Leitartikel15. September 2026

Eiskalter Griff nach der Arktis

von Uli Brockmeyer

Staatenlenker aus zwölf Mitgliedsländern der Europäischen Union versammelten sich am Montag in Finnland, posierten in militärischen Tarnjacken vor einem US-amerikanischen Kriegsflugzeug und formulierten Ansprüche auf eine riesige Eisfläche, die zum weitaus größten Teil nicht einmal in der Nähe ihrer Territorien liegt. Die EU müsse »in der europäischen Arktis strategischer und proaktiver handeln«, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Man sei »einig, dass die EU ihre Aktivitäten verstärken muss, um Stabilität, nachhaltige Entwicklung und Wohlstand zu fördern und zugleich ihre Interessen zu schützen.«

Die Interessen der EU in der Arktis schützen? Welche Interessen könnten das sein? Ein Blick auf die Karte zeigt, daß es fast gar kein Territorium von Mitgliedstaaten der EU gibt, das an die Arktis grenzt – im Gegensatz zu Rußland, Kanada und den USA. Grönland gehört zwar formal zum EU-Land Dänemark, nimmt jedoch nicht nur angesichts seiner jüngeren Geschichte und der verbalen Zugriffe des USA-Präsidenten einen besonderen Status ein. Die Menschen in Island haben erst vor wenigen Tagen bei einem Referendum sogar die Wiederaufnahme von Beitrittsgesprächen mit der EU mehrheitlich abgelehnt. Zwar hat das NATO-Land Norwegen eine Küste und einige Inseln in der Nähe der Arktis, allerdings gehört das Land nicht zur Europäischen Union.

Ein Blick auf die Gesprächsthemen macht das Ganze etwas deutlicher. Es geht um Verkehrswege, digitale Netze, militärische Mobilität und andere Infrastruktur, um »kritische Rohstoffe«, Raumfahrt, Schifffahrt, Konnektivität und Tourismus«. Kurzum, es geht um die wirtschaftlichen Potenziale der Arktisregion, die man im Interesse der Profite der Banken und Konzerne der EU-Länder möglichst umfangreich nutzen möchte.

In den Äußerungen der Politiker und den Meldungen der Medien über das Treffen in Finnland folgen nun die üblichen Narrative: die »Bedrohung durch Rußland«, »Chinas gewachsenes sicherheitspolitisches Interesse« und schließlich die Auswirkungen des Klimawandels. All das führt nach Meinung der im finnischen Rovaniemi Versammelten zu einem Wettlauf um die Arktis, bei dem man unbedingt alle anderen Wettläufer aus dem Feld jagen muß.

Die Europäische Union ist mit einer Menge an Problemen konfrontiert, zu deren Lösung sie nicht einmal im Ansatz konstruktive und realistische Konzepte vorzuweisen hat. Wachsende Unsicherheiten aufgrund erneut steigender Energiekosten, eine nicht kontrollierbare Inflation im Euro-Raum, immer mehr Menschen in Armut, Jugend mit unsicherer Perspektive, auch angesichts der aktuellen Pisa-Ergebnisse, immer mehr alte Menschen, bei denen nicht die Rente, sondern die drohende Altersarmut sicher ist, Gesundheitssysteme in der Krise… die Aufzählung wäre sehr lang. Und all das wird verschärft dadurch, daß den Menschen immer mehr Steuergelder abverlangt werden – nicht etwa zur Verbesserung des vielzitierten Wohlstands, sondern für das Anheizen des Krieges in der Ukraine und für immer mehr Waffenproduktion.

Statt sich mit Rußland, Kanada, den USA, und auch mit de Menschen in Grönland und in Island über eine tatsächlich friedliche Zukunft für die Arktis zu verständigen, kennen die Damen und Herren aus den zwölf EU-Ländern wieder einmal nur den eiskalten Weg der Konkurrenz und der Konfrontation.