Leitartikel30. November 2023

Gedämpfte Weihnachtsvorfreude

von Uli Brockmeyer

In diesen Tagen kann man sich, selbst wenn man will, den allgegenwärtigen Verkündungen der Vorfreude auf Weihnachten kaum noch entziehen. Es spricht auch nichts dagegen, wenn sich Menschen auf besinnliche Tage freuen, Geschenke einkaufen, festliches Essen vorbreiten…

Allerdings wird die Zahl derjenigen, für die das Weihnachtsfest – sei es christlich oder orthodox – keine festliche Stimmung bereithalten wird, noch einmal größer sein als in den vergangenen Jahren.

Für tausende Familien in der Ukraine und in Rußland wird das Weihnachtsfest oder das eher traditionell begangene Neujahrsfest eher traurig ausfallen, wenn Männer, Frauen, Söhne, Töchter, Geschwister oder Enkel nicht an der Tafel sitzen werden, weil sie an irgendeiner Front Krieg führen oder vielleicht schon in diesem Krieg ihr Leben gegeben haben. Leider ist auch in diesem Jahr nicht zu erwarten, daß die Vernunft Oberhand gewinnt und endlich Gespräche über eine Lösung des seit dem Jahr 2014 andauernden Konflikts beginnen.

Die Signale, die auch von der Konferenz der Außenminister der NATO-Länder in den vergangenen zwei Tagen ausgingen, lassen nicht viel Optimismus zu. Man werde die Ukraine weiter mit Kriegsmaterial und mit weiteren Milliarden Dollar und Euro unterstützen, war der Tenor. Die politische und militärische Führung der NATO träumt weiterhin von einem militärischen Sieg über Rußland, koste es, was es wolle. Und wieder sagt niemand konkret, wie ein solcher Sieg aussehen könnte.

Ein wenig mehr Hoffnung bietet möglicherweise die heute beginnende OSZE-Konferenz. Diese Organisation, in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Folge der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gegründet, ist zumindest ein Forum, bei dem man über konkrete Themen reden kann und soll, und einander zuhört, wenn man guten Willens ist.

Im Gegensatz zum ukrainischen Außenminister, der wie ein trotziges Kind seine Teilnahme an dem Treffen wegen der Anwesenheit des russischen Außenministers absagte, hat der neue luxemburgische Außenminister in bei RTL eindeutig erklärt, daß er auch im Rahmen der OSZE mit Herrn Lawrow zu sprechen bereit wäre, falls der ihn anspräche.

Just zu Beginn dieser Woche wurden neue Daten gemeldet, laut denen bereits im Laufe des Jahres in den Staaten der Europäischen Union viele Millionen nicht genügend Geld hatten, um ihre Behausungen angemessen zu beheizen. Wo man die Heizung ausschaltet oder den Ofen nicht anheizen kann, wird auch nicht zu erwarten sein, daß viele Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen werden. Oft genug wird das Geld nicht einmal für einen Baum reichen, gar nicht zu reden von einer festlichen Beleuchtung.

Das ist in erster Linie eine Folge der unverantwortlichen Politik der EU und ihrer Mitgliedstaaten, die ihre Energie-Importe aus Rußland entweder ganz oder auf ein Minimum gedrosselt haben, weil sie »Rußland ruinieren« wollen – und stattdessen die eigene Wirtschaft ruinieren. Außerdem ist es eine »normale« Erscheinung in dieser Gesellschaft, in der kapitalistische Unternehmen jede Chance nutzen, um auf Kosten der Kunden und Steuerzahler Extra-Profite herauszuschlagen.

Möglicherweise könnte man es als symbolisch ansehen, wenn einen Tag vor seiner feierlichen Inbetriebnahme in Washington der »Nationale Weihnachtsbaum« durch einen scharfen Windstoß schlicht umgekippt ist. Ein heftiger Luftzug wäre wohl auch in einigen politischen Strukturen dringend nötig.