Leitartikel24. Oktober 2023

Gewerkschaft: »Grad elo!«

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Auch wenn der Mitgliedsbeitrag in der Gewerkschaft in den vergangenen Jahren der allgemeinen Teuerung geschuldet angestiegen ist: Nie war es so wichtig, wie heute, organisiert zu sein und seine Rechte als Lohnabhängiger gewahrt zu wissen. Es sollte also nicht am Kostenfaktor liegen

Das Verständnis, daß all die erreichten sozialen Errungenschaften und Verbesserungen in den Betrieben von den Generationen vor uns teils hart erkämpft werden mußten und keine Selbstverständlichkeit oder gar patronale Gutherzigkeit darstellen, geht jedoch leider immer mehr verloren. Das liegt vor allem an der gezielten Entpolitisierung und Sozialpartnerschaft der vergangenen Jahrzehnte.

Die Tradition, betriebliche Mitbestimmung, Arbeitszeitverkürzung und andere Forderungen mit Druck als Masse von der Straße her durchzusetzen, ist in den Köpfen nicht mehr präsent. Viele Lohnabhängige sehen über die Kosten hinaus eine Gewerkschaft nicht mehr als Organisation der gemeinsamen Stärke durch Beteiligung, sondern als Dienstleister und die sie vertretenden Betriebsräte als »Mädchen für Alles«, die sich in ihrem Interesse mit dem Boß herumschlagen, ohne daß sie selbst Farbe bekennen müssen.

Dabei wäre es gerade jetzt, wo eine neue konservativ-wirtschaftsliberale Regierung dabei ist, sich zu formieren, an der Zeit, sich darauf zu besinnen, welche Wirkung und welchen Wert die Organisation in einer Gewerkschaft hat. Seine eigenen Ideen in Gewerkschaftspolitik mit einzubringen und in der Masse stark zu sein, Druck zu machen. Denn eins ist sicher: Es werden harte mindestens fünf Jahre mit einer Regierung, die sich in erster Linie um die Interessen der Reichen und Konzerne kümmern wird, auch wenn im Rahmen der Regierungsverhandlungen nette Worte in die Mikrofone und Kameras gesäuselt werden. Das »Méi an der Täsch« kassierte der neue Regierungschef in Spe ja bereits wenige Stunden nach den Wahlen wieder ein. Die Finanzen gäben dies nicht her. Dabei waren diese, wie auch die neue Oppositionsführerin Paulette Lenert im TV erklärte, bisher kein Geheimnis, auf welches die neuen am Ruder jetzt erst stoßen, wie Piraten beim Entern auf einen leeren Schiffs-Laderaum.

Slogans wie »Méi an der Täsch« oder »Manner Steieren« waren also, der politisch aufgeweckte Wähler wird es gleich erkannt haben, nichts als Bauernfängerei und überhaupt nicht an die arbeitenden Massen gerichtet. Das Problem sind die Wahlplakate, auf denen auch die salariatsfeindlichsten Parteien sich wie Wohltäter darstellen können in Zeiten, wo kaum jemand mehr ein Wahlprogramm liest.

Gerade in der aktuellen Situation ist also eine gewerkschaftliche Geschlossenheit auf Seiten des Salariats wichtig, um der Regierung und ihren Freunden aus der Wirtschaft deutlich zu machen, daß der soziale Roll-Back mit fadenscheinigen Argumenten nicht so einfach auf die Lohnabhängigen abzuwälzen ist.

Zu befürchten steht nicht nur, daß es weiterhin keine Lösung für die wütende Wohnungsnot oder der zunehmenden Armut in einem der reichsten Länder der EU geben wird, sondern auch nicht nur keinen Fortschritt bei der Modernisierung der Gesellschaft, sondern gar eine Ausweitung von Wochen- und Lebensarbeitszeit zu befürchten ist. Die Forderungsliste der Unternehmen ist schließlich lang.

Darum ist Organisation, auch und insbesondere in diesen Zeiten so wichtig und der finanzielle Beitrag sollte keine unüberwindliche Hürde sein, wenn es darum geht, etwas zu bewegen. Die sozialen Errungenschaften früherer Generationen dürfen den Herrschenden nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden, im Gegenteil gilt es, weitere Verbesserungen durchzusetzen.