Leitartikel21. Oktober 2026

Big Brother löst das Problem nicht

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Es ist so einfach: Wenn das ominöse Sicherheitsgefühl Risse bekommt, und sei es auch nur für Wahlkampfstimmen herbeigeredet, sind Überwachungskameras schnell Thema und genauso schnell installiert. Egal, ob im hauptstädtischen Bahnhofsviertel oder in den Problemzonen von Esch: Der Ruf nach einer verstärkten Aufzeichnung des Geschehens im öffentlichen Raum ist eine reflexartige Forderung, die von Politikern immer wieder gerne hervorgebracht wird, um zu demonstrieren: Seht her! Wir kümmern uns!

Wer sich diese Konzepte genauer anschaut, stellt schnell fest, daß die negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft einen möglichen Erfolg im Kampf gegen die Kriminalität schnell überwiegen. Bringt mehr Überwachung wirklich mehr Sicherheit und weniger Kriminalität? Kriminologische Studien und internationale Erfahrungen zeichnen ein völlig anderes Bild. Selbst im hochgerüsteten London, der am stärksten überwachten Metropole Europas, zeigen Auswertungen des College of Policing, daß Kameras auf Gewalt- und Affekttaten im öffentlichen Raum wenig bis gar keinen Einfluß haben. Auch Untersuchungen aus deutschen Großstädten belegen regelmäßig: Die Kriminalität löst sich nicht auf, sie verlagert sich lediglich in die unüberwachten Dunkelfelder von Nachbarstraßen.

Was im Zuge einer Überwachung im öffentlichen Raum tatsächlich wächst, ist nicht eine wirkliche Sicherheit, sondern der Druck auf alle Bürger, ob »brav« oder weniger, sich möglichst unauffällig und gruppenkonform zu verhalten. Es gibt Länder, die eben diesen Effekt durch Überwachung hervorrufen wollen, während Kriminalitätsbekämpfung vorgeschoben wird. So gerät das Recht auf individuelle Selbstentfaltung schnell unter Druck. Blaue Haare, grüne Hose? Barfuß unterwegs? Eine Dose Bier in der Hand? Oder gar eine andere Hautfarbe? Besser mal genauer unter die Lupe nehmen, auch wenn diese Leute gar nichts angestellt haben. Aber sie könnten ja, weil sie nicht konform wirken.

Das Recht auf den freien öffentlichen Raum gerät somit schleichend immer mehr ins Hintertreffen, wenn jeder Schritt erfaßt werden kann. Öffentliche Plätze verlieren ihren Charakter als Orte der Begegnung und werden zu Sicherheitszonen. Der sitzt da schon eine halbe Stunde und schaut sich um? Sehr auffällig! Abweichung von der Masse als Gradmesser für Verdächtigkeit. Insbesondere das Vertauschen von Ursache und Wirkung ist hier interessant, denn Armut, Obdachlosigkeit, Drogenprobleme oder eine gescheiterte Integration können sich nicht wegüberwachen lassen

Wer Kameras installiert, macht die gescannten Bereiche clean und vorbildhaft für Besucher und Geschäftsleute, während die Betroffenen all dieser Probleme verdrängt und unsichtbar gemacht werden. Gleichzeitig schützt diese Überwachung nicht vor Übergriffen. Nicht auf der Straße und nicht in Zügen. Auch wenn Aufnahmen bei einer anschließenden Ermittlung eventuell hilfreich sein können, verhindern sie in vielen Fällen erst einmal nicht das Delikt und daß ein Opfer leiden muß.

Anstatt also viel Geld in moderne Überwachungstechnologie zu investieren, wären diese Summen wesentlich besser in mehr Streetworking, Hilfsangebote auf der Straße oder in Organisationen gesteckt, die versuchen, so gut es geht, sich um die Abgehängten unserer nach vorne raus glänzenden Gesellschaft zu kümmern.

Doch es ist klar, daß das Rufen nach und die Investition in mehr Überwachung wesentlich leichter und wirksamer von der Hand geht, als das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft Verlierer hat und diesem Problem nicht durch das Einschalten elektronischer Geräte beigekommen werden kann.

Gerade in Zeiten, wo insbesondere Luxemburg einen massiven Bevölkerungszuwachs und damit auch neue soziale, kulturelle und sprachliche Spannungen im Alltag erlebt, muß nachhaltiger vorgesorgt werden.