Genossenschaften als Gegenmacht zur Konzerngewalt
»Am Stall war alles an der Rei: / gefiddert a gestrach, / all Diren zou, e Wësch derbei / de Stopp am Héngerlach.« So beginnt das nostalgisch-romantisierende Gedicht »Wanterowend«, das dem mysteriösen Tagelöhner Nik. Guelf (1876-1942) zugeschrieben wird. In dem lyrischen Text wird eine Landwirtschaft teils idealisiert, die in Luxemburg noch bis in die 1960er Jahre hinein existierte. Mitnichten war damals alles in Ordnung, obgleich der Tenor des Gedichts dem Leser ein kleinbäuerliches Goldenes Zeitalter der Genügsamkeit und des brüderlichen Teilens suggeriert: Die kinderreichen Bauernfamilien lebten nicht selten am Rande der Armut.
In ökonomischer Hinsicht waren die Strukturen indes weitaus überschaubarer, woran im Kontext der EKABE-Affäre durchaus erinnert werden darf. Was heute auf EU-Ebene unter Ausblendung der realen Macht von Agrar- und Lebensmittelkonzernen als »farm to fork« bezeichnet wird, war damals in den Dorfgemeinschaften wirtschaftliche Realität. Die Sammlung lokal produzierter Milch in Dorfmolkereien, die Verarbeitung vor Ort und die regionale Vermarktung bildeten kurze Kreisläufe, die keineswegs romantisiert werden müssen, um ihre agrarpolitische Bedeutung zu erkennen.
Gerade der Kontrast zur Gegenwart ist aufschlussreich. Heute kann ein internationaler Konzern darüber entscheiden, ob luxemburgische Milchbauern noch gebraucht werden oder nicht; heute wird die Planungssicherheit bäuerlicher Betriebe globalen Beschaffungsketten untergeordnet; heute droht ein Produkt, das mit regionaler Herkunft verbunden wird, seinen Bezug zur heimischen Landwirtschaft zu verlieren.
Das Problem ist also nicht bloß ein fehlender Käufer, sondern die Ohnmacht einer kleinteiligen Landwirtschaft gegenüber Konzerngewalt, Lebensmittelindustrie und Bodenspekulation. Luxemburg braucht deshalb Genossenschaften, die mehr sind als kaufmännische Zweckgemeinschaften zur Kostensenkung oder Vermarktung. Nötig ist ein weiter gefasstes Genossenschaftsprinzip, das Produktion, Verarbeitung und Absatz verbindet und die Bauern nicht zu abhängigen Lieferanten degradiert, sondern zu Miteigentümern, Mitproduzenten und Mitentscheidern macht.
Eine solche Produktionsgenossenschaft als marktfernes Experiment zu titulieren, erweist sich als Negation wirtschaftlicher Vernunft auf solidarischer Grundlage. Sie könnte Investitionen bündeln, regionale Verarbeitung sichern und verhindern, dass bäuerliche Arbeit nur Rohstoffzulieferung für fremde Profite bleibt. In diesem Punkt ist der Gewerkschaft »Bauern-Allianz« Recht zu geben: Langfristig wird eine zukunftsfähige Landwirtschaft nicht auf immer größere Viehbestände setzen können, sondern auf eine ökologischere, regionalspezifische Produktion, die über Milch und Milchprodukte hinausweist.
Dafür braucht Luxemburg einen Paradigmenwechsel. Der Genossenschaftsbegriff darf nicht länger auf seine technisch-juristische Hülle verkürzt bleiben. Er muss als Möglichkeit verstanden werden, wirtschaftliche Demokratie, regionale Wertschöpfung und solidarische Produktion miteinander zu verbinden.
Wenn die öffentliche Hand regionale Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und bäuerliche Existenzen ernst nimmt, muss sie solche Produktionsgenossenschaften fördern, schützen und dort ermöglichen, wo strategische Betriebe gefährdet sind. Im Fall EKABE heißt das: Nationalisierung des Werks und geordnete Umwandlung in eine Molkereigenossenschaft, die Sammlung, Verarbeitung, Investitionen und Produktentwicklung im Interesse der Bauern, Beschäftigten und Verbraucher organisiert.
Angesichts der klientelorientierten Prioritäten der liberal-konservativen Regierung mag dies wie agrarpolitische Traumtänzerei klingen. In Wirklichkeit ist weit träumerischer der Glaube, Luxemburgs Landwirtschaft könne überleben, wenn sie weiter den Konzern- und EU-Marktansprüchen ausgeliefert bleibt.

