Kultur02. Dezember 2025

Am 6. Dezember in Marnach

»Nicht nur zur Weihnachtszeit«

»Nicht nur Weihnachtszeit«, 1952, ist eine der wirkmächtigsten Erzählungen Heinrich Bölls, mit der er damals doch etwas ganz und gar Ungewöhn-liches, ja Provozierendes riskiert hatte.

Die Geschichte spielt im Jahr 1947. Die Schrecken des Krieges sind noch in lebhafter Erinnerung.

Alles fängt bei dem Obst- und Gemüsehändler Franz an. Die vielen Luftangriffe während des Krieges haben es den Menschen unmöglich gemacht, wie gewohnt ihren Tannenbaum aufzustellen, worunter vor allem Tante Milla entsetzlich gelitten hat. Für Milla ist es deshalb das Größte, als sie im Jahr 1947 endlich wieder ihren Weih-nachtsbaum schmücken kann.

Also kann Weihnachten wie eh und je gefeiert werden, und alles wäre in bester Ordnung, hätte nicht ein Umstand alles verändert. Denn ab Februar 1947 müssen Christbäume abgebaut und entsprechend entsorgt werden. Millas Familie schickt sich an, genau das zu tun, worauf die Tante unerwartet in einen Schrei-Wahn verfällt. Kein Psychiater kann helfen, keine Diagnose schafft Aufklärung, bis Onkel Franz die rettende Idee hat. Er stellt ein neues Bäumchen hin, das die Schreie der debilen Tante stoppen kann, aber Milla verlangt mehr. Eine Weihnachtsfeier und zwar mit dem üblichen Personal.

So gehen Wochen ins Land. Karneval kommt, der Frühling bricht an, aber Milla wehrt jeden Versuch, den Weihnachtsbaum abzu-bauen mit so heftigem Geschrei ab, dass die Angehörigen schnell wieder die Kerzen anzünden und etwas hastig, aber sehr laut in das Lied »Stille Nacht« einstimmen. Die Feier ist zur Falle geworden, das Wohn-zimmer zum Schreckens-szenario.

In der Familie selber aber kommt es zu Zerrüttungen. Cousine Lucie, bisher eine normale Frau, wie man es nennt, erleidet einen Nervenzusammenbruch. Und der herzensgute Onkel Franz legt sich trotz seines hohen Alters eine Geliebte zu. Milas Gatte Karl will in eine Ecke der Welt, wo keine Tannenbäume wachsen, die Herstellung von Spekulatius unbekannt und das Singen von Weihnachtsliedern ver-boten ist.

Dabei geht es Heinrich Böll nicht um die krank gewordene Milla. Sein brillianter Text von schriller Komik, nimmt die re-staurativen Tendenzen in der Nachkriegszeit satirisch aufs Korn. Humorvoll und spitz-findig kritisiert er die unumstößliche Weihnachts-routine, anstatt dass man sich der Aufarbeitung der Nach-kriegsjahre und der Nazi-Vergangenheit widmet.

In dieser verewigten pathologischen Feier fängt Böll die Atmosphäre einer Zeit ein, die eher auf Bewahrung als auf Erneuerung zielt. Dass das Weihnachten, oft genug zum leeren Ritual erstarrt, will man nicht sehen. Eine Nachkriegsgesellschaft, die weitermacht, als hätte es den Krieg nie gegeben.

Im Cube wird Dietmar Bär aus »Nicht nur zur Weihnachtszeit« vorlesen, während der Schlagzeuger und Klangkünstler Stefan Weinzierl mit seinem Instrumentarium typische und untypische Weihnachtslieder erklingen lässt.

Heinrich Böll (1917-1985), einer der bedeutendsten Erzähler der Nachkriegszeit, war Mitglied der Gruppe 47 und ein wichtiger Verfechter der Friedensbewegung. 1967 erhielt Böll den Georg Büchner-Preis und 1972 den Nobelpreis für Literatur. Er schrieb Zeitromane, Satiren, Hörspiele und Kurz-geschichten. Fast immer übte er Kritik an gesellschaftlichen Missständen. Hauptthema vieler seiner Werke war das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, damit gehört Böll zu den Autoren der Trümmerliteratur. Für sein politisches Engagement wurde er 1974 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt.

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist Theater-, Film- und Fernsehschauspieler. Seine Ausbildung absolvierte er an der Schauspielschule Bochum. Bekannt wurde er vor allem durch seine Rolle als Tatort-Kommissar »Freddy Schenk«, für die er 2000 den Deutschen Fernsehpreis erhielt. 2012 erhielt er die Goldene Kamera als Bester Schauspieler für »Kehrtwende«.

Mit dem Klangspektrum seiner facettenreichen Schlaginstrumente entwickelt Stefan Weinzierl (Studium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) Hörwelten für energiegeladene Bühnenproduktionen und schlägt dabei gern den Bogen zu Literatur oder Schauspiel. In seinem Hamburger Tonstudio entwickelt und produziert er regelmäßig Musik für Bühnenwerke, Hörbücher und Dokumentationen.

Konzertlesung, Samstag, 6. Dezember, 20 Uhr. Preis: 28 Euro, ermäßigt 14 Euro. Cube, 3, Driicht, Marnach.