Leitartikel26. März 2026

Held seiner Klasse

von

Zwischen der europäischen »Entdeckung« Amerikas durch den Genueser Seefahrer Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 und dem Ende des Bürgerkriegs in den USA am 23. Juni 1865 wurden annähernd 20 Millionen Menschen aus Afrika als Sklaven nach Amerika verschleppt.

Davon gelangte etwa eine halbe Million in die USA, und fast elf Millionen landeten in Lateinamerika. Die Toten – auf diesen mörderischen Überfahrten entlang der Mittelpassage gingen zahllose Menschenleben verloren – wurden einfach über Bord geworfen. Wer krank wurde oder durch die erbärmlichen Bedingungen der Überfahrt dem Wahnsinn verfiel, wurde entweder noch lebend über Bord geworfen oder totgeschlagen und dann über Bord geworfen.

Auf diesen zutiefst niederträchtigen Sklavenhandel aufbauend trieben die europäischen Kolonialmächte – allen voran das englische »British Empire«, das Königreich Frankreich und die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande – ihre industrielle Revolution voran und entwickelten den Merkantilismus zur vorherrschenden Ökonomie des aufstrebenden Kapitalismus.

In »Das Kapital«, seinem 1867 erschienenen Hauptwerk, schreibt Karl Marx, der europäische Kapitalismus sei dem »blutigen Schoß« der afrikanischen Sklaverei entsprungen.

Dabei ist wichtig, daß Marx die Versklavung der Afrikaner in Amerika nicht nur als die wesentliche Kraft des wachsenden Kapitalismus in der »Neuen Welt« ausmachte, sondern auch im alten Europa. In seiner Schrift »Das Elend der Philosophie« schrieb Marx 1847 in einem geradezu prophetischen Ausblick über die Sklaverei als lebensnotwendige Voraussetzung für das Entstehen des US-amerikanischen Imperiums:

»Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie.«

Zusammenfassend heißt es vom Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, die Sklaverei sei nicht weniger als »eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit«. Am Anfang des Kapitalismus nicht nur in Britannien, in Frankreich und in den Niederlanden (inklusive Luxemburgs), sondern weit darüber hinaus, bedurften alle kapitalistischen Gesellschaften der »ursprünglichen Akkumulation«.

Es ist also gar nicht so verwunderlich, daß der großkapitalistische USA-Präsident Donald J. Trump auf dem Gelände des Weißen Hauses vor ein paar Tagen eine Christoph-Kolumbus-Statue wieder aufstellen ließ, die von der Black-Lives-Matter-Bewegung vor bald sechs Jahren in Baltimore im Bundesstaat Maryland im dortigen Hafenbecken entsorgt worden war.

Wobei es sich bei der Statue vielmehr um eine Nachbildung des 1984 von Trumps Amtsvorgänger Ronald Reagan in Baltimore enthüllten »Christopher Columbus Monuments« handelt. In einem Schreiben an italoamerikanische Organisationen nannte Trump Kolumbus einen »ursprünglichen amerikanischen Helden«, und ein Sprecher des Weißen Hauses teilte mit, in dieser Präsidentschaft sei Kolumbus ein Held, Trump werde dafür sorgen, daß er auch künftig als solcher geehrt werde.