Ausland07. November 2025

Was feiert Italien am 4. November?

Ein kritischer Blick in die Geschichte

von Gerhard Feldbauer

In Italien wurde der 4. November als »Tag der Nationalen Einheit und der Streitkräfte« gefeiert. Staatspräsident Sergio Mattarella legte traditionell einen Lorbeerkranz am Grab des Unbekannten Soldaten am Altare della Patria in Rom nieder, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA. Begleitet wurde er von der faschistischen Premierministerin Giorgia Meloni sowie deren Komplizen, den Präsidenten von Senat und Abgeordnetenkammer, Ignazio La Russa und Lorenzo Fontana.

Meloni würdigte laut ANSA via sozialer Medien »den Mut und die Hingabe« derer, die »die Freiheit und Einheit unserer Heimat verteidigt haben«. Der 4. November ist der Tag, an dem Österreich 1918 bei Padua in Norditalien vor der Entente kapitulierte, Italien zu den Siegern gehörte und seine Kriegsbeute, darunter das österreichische Südtirol einforderte.

Als Mitglied des Dreibundes hatte Italien 1914 einen Kriegseintritt mit der Begründung abgelehnt, es handle sich um keinen Verteidigungsfall. In Wahrheit ging es der italienischen Großbourgeoisie darum, sich im beginnenden Kampf um die Neuaufteilung der Welt auf die Seite zu schlagen, die ihm den größten Anteil an territorialen Gewinnen versprach. Es ging vor allem um die alten irretendistischen Forderungen: die Brennergrenze, Gebiete im Trentino, um Triest und an der dalmaltischen Küste. Während der Kuhhandel nach beiden Seiten begann, erklärte Rom, um die Partner unter Druck zu setzen, aber auch die Antikriegsbewegung zu beruhigen, zunächst Italiens Neutralität.

Auf Druck aus Berlin wollte Österreich Italien Trient überlassen, keinesfalls jedoch Triest Den Ausschlag für das italienische Kapital gaben schließlich die größeren Brocken, welche die Entente in Aussicht stellte. Am 26. April 1915 unterzeichnete Italien den Geheimvertrag mit der Entente, der ihm umfangreiche Gebietsansprüche – darunter das österreichische Südtirol – zusagte.

Am 24. Mai 1915 trat Italien gegen Österreich in den Ersten Weltkrieg ein. Tonangebend bei dem Kriegseintritt waren die reaktionärsten Kreise des italienischen Imperialismus und ihr Stoßtrupp, eine schon im Januar 1915 von Benito Mussolini gegründete Organisation Fasci d‘Azione Rivoluzionaria (revolutionäre Aktionsbünde), eine demagogisch bezeichnete Vorläuferorganisation für Mussolinis faschistischen Bewegung, deren Mitglieder sich als Faschisten (Fascisti) bezeichneten.

Damit wurde am Beispiel Italiens besonders deutlich, daß die Wurzeln des Faschismus bereits im Ersten Weltkrieg liegen und Mussolinis Machtübernahme nicht durch die spätere »bolschewistische Gefahr« provoziert wurde. Vor der Parlamentsabstimmung über den Kriegseintritt hetzte die von Mussolini gegründete Zeitung der Fasci »Pòpolo d’Italia«, die Abgeordneten, die noch nicht zum Kriegseintritt entschlossen seien – das waren vor allem die Sozialisten – »sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden«. Für das »Heil Italiens« seien, wenn notwendig, »einige Dutzend Abgeordnete zu erschießen«, andere »ins Zuchthaus zu stecken«.

Der »Pòpolo d’Italia« war ein von führenden Kreisen der Rüstungsindustrie (Ettore Conti, Elektroindustrie; Guido Donegani, Chemie; Giovanni Agnelli, Fahrzeugbau und Rüstung; Alberto Pirelli, Reifen und Gummi) finanziertes Kampfblatt, das in offenem Chauvinismus deren Kriegsinteressen vertrat. Dieselben Konzerne gehörten nach Kriegsende zu den Förderern der faschistischen Bewegung, die Mussolinis »Marsch auf Rom« finanzierten.

Den Hauptstoß richteten die Fasci gegen die Sozialistische Partei. Angesichts der chauvinistischen Hetze bewiesen die Sozialisten außerordentlichen Mut und bezogen als einzige westeuropäische Sektion der II. Internationale mit ihrer Ablehnung der Kriegskredite eine Antikriegsposition, die sie, von einzelnen reformistischen Abweichungen abgesehen, insgesamt bis zum Ende des Krieges beibehielt. Ihre Haltung bildete, wie Lenin schrieb, »eine Ausnahme für die Epoche der II. Internationale«.

Ohne den Ausschluß der Reformisten 1912 wäre diese Antikriegshaltung kaum zustande gekommen. Machtvolle antimilitaristische Arbeiteraktionen wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges im Juni 1914 stärkten die Position des PSI. Während der Massenkämpfe riefen der PSI-Vorstand und die Gewerkschaft Confederazione Generale del Lavoro zum Generalstreik auf. In Rom, Turin, Mailand, Genua, Florenz und Ancona kam es zu bewaffneten Erhebungen der Arbeiter und zu Barrikadenkämpfen. In den Regionen der Romagna und den Marken riefen die Aufständischen die Republik aus. Bei der Niederschlagung der Aufstände durch über 100.000 Soldaten gab es zahlreiche Tote und Verletzte.

Die Reformsozialisten, die bei Kriegsausbruch zunächst neutralistische Positionen bezogen und am 20. Mai 1915 noch gegen die Kriegskredite stimmten, gingen danach auf sozialchauvinistische Positionen über und unterstützten den Kriegseintritt unter der Losung des Kampfes der »demokratischen« gegen die »autoritären Staaten«. Der PSI-Politiker Leonida Bissolati trat als Minister ohne Portefeuille in die Regierung ein. Eine Anzahl sogenannter »gemäßigter Reformisten« unter Filippo Turati verblieb im PSI und fügte sich bis 1917 der Antikriegsposition der Mehrheit.

Als im Oktober/November 1917 deutsch-österreichische Truppen am Monte Grappa und am Piave die italienische Front durchbrachen und die dort stehenden 700.000 kriegsmüden italienischen Soldaten flohen, riefen Turati und eine Anzahl »gemäßigter Reformisten« zur Vaterlandsverteidigung auf.

Der politisch-militärische Zusammenbruch Deutschlands und Österreichs rettete Italien vor weiteren Desastern. Als Österreich am 4. November 1918 bei Padua vor der Entente kapitulierte, gehörte Italien zu den Siegern und forderte seine Kriegsbeute ein. Turati trat gegen den Beschluß des PSI-Vorstandes in die italienische Regierungskommission zur Vorbereitung eines imperialistischen Friedens ein.

Das sind die tatsächlichen Ereignisse, die die faschistische Ministerpräsidentin Meloni als »Mut und die Hingabe« bei der Verteidigung der »Freiheit und Einheit unserer Heimat« feiert, und die für Staatspräsident Sergio Mattarella Anlaß sind, Italiens Rolle in dem »neuen Konflikt in Europa und im Mittelmeer« zu betonen, die Reaktion Rußlands auf das Vorrücken der NATO «an seine Grenzen als »blutige Aggression« zu verfälschen und sich für die »Schaffung einer gemeinsamen europäischen Verteidigungskraft« auszusprechen, die in enger Kooperation mit der NATO als »Sicherheitsinstrument für Italien und Europa« dienen müsse.