Ein Jahr »Waffenruhe« im Zedernstaat:
Israel greift Libanon fast täglich an
Vor einem Jahr trat im Libanon eine »Waffenruhe« mit Israel in Kraft. Seitdem haben die israelischen Streitkräfte mehr als 10.000 Gebäude in den Dörfern entlang der »Blauen Linie« gesprengt, über 330 Menschen wurden gezielt von Drohnen oder Kampfjets getötet. 945 Menschen wurden bei den Angriffen verletzt. Felder, Vieh, Olivenbäume, Tabakpflanzen, Weinstöcke, Wälder wurden verbrannt. Die Angaben stammen vom libanesischen Gesundheitsministerium. Israelische Angriffe stoppen nahezu jeden Versuch der libanesischen Bevölkerung, in ihren Dörfern im Süden des Landes die Trümmer zu entsorgen und wiederaufzubauen.
Seit 2006 operiert die UNO-Friedensmission UNIFIL auf der Basis der Sicherheitsratsresolution 1701 im Süden des Landes mit dem Ziel, daß die israelische Armee den Südlibanon verläßt, daß die Hisbollah ihre Kämpfer aus dem Gebiet südlich des Flusses Litani zurückzieht und ihre Waffen in diesem Gebiet an die libanesische Armee übergibt, so daß diese im Südlibanon zusammen mit UNIFIL die Kontrolle übernimmt.
Für Israel hat diese Resolution keinerlei Bedeutung. Es verweist auf eine von den USA und Frankreich ausgehandelte »Waffenruhe«, die von den USA und Frankreich überwacht werden soll. Israel hat der Vereinbarung offiziell nie zugestimmt. Nach eigenen und israelischen Angaben haben die USA Israel grünes Licht für Angriffe gegeben, sollte es sich von der Hisbollah bedroht sehen. Obwohl die Hisbollah der UNO zufolge seit Dezember 2024 keine Angriffe auf den Norden Israels vorgenommen hat, sieht sich Israel seit dem 27. November 2024 permanent so sehr bedroht, daß es fast täglich nicht nur im südlichen Libanon, sondern auch in Nabatieh, Tyre, Sidon, in der Beeka-Ebene und im Süden Beiruts bombardiert. Belege für seine Behauptungen, es werde von der Hisbollah bedroht, werden von Israel weder vorgelegt, noch werden sie von den USA oder Frankreich, die die »Waffenruhe« angeblich überwachen sollen, eingefordert.
Auch der Sicherheitsrat der UNO schweigt, trotz Hunderten von Beschwerden, die die libanesische Regierung gegen Israel eingereicht hat. Selbst Angriffe Israels gegen die UNO-Blauhelme und gegen die libanesische Armee werden geräuschlos durchgewunken. Israel hält fünf Hügel im Südlibanon besetzt, um die Pufferzonen gezogen wurden. Wer immer sich dem Gebiet – das eindeutig libanesisches Territorium ist – nähert oder es betritt, wird angegriffen. Zudem hat Israel zwei Mauern im Bereich der »blauen« Waffenstillstandslinie errichtet, die bis auf libanesisches Gebiet reichen. Israel dementiert, was für jeden unübersehbar und durch Untersuchungen der UNIFIL bewiesen ist.
Anders die Hisbollah, die sich an die Resolution des UNO-Sicherheitsrats hält. Erwiesenermaßen und bestätigt von der libanesischen Armee und UNIFIL, hat sie ihre Kämpfer aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses abgezogen. Mehr als 300 ihrer Waffenlager wurden der libanesischen Armee und UNIFIL übergeben.
Fünf Mal wurden die südlichen Vororte Beiruts seit Beginn der »Waffenruhe« von israelischen Kampfjets und Drohnen attackiert. Bei einem Angriff vor einer Woche bombardierte Israel einen Sportplatz im palästinensischen Flüchtlingslager Ain al Hilwa (Sidon) und tötete 13 Menschen. Nach israelischen Angaben habe es sich um Hamas-Kämpfer gehandelt, die Militärübungen gemacht hätten. Tatsächlich stellten sich die Opfer als elf Jugendliche und zwei Erwachsene heraus, die dort Fußball gespielt hatten.
Beim jüngsten Angriff, am Sonntag wurden ein hochrangiger Kommandeur der Hisbollah und mit ihm vier weitere Angehörige der Organisation in zwei Wohnungen eines Hochhauses in Haret Hreik (Südbeirut) getötet. Dabei wurden mindestens 28 weitere Menschen verletzt, teilte das libanesische Gesundheitsministerium mit.
Haret Hreik ist ein dichtbewohnter Vorort im Süden Beiruts. Nach Angaben der Hisbollah wurde Haitham Ali Al-Tabatabai (Sayyid Abu Ali) durch den »hinterhältigen israelischen Angriff« getötet. Al Tabatabai habe seit den frühen 90ern eine führende militärische Rolle gegen die israelischen Besatzungstruppen gespielt, die 1982 in den Libanon bis nach Beirut einmarschiert waren, was erst zur Gründung der Hisbollah geführt hatte. Unter dem Druck vieler Guerillaaktionen zogen sich die israelischen Truppen schließlich im Jahr 2000 aus dem Zedernstaat zurück. Tabatabai hielt in diesen Jahren führende Positionen im Südlibanon und gehörte zu den Mitbegründern der Hisbollah-Eliteeinheit Radwan. Am Montag folgten Tausende den Särgen der getöteten Kämpfer.
Nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP war der gezielte Angriff vom israelischen Premier Benjamin Netanjahu angeordnet worden. Tabatabai sei »führend beim Wiederaufbau und der Wiederbewaffnung der Hisbollah« beteiligt gewesen. Ein Vertreter des Politischen Rates der Hisbollah sagte gegenüber dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera, »alle Optionen« seien nun auf dem Tisch. Israel habe eine rote Linie überschritten und die Partei werde beraten, wie darauf reagiert werde. Er forderte die libanesische Regierung auf, die nationale Sicherheit zu garantieren.
Angesichts der täglichen und willkürlichen Angriffe vor allem in der Beeka-Ebene und im Süden Libanons fühlen sich viele Menschen nicht von der libanesischen Regierung geschützt. Premier Nawaf Salam und Präsident Joseph Aoun werden von den USA, Israel und deren Partnern am arabischen Golf und in Europa unter Druck gesetzt. Pläne Tel Avivs und Washingtons sehen vor, die Hisbollah komplett als Terrororganisation zu verbieten, um ihr die gesellschaftliche Basis zu entziehen.
Werde der Libanon nicht normale Beziehungen mit Israel aufnehmen, werde »die Zeit über das Land hinwegziehen«, hatte Tom Barrack, der Unterhändler der USA, gesagt. Israel werde »keine Grenzen akzeptieren« und überall so vorgehen, wie es den eigenen Interessen entspreche. Premier Netanjahu betont immer wieder, Israel verteidige mit seinem »Siebenfrontenkrieg« die Interessen der USA und des gesamten Westens. Dem pflichtete auch der deutsche Kanzler Friedrich Merz bei, der während des völkerrechtswidrigen Angriffs Israels (und der USA) auf den Iran im Juni Israel Dank und Respekt aussprach, daß es »die Drecksarbeit für uns alle macht«.
Der Libanon ist schwach. Inmitten einer langjährigen Wirtschaftskrise, mit einer schwach gehaltenen Armee, mit Israel im Süden scheint nach dem Willen Tel Avivs und Washingtons nun auch Syrien eine neue Front gegen den Libanon zu errichten. Bei seinem kürzlichen Besuch im Weißen Haus unterzeichnete der syrische »Interimspräsident« Ahmed al-Scharaa den Beitritt Syriens zur von den USA geführten Anti-IS-Allianz. Damaskus werde »uns jetzt aktiv dabei helfen, die Überreste des IS, der Islamischen Revolutionsgarden, der Hamas, der Hisbollah und anderer Terrornetzwerke zu bekämpfen und zu zerschlagen«, frohlockte USA-Unterhändler Barrack.
Für mindestens die Hälfte der libanesischen Bevölkerung, die hinter der Hisbollah steht und sie seit Jahren immer wieder in Regierung und Parlament gewählt hat, ist das eine offene Drohung.

