Kaleidoskop10. November 2023

Wirbellose Tiere besonders betroffen

Ein Fünftel der europäischen Flora und Fauna ist vom Aussterben bedroht

von dpa/ZLV

Weltweit sind rund zwei Millionen Arten gefährdet – und damit doppelt so viele wie in der jüngsten globalen Bestandsaufnahme des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) 2019 angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie, die nun im Fachmagazin »PLOS One« veröffentlicht wurde. In Europa ist der Studie zufolge ein Fünftel aller daraufhin untersuchten Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben in den kommenden Jahrzehnten bedroht, Pflanzen und wirbellose Tiere sind besonders stark betroffen.

Die Forscher haben alle 14.669 Tier- und Pflanzenarten in die Studie aufgenommen, die Ende 2020 auf der Roten Liste für Europa standen. Das entspricht zehn Prozent der Arten des Kontinents. Auf die Liste stellt die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) die Arten, deren Bestand analysiert ist. Sehr viele sind nicht oder gering gefährdet, andere aber vom Aussterben bedroht oder schon ausgestorben. Zu den analysierten Arten gehören Wirbeltierarten (Amphibien, Vögel, Fische, Reptilien und Säugetiere) und wirbellose Tiergruppen wie Schmetterlinge und Bienen und verschiedene Pflanzenarten.

Das Team um Erstautor Axel Hochkirch vom Luxemburger Nationalmuseum für Naturgeschichte und der Universität Trier kommt zu dem Schluß, daß 2.839 der 14.669 untersuchten Arten – insgesamt rund 19 Prozent – in Europa vom Aussterben bedroht sind. 125 Tier- und Pflanzenarten gelten bereits jetzt als ausgestorben, regional ausgestorben oder möglicherweise ausgestorben.

Rund 27 Prozent der in Europa heimischen Pflanzen sind der Studie zufolge vom Aussterben bedroht. Auch bei den Tierarten sind die Zahlen hoch – betroffen sind demnach 24 Prozent der Wirbellosen und 18 Prozent der Wirbeltiere. Dieses Muster sei bemerkenswert, so das Forscherteam, wenn man bedenke, daß den Wirbeltieren wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. »Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, daß sich die Anzahl gefährdeter Arten über die verschiedenen Artengruppen nicht maßgeblich unterscheidet«, sagt Hochkirch.

Mit neuen Datensätzen errechnete das Forscherteam auch die Anzahl der weltweit vom Aussterben bedrohten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten: Mit zwei Millionen ist die Zahl doppelt so hoch wie im letzten IPBES-Bericht aus dem Jahr 2019. Damals kam man zu dem Ergebnis, daß eine Million der geschätzt acht Millionen Arten bedroht sind. Die Verdopplung auf zwei Millionen bedrohte Arten innerhalb weniger Jahre lasse sich mit neuen und genaueren Informationen begründen, erklärt Josef Settele, Mitautor des letzten IPBES-Berichts: »Die Studien bauen letztlich aufeinander auf und bilden damit auch den Erkenntnisfortschritt ab. Im IPBES-Bericht 2019 war ja auch eine Datenlücke erwähnt worden, deren Schließung wir uns damit weiter annähern.«

Die Datenlage bleibe weiter ein Problem, schreiben die Studienautoren: »Unsere Analyse zeigt einige große Wissenslücken und entsprechenden Forschungsbedarf auf.« Viele Arten, vor allem unter den Wirbellosen, sind noch gar nicht beschrieben worden. Eine genaue Beurteilung des Zustandes ist oft schwierig: Gibt es in einer Region nur noch sehr wenige Exemplare, sind diese in Feldstudien kaum auffindbar. Das bekräftigt auch Glaubrecht: »Wir wissen zu wenig über alle diese Arten, um ihr Verschwinden lange überhaupt bemerkt zu haben. Es gibt Arten, die wir schneller vernichten, als wir sie erforschen können.«

Die Ursachen für das Artensterben sind vielfältig. Als größte Bedrohung sieht das Team die intensive wirtschaftliche Nutzung von Landflächen und Meeren, die zum Verlust von Lebensräumen führt. Auch die Übernutzung biologischer Ressourcen sowie durch den Klimawandel verursachte Extremwetterlagen gefährden die Artenvielfalt demnach massiv.