Gespräche in Washington – Luftangriffe im Libanon
Während am Freitag bei Gesprächen im Außenministerium der USA zwischen libanesischen und israelischen Diplomaten eine »Waffenruhe« um 45 Tage verlängert wurde, setzt Israel seine Angriffe auf den Südlibanon und die Bekaa-Ebene unvermindert fort.
Die Gespräche werden von der libanesischen Hisbollah ausdrücklich kritisiert. Die Organisation fordert den Abzug der israelischen Besatzungstruppen aus dem Südlibanon, die Einstellung der Angriffe auf Dörfer und die Zivilbevölkerung sowie die Freilassung von Libanesen, die von Israel verschleppt wurden. Auch Wiederaufbauhilfe wird von der Hisbollah gefordert. Die Organisation soll auf Druck von Israel, den USA und europäischen Staaten wie Frankreich und Deutschland entwaffnet werden und wird als »Stellvertreter des Iran im Libanon« bezeichnet. Der Widerstand gegen die anhaltenden Versuche, den Libanon zu besetzen, reicht allerdings weit in die Geschichte des Landes zurück, als es weder die Hisbollah noch die Islamische Republik Iran gab.
Die Hisbollah kann sich aktuell der Zustimmung nicht nur der mehr als 1,2 Millionen Libanesen sicher sein, die Israel mit Evakuierungsanordnungen und anhaltenden Angriffen aus dem Süden vertreiben will. Weite Teile der libanesischen Bevölkerung teilen die Kritik an den »Verhandlungen« und bezeichnen Israel als Feind. Das gilt auch für solche, die die Hisbollah als Partei nicht unbedingt unterstützen.
Seit Anfang März hat die Hisbollah ihren Widerstand gegen die israelische Besatzung ausgeweitet und meldet tägliche Angriffe auf israelische militärische Ziele: Stellungen, Panzer und Soldaten im südlichen Libanon. Die Organisation setzt dabei glasfaser-gesteuerte Drohnen, Sprengsätze und Raketen ein. Jeder Angriff wird von der Hisbollah mit einer Stellungnahme beschrieben und erklärt.
Die libanesische Regierung ist schwach und wird dafür kritisiert, daß sie sich dem Druck aus Washington unterwirft und der eigenen Bevölkerung keinen Schutz bieten kann. Anfang Juni sollen die Gespräche in Washington fortgesetzt werden. In Washington erklärte das USA-Außenministerium, das die Gespräche organisierte und moderierte, daß man sich auf eine »Sicherheitsagenda« geeinigt habe. Damit solle »Kommunikation und Koordination« zwischen dem Libanon und Israel »spürbar verbessert« werden. Details sollen Ende Mai bekannt gegeben werden.
Israelische Angriffe gegen ungehindert weiter
Israelische Angriffe wurden ungeachtet der Gespräche in Washington fortgesetzt. Allein seit Freitag wurden 37 Menschen bei verschiedenen israelischen Angriffen getötet. Vier Personen starben bei einem israelischen Luftangriff auf Harouf (Nabatieh); mindestens neun weitere Personen wurden anschließend bei weiteren Drohnenangriffen auf den Ort getötet. Ein Autofahrer wurde von einer israelischen Drohne getötet, als er in Nabatieh unterwegs war, eine weitere Person wurde bei einem Angriff auf Deir Qanoun al-Nahr (Sour/Tyros) getötet. In Kafra (Bint Jbeil) wurde ein Mitarbeiter des staatlichen Telekommunikationsanbieters Ogero bei einem Luftangriff getötet. Zwei weitere Personen wurden in Tibnin und in Srifa (Bint Jbeil) getötet.
In der Nacht zum Samstag wurden bei einem israelischen Doppelangriff 23 Menschen verletzt, die in ein Wohnhaus zurückkehrten, aus dem sie nach einem ersten Bombardement in Mansouri (Sour/Tyros) geflohen waren. Drohnenangriffe am Samstag töteten eine Person in Tibnin (Bint Jbeil) und eine weitere in Srifa (Bint Jbeil). Bei Luftangriffen auf Shehabieh starb eine Person, in Tayr Filsey (Sour/Tyros) starben ein Rettungssanitäter und seine Mutter. Bei einem weiteren Luftangriff in Tayr Debba (Sour/Tyros) wurde ein Mitglied des Gemeinderats von Abbasieh (Sour/Tyros) getötet. Weitere sieben Menschen wurden am Sonntag bei israelischen Angriffen getötet.
Die USA erlauben es Israel, den Libanon nach Belieben anzugreifen, um angeblichen militärischen Aktionen der Hisbollah entgegenzuwirken. Die Ziele der israelischen Angriffe treffen allerdings ausschließlich Wohnhäuser, Fahrzeuge, Rettungssanitäter, staatliche Angestellte und Techniker, die versuchen die zerstörte Infrastruktur zu reparieren.
»Die Todesmaschinerie stoppen!«
Ziel der israelischen Angriffe sind systematisch auch Gesundheitszentren und medizinisches und Rettungspersonal. Während aus Washington die Nachricht verbreitet wurde, man habe sich geeinigt, die sogenannte »Waffenruhe« um 45 Tage zu verlängern, erhielt die Autorin eine Nachricht von Dr. Mehdi, einem Arzt von Al Najda, der Libanesischen Volkssolidarität, über deren medizinische Arbeit diese Zeitung in den letzten Jahren wiederholt berichtet hatte. Dr. Mehdi schickte zwei Fotos, die das Gesundheitszentrum von Al Najda in Tyros zeigten, der südlichen und historischen Hafenstadt im Libanon. Das eine Foto zeigte das Zentrum vor, ein weiteres Foto nach einem israelischen Luftangriff auf Tyros, bei dem das Zentrum fast vollständig zerstört wurde.
In einer Erklärung verurteilte Al Najda die anhaltenden israelischen Angriffe, die nur noch gegen »unbewaffnete Zivilisten, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Zivilschutz- und Rettungskräfte sowie Journalisten« gerichtet seien, »die ihr Leben für die Verbreitung der Wahrheit riskieren«. Israel habe keine anderen Ziele mehr, so Al Najda. »Das eigentliche Ziel dieses brutalen Feindes« bestehe darin, »alle Grundlagen des Widerstands und des Lebens im Libanon zu zerstören, indem humanitäre, medizinische und Hilfsorganisationen ins Visier genommen werden, die zu Zufluchtsorten für Verwundete und unschuldige Bürger geworden sind.«
Der »böswillige und vorsätzliche Angriff« auf das Al Najda-Zentrum in Tyros richte sich »gegen alle (…) die versuchen, die Wunden der Menschen zu heilen und ihren Widerstand unter diesen katastrophalen Umständen zu stärken.« Das libanesische Volk werde sich nicht brechen lassen, heißt es weiter in der Erklärung. Man werde »standhaft bleiben« und an seinem »Recht auf Leben und Würde festhalten, wie groß auch immer die Verluste und Opfer sein mögen.«
In einem Appell an »die libanesische, arabische und internationale Öffentlichkeit sowie an alle humanitären, menschenrechtlichen und medizinischen Organisationen« fordert Al Najda, gegen diese Verbrechen zu protestieren und Israel daran zu hindern, diejenigen zu töten, die den Menschen helfen sollten. Die »Maschinerie des Tötens und der Zerstörung« müsse gestoppt werden.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums vom vergangenen Sonntag, 17. Mai 2026, wurden seit dem erneuten Kriegsbeginn Anfang März bei israelischen Angriffen 2.988 Menschen getötet und 9.210 als verletzt gemeldet. 128 medizinische Einrichtungen wurden gezielt von Israel zerstört und 107 Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Rettungssanitäter wurden von Israel getötet. Die Zahlen steigen täglich.

