Kultur03. Februar 2026

Haydns Spätwerk »Die Jahreszeiten« in der Philharmonie

Mit dem beherzten William Christie durch den Garten des Lebens

von Pierre Gerges

Der musikalische Umgang mit dem recht ausgedehnten Natur-Oratorium des nach seinem Londoner Aufenthalt nach Hause gekehrten Joseph Haydn ist bei weitem nicht so klar einleuchtend wie die vehement mitreißende 1801 uraufgeführte Musik es erahnen läßt. Zwischen der überlieferten Weltordnung des sich zu seinem Ende neigenden und bereits von der Französischen Revolution heftig erschütterten 18. Jahrhundert und dem noch aufklärerisch idealisierten kommenden Zeitalter muss sich die heutige Wiedergabe, interpretatorisch deutend, positionieren.

Das geschah an diesem Philharmonie-Abend mit unserem modernen »Luxembourg Phiharmonic« und dem im Barockrepertoire beheimateten Chor-Ensemble »Les Arts Florissants« in hybrider Partnerschaft, durchaus undogmatisch auf der Suche nach einem möglichen Klangbild, das Haydns Meisterschaft und Fantasie in präziser Artikulation und zugespitzter Dynamik aufblühen läßt.

Eine glückliche Hand bewies William Christie auch bei der Wahl der drei Vokalsolisten Hanne (Sopran), Lukas (Tenor) und Simon (Baryton), die den sich wandelnden ländlichen Jahresablauf sowohl schildernd begleiten als auch ihr persönliches Schicksal darin verbindlich einfügen. In dieser Hinsicht sticht besonders die ungemein freundliche Ausdruckshaltung der Sopranistin Elisabeth Boudreault hervor, deren gestische Plastizität und ansprechende Sinnlichkeit die Hanne weit mehr ins musikalische Drama einbezogen haben als ihre weniger auf Theatralik bedachten männlichen Kollegen.

Aber dort wo Elisabeth Boudreault mit einer gewissen (darstellerisch eingesetzten) Zerbrechlichkeit gestaltete, konnte der Tenor Moritz Kallenberg elegant deklamatorische Expressivität walten lassen, während der empfindsam warme Baß Simon (als Vater der Hanne) Sreten Manojlovic, in deskriptiver Distanz, das vordergründig Erlebte prägnant in den Seelenraum der doch gottgewollten Ordnung verlagert.

Zum Glück hatte man sich für die synchrone (deutsch und französische) Textprojektion unterhalb der Orgel entschieden, um den mehr oder weniger »gläubigen« Gästen dieser zweieinhalbstündigen hochamtartigen Zelebrierung des naturbezogenen Landlebens die Wechselwirkung zwischen Wort und Ton, zwischen bisweilen obsoletem Sprachgebrauch und dem schier unerschöpflichen Einfallsreichtum Haydns nicht vorzuenthalten.

Es gehört in der Tat zum guten Ton des heutigen Betrachters, etwas die Nase zu rümpfen oder mindestens die Brauen hochzuziehen, wenn auf dergestalt fröhliche Weise zum Beispiel die Arbeit in ihrer prosaischen Schlichtheit besungen wird, wenn wie hier der Bauer in »langen Furchen dem Pflug nachschreitet«, und das auch noch »flötend«. Da halten es dann manche Zeitgenossen doch lieber mit dem Alttestamentarischen, das die Arbeit als Verdammung verhöhnt und vertreten die These, dass die schöpferische Musikkunst sich selbst genügt.

Nun, wir teilen diese Ansicht nicht ganz und überlassen es dem Spannungsfeld zwischen den vielen Gegensätzen, die jedem Kunstwerk innewohnen, sich vom Frühling bis in den herbstlichen Höhepunkt schöpferisch aufzubauen und im »leichenfarbenen« Winter zu entladen, besonders wenn man vom einzigartigen Gespür von so beseelten Musikerzählern umgeben ist, die das dramatische Potenzial des sich wiederholenden Jahreszyklus' in seinen mannigfaltigen Klang- und Stimmungsnuancen so filigran auf die innere Befindlichkeit eines jeden menschlichen Gartens zu übertragen vermag.