen ein wichtiger Durchbruch. Im Gegensatz zu vielen seiner rechten Parteifreunde hatte der relativ junge Präsident Valéry Giscard d’Estaing begriffen, daß die Zeit dafür herangereift war.

Unvergessen sind die tumultartigen Szenen im Parlament, wo Gesundheitsministerin Simone Veil von reaktionären Abgeordneten so rüde beschimpft wurde, daß sie in Tränen ausbrach. Anfangs wurde die IVG (Interruption volontaire de grossesse) nur von wenigen Ärzten vorgenommen, doch sie hat sich bald mehrheitlich durchgesetzt. Ärzte, die dies nicht tun wollen, müssen den schwangeren Frauen eine Liste ihrer dazu bereiten Kollegen aushändigen. Im Gegensatz zu anderen Ländern müssen die Frauen in Frankreich keine medizinischen Gründe vorweisen oder sich erniedrigenden Verhören aussetzen, sondern können frei entscheiden, auch über die anzuwendende Methode. Die anfangs noch vorgeschriebene einwöchige Bedenkfrist wurde bald abgeschafft und seit 1983 wird der Eingriff zu 100 Prozent von der Sozialversicherung bezahlt. Seit einigen Jahren müssen Mädchen unter 18 Jahren keine Einwilligung der Eltern mehr vorweisen und können auch ohne deren Wissen abtreiben lassen. Die Zahl der Abbrüche liegt seit Jahren stabil bei 230.000 bei 800.000 Geburten.

Doch die Katholische Kirche und die Vereinigungen, die Schwangerschaftsabbruch aus religiösen, moralischen oder anderen Gründen bekämpfen, geben nicht auf. Sie werden sogar wieder aktiver und aggressiver. Die Mahnung, die Entscheidung zum IVG »nicht zu banalisieren« , reicht ihnen nicht mehr. Beispielsweise unternahmen kürzlich reaktionäre Kräfte im Apothekerverband einen Vorstoß, die Statuten des »Ordre des pharmaciens« um einen Passus zu ergänzen, nach dem Apotheker aus religiösen oder »Gewissensgründen« die Ausgabe der rezeptfreien »Pille danach« verweigern können.

Doch in den Medien waren die empörten Reaktionen von Frauenverbänden und namhaften Persönlichkeiten so massiv, daß sich die Verbandsführung schnell von der Initiative distanziert und sie begraben hat. Zwar sieht man auch wieder häufiger an Hauswände gesprühte Losungen gegen IVG, doch generell werden die Methoden subtiler und technisch moderner. So haben »Pro Life« -Aktivisten in den letzten Jahren wiederholt Internet-Sites eingerichtet, die entweder denen offizieller Gesundheitseinrichtungen zum Verwechseln ähnlich sehen oder aber besonders »jugendgemäß« aufgemacht sind. Dort wird vorgeblich objektiv und sachlich über Schwangerschaft und Abbruch informiert und beraten. Doch tatsächlich läuft das darauf hinaus, medizinische und moralische Bedenken zu schüren, die Schwangeren zu verunsichern und letztlich von einem Eingriff abzuhalten.

Daß das Gesundheitsministerium jetzt darauf mit einem Gesetzentwurf reagiert, der solcherlei Eingriffe in die freie Entscheidung der Frauen unter Strafe stellten soll und mit bis zu zwei Jahren Gefängnis und 30.000 Euro Geldstrafe bedroht, ließ die rechten Medien aufschreien und flugs das Gespenst der bedrohten Meinungsfreiheit im Internet an die Wand malen.

Ralf Klingsieck, Paris