Wer bremst das Netzwerk Infantino?
Die Vorhänge der größten Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten sind gefallen. Während FIFA-Präsident Gianni Infantino das Turnier in Nordamerika ohne rot zu werden zum »größten Spektakel der Menschheitsgeschichte« verklärte, hinterläßt die Monster-WM mit 48 Mannschaften ein zutiefst zwiespältiges Bild. Das Turnier mag ein paar sportliche Sternstunden geliefert haben, doch das eigentliche Manifest dieser Wochen war ein anderes: Ein hemmungsloser Gigantismus, getrieben von kommerzieller Gier, politischer Einmischung und einer FIFA, die sich jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen zu haben scheint.
Von extremen Ticketpreisen über immense Reisestrapazen für Teams und Fans bis hin zu Vorwürfen von Betrug und Sportswashing hinter den Kulissen – das Megaturnier hat offengelegt, wie sehr der Weltverband den Bezug zur Basis verloren hat. Der Fußball verkommt unter Infantino zunehmend zur Kulisse für ein System, das Rendite und Machterhalt über die Integrität des Sports stellt. Viele Fans und mancher Funktionär, auch hierzulande, stellten im Anschluß fest: Spanien hat bei dieser WM den Fußball verteidigt. Doch die Schicksalsfrage nach dem Ende dieses Turniers lautet: Wie läßt sich diese unkontrollierte Machtfülle an der FIFA-Spitze überhaupt noch begrenzen?
Die Antwort liegt vor allem in Nyon. Die UEFA ist nicht nur der mit Abstand finanzstärkste Kontinentalverband, sondern bildet auch das sportliche Epizentrum des globalen Fußballs. In Europa spielen die weltweit begehrtesten Topstars, hier fließen die Milliarden der Champions League, und von hier stammt ein Großteil der weltweiten Vermarktungserlöse. Wenn es eine Machtinstanz gibt, die dem Gebaren Infantinos wirksam etwas entgegensetzen kann, dann ist es die Europäische Fußball-Union. Sie stellt bei jeder Fußball-WM die wichtigsten Teams, trotz kleiner Fußballwunder von Kap Verde oder Curacao, die gegönnt seien, doch die es ohne ein derart aufgeblähtes Starterfeld nicht gegeben hätte.
Bislang beschränkte sich der Widerstand der UEFA jedoch meist auf leise geäußerte Bedenken und Lippenbekenntnisse oder auf den Nichtbesuch des WM-Finales durch UEFA-Boß Aleksander Čeferin. Um echten Druck aufzubauen, stehen der UEFA jedoch wirkungsvolle Hebel zur Verfügung: Sie und ihre europäischen Spitzenklubs halten den Schlüssel zu den Spielerkadern in der Hand. Die konsequente Drohung mit dem Boykott aufgeblähter FIFA-Events – wie der expandierten Klub-WM – würde das kommerzielle Fundament der FIFA im Kern treffen.
Ein geschlossener Block aus den großen europäischen Verbänden gemeinsam mit Südamerikas CONMEBOL könnte strukturelle Reformen im FIFA-Machtgefüge erzwingen. Ohne europäische Top-Nationen verliert jedes FIFA-Event schlagartig seinen Marktwert. Wenn Europa geschlossen Reformen bei Governance, Ethik und Transparenz einfordert und diese Bedingungen an die Zustimmung zu FIFA-Finanzplänen koppelt, gerät Infantinos System der Gefälligkeiten ins Wanken.
Wenn die UEFA jedoch weiterhin tatenlos zusieht, macht sie sich mitschuldig am Ausverkauf des Spiels. Es ist Zeit, daß Fußball-Europa seine Macht nutzt – nicht aus Eitelkeit, sondern zur Rettung der Glaubwürdigkeit des Fußballs.

