»Integriertes Fuß- und Radverkehrskonzept« oder:
Chaos geht weiter
Es geht dem Hauptstadt-Schöffenrat nicht darum, die Ausrichtung der Politik, die seit einem Vierteljahrhundert zu immer mehr Verkehr geführt hat, zu korrigieren. Das wird überdeutlich, wenn Lydie Polfer beim Pressefrühstück letztens im klagenden Ton sagte, die Stadt verfüge über 2 Prozent der Landesfläche, wovon die Hälfte Wälder, Felder, Parks und Spielplätze sind. Auf dem verbleibenden einen Prozent wohnen 20 Prozent der Landesbevölkerung, aber die Stadt hat »über 40 Prozent aller Arbeitsplätze«.
Wieviel über 40 sagte sie nicht, wobei das eigentlich egal ist, denn das Land hat sowieso erhebliche mehr Arbeitsplätze mit 531.598 im September 2026 als von der Landesbevölkerung besetzt werden können. Bewiesen wird das mit den 237.028 Grenzgängern, die ins Land zur Arbeit kommen, was eben Verkehr bedeutet. Leider muß ein wesentlicher Anteil dieses Verkehrs in die Hauptstadt und in die Gemeinden rund um sie, die zusammen annähernd drei Viertel aller Arbeitsplätze beherbergen. Das ist krank, das bringt den vielen Verkehr, und das kann mit der vorhandenen Verkehrsfläche und den vorhandenen Mitteln auch beim öffentlichen Verkehr nur Chaos bedeuten.
Damit das alles in der Hauptstadt nicht zum Stillstand führt, hat man dort, weil an der Arbeitsplatzansiedlung sich nichts ändern soll, herumgerechnet und ermittelt, wenn 2035 das bis dahin weiter wachsende Verkehrsaufkommen noch bewältigbar bleiben soll, müßten 51 Prozent der Wege mit öffentlichem Verkehr, zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden.
Dabei wird mittlerweile das Fahrrad eingesetzt zur Behinderung des Autoverkehrs. Ganz besonders deutlich wird das in den sogenannten Fahrradstraßen, wo laut Vorschrift motorisierter Verkehr nur geduldet ist und Fahrräder nicht überholen dürfte, woran sich aber niemand hält, weil es unvernünftig ist. Ganz besonders ist das in Richtung Innenstadt im ansteigenden Abschluß der Rue des Trévires, wobei das sicher nicht die beste Strecke ist, um von Bonneweg ins Bahnhofsviertel und in die Oberstadt zu kommen.
Weil die Verkehrsfläche zu ebener Erde nicht erweiterbar ist, das fertig ausgearbeitete Projekt der direkten Zugstrecke unter der Stadt von Dipl.-Ing. Georges Schummer, das die Verkehrsfläche erweitern würde im Tunnel, unerwünscht ist, amüsiert man sich jetzt schon 20 Jahre mit einer Umverteilung der Verkehrsfläche, wobei festzuhalten ist, daß da viel passiert ist ohne zur Kapazitätserweiterung beizutragen.
Allerdings sind da viele Parkplätze an der Oberfläche verschwunden, wobei das dem Schöffenrat gefällt, weil er davon ausgeht, es kämen weniger mit dem Auto, wenn sie keinen Parkplatz fänden. Wer aber keine vernünftige andere Möglichkeit hat und mit öffentlichen Verkehrsmitteln doppelt so lang unterwegs wäre (es kann auch gar nicht von überallher eine direkte schnelle Verbindung damit geben), kommt gezwungenermaßen doch mit dem Auto und sucht herum, denn das Fahrrad ist für Grenzgänger definitiv keine Alternative.
Es werden aber noch viele weitere Parkplätze verschwinden mit den nun angekündigten Verbesserungen bei den Fahrradwegen, von denen aber einige keine wirklichen sind, wenn sie den Fahrradweg zwischen Bürgersteig und Parkstreifen legen. Es braucht dann nur am Ende vor einer Kreuzung ein Kastenwagen stehen, damit ein Rechtsabbieger den Fahrradfahrer mit Vorfahrt nicht sieht und der dann hoffentlich in der Klinik und nicht am Friedhof zum Thema »Ich hatte Vorfahrt« meditieren kann.
Zu den Gestaltungsprinzipien (Seite 43 des Konzepts) gehört wortwörtlich: »Parkplätze fallen weg, um Radverkehrsinfrastruktur möglichst geradlinig und direkt verlaufen zu lassen.« Würde das kombiniert mit zu schaffendem Ersatz in der Nähe, wäre daran nichts auszusetzen, bloß das ist nicht vorgesehen, wie es auch nicht vorgesehen wird bei anderen Umgestaltungen wie zum Beispiel am Boulevard de la Fraternité in Bonneweg, wo weitere 20 Parkplätze verschwinden sollen nach dem Wegfall von mehr als der Hälfte im anschließenden Boulevard Gustave Jaquemart, obwohl abends und bei Fußballspielen alle besetzt sind.

