Leitartikel11. Juni 2021

Die pan(demie)europäische EM

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Heute beginnt die um ein Jahr verschobene Fußball-Europameisterschaft (»UEFA EURO 2020«), welche anläßlich des 60. Geburtstages des Verbandes nicht in einem Land, sondern an 11 über Europa verteilten Spielorten ausgetragen wird. Zugegeben, daß dieses Turnier heute beginnt, brachte erst ein zufälliger Blick in die Fußball-App auf dem Smartphone anfangs der Woche ins Gedächtnis. So mag es wohl manch anderem Fußballfan auch gehen dieser Tage: Das Fieber steigt schon lange nicht mehr und brauchte vor den Turnieren der letzten Jahre ohnehin immer länger.

Eine pan-europäische EM, frohlockten bei der Verkündung die Oberen der UEFA, würde den Fans schöne Reisen durch ganz Europa bescheren. Kritiker befürchteten, es käme nicht die gewohnte Atmosphäre wie in einem Ausrichterland auf. Abgesehen davon können sich die Schlipsträger aus Nyon wohl kaum in Fans hineinversetzen, die ein relativ begrenztes Budget für (Flug-)Reisen zur Verfügung haben und, je nach Turnierverlauf, nicht kurzfristig umbuchen können.

Darüber hinaus war schon bei der Bekanntgabe des Turniers, lange vor Corona, die Kritik am falschen Signal in Sachen Umweltbewußtsein groß: Allenthalben wird diskutiert, Fliegen auf mittleren und kürzeren Distanzen müsse beschränkt oder abgeschafft werden. Im Corona-Jahr war dann schnell klar. Die Pandemie wird es nicht erlauben, zu reisen und mit tausenden anderen Menschen in Stadien zu sein. Im März 2020 fielen die Schlagbäume quer durch das Schengengebiet und die EU-Bevölkerung sah sich drastischen Maßnahmen gegenüber. Die Reisefreiheit war ausgesetzt.

Einer der schärfsten Verfechter der völligen Abschottung gegen das Ausland war neben dem deutschen Innenminister der bayerische Ministerpräsident Söder. Noch im vergangenen April hatte er verkündet, die von der UEFA, Pandemie hin oder her, geforderte Teilzulassung von Zuschauern am EM-Spielort München werde auf scharfen Widerstand der Landesregierung und, so hoffte er, auch der Bundesregierung, stoßen. Am vergangenen 4. Juni dann die völlige Kehrtwende, nachdem auch Innenminister Seehofer rezent von einer »anderen Situation« gesprochen hatte: Die EM sei »eine Sondersituation«, verkündete der bayerische Ministerpräsident. Die EM-Spiele würden sich »hervorragend als Testphase« eignen.

Am Donnerstag ließ der Westdeutsche Rundfunk einen Aerosolforscher zu Wort kommen, welcher erklärte, daß »public viewing«, also die dicht gedrängten Massen vor Großleinwänden, keine nennenswerte Ansteckungsgefahr beinhalteten, da man ja an der frischen Luft sei. Noch im Mai, an den letzten Spieltagen der deutschen Ligen, trieb die Polizei teils äußerst brutal, kleine Häuflein von mit Masken und Abstand versammelten Fans von Stadien weg, die ihren Teams nahe sein wollten im Aufstiegs- oder Abstiegskampf.

Seit über einem Jahr bereits findet kein Amateurfußball statt. Das Ansteckungsrisiko bei einem Oberligaspiel soll höher sein, als bei »public viewing« zur Euro? Und was denken sich die vielen Kulturschaffenden, deren Auftritte nur mit begrenztem Publikum geplant und aufgrund der Corona-Gesetzgebung wieder abgesagt werden müssen?  Monatelang haben sich Entwickler von Apps den Mund fusselig geredet, die ein kleines bißchen Öffnung erlauben sollten. Dies wurde alles mit harter Hand abgewiesen. Wie die Menschen an den Binnengrenzen im vergangenen Jahr.

Jetzt aber ist EURO ™: Es geht um viel Geld für die UEFA, für die Sponsoren und alle anderen Profiteure des Kommerz-Zirkus. Den wahren Fußballfan läßt diese Entwicklung traurig und zornig zurück.