Leitartikel08. Juli 2021

Wie oft muß es noch bewiesen werden?

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Zwischen 2015 und 2019 führte die isländische Regierung ein Experiment durch: Ein Prozent der Bevölkerung, rund 2.500 Menschen, auf der Insel im Nordatlantik hatte eine Vier-Tage-Woche bekommen und es sollte festgestellt werden, wie diese Verkürzung der Arbeitszeit ohne Lohnverlust sich auf die Produktivität und Leistung auswirkte. Dies war eines der weltweit größten Experimente dieser Art, nachdem es zuvor Versuche in einzelnen Unternehmen und anderen stark beschränkten Bereichen gegeben hatte, die übrigens allesamt positiv ausfielen.

Diesen Ergebnissen aus den vergangenen Versuchen stand auch die Maßnahme in Island in nichts nach: Die Experten haben dieser Tage die Daten des Experiments ausgewertet und kamen zu dem Schluß, daß auch in diesem Fall ausschließlich positive Eindrücke zurückbehalten werden konnten. Nicht nur, daß sich die Zufriedenheit der Beschäftigten  verbessert hatte, auch die Produktivität und Leistungsbereitschaft waren nicht beeinträchtigt, ganz im Gegenteil sogar: Die Gefahr für psychische Belastungserkrankungen sank, während die für die Wirtschaft wichtigen Werte, wie Produktivität sogar anstiegen.

Hier habe sich ein Effekt gezeigt, der auch bei früheren Experimenten mit einer Wochenarbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, wie Gewerkschaften sie seit langem fordern, sichtbar geworden ist: Die Konzentration und Fokussierung auf die Arbeit war intensiver als in einer normalen 40-Stunden-Woche.

Die Frage, die sich nun stellt ist: Wie viele solcher Beispiele wird es noch brauchen, bis sich politische Rahmenbedingungen endlich in Richtung einer moderneren Arbeitszeit ändern werden? Seit vielen Jahren machen sich die Gewerkschaften der Welt stark für eine Wochen- und Lebensarbeitszeitverkürzung ohne Einbußen für die Beschäftigten, und seit Jahren werden solche Ansätze immer nur diskutiert, indem einzelne Berufe gegeneinander gerechnet werden, ob etwa ein Dachdecker etwa so lange arbeiten könne, wie, sagen wir, eine Supermarktkassiererin. Dies ist aber eine bewußte Nebelkerze, die den Kern des Themas völlig verfehlt.

Die Diskussion muß nämlich eine seit dem letzten Weltkrieg drastisch gestiegene Produktivität durch technischen Fortschritt berücksichtigen. Dann käme das Thema von allein ganz schnell zum Punkt der gerechten Verteilung des geschaffenen Wohlstands. Alle bisherigen »technischen Revolutionen«, wie auch die neuerliche »digitale Revolution« eine sein möchte, hatten eines gemeinsam: Der dadurch geschaffene Mehrwert wurde von den Unternehmen abgeschöpft, während den Beschäftigten nichts blieb als Almosen und ihnen manches Mal sogar Habgier vorgeworfen wurde, wenn es wieder einmal um Lohnerhöhungen ging, die nicht von der Teuerung aufgefressen werden sollten.

Island hat uns nun gezeigt: Der Weg in die Zukunft der Arbeitszeit kann nur der Weg runter von 40 Stunden oder mehr sein. Nur muß sich ein entsprechendes politisches Umfeld finden, welches bereit ist, dies gegen das Wehklagen der »am Hungertuch nagenden« Unternehmer durchzusetzen.

Ohne Druck von unten wird dies sicherlich nicht geschehen. Deshalb ist es wichtig, die Gewerkschaften und fortschrittlichen politischen Kräfte zu unterstützen, anstatt sich von den Wirtschaftsbossen und den von ihnen unterstützten Medien einreden zu lassen, es sei nicht machbar. Wie oft muß die Machbarkeit noch bewiesen werden?