Ausland05. September 2026

USA erheben neue Willkürzölle gegen ihren Nachbarn – Kanada kontert

Der nächste Wirtschaftskrieg

von Jörg Kronauer

Mark Carney macht ernst. USA-Präsident Donald Trump hat am 22. August neue Willkürzölle in Höhe von 50 Prozent auf Einfuhren aus Kanada im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar in Kraft gesetzt. Kanadas Premier tut nun, was er zuvor angekündigt hat: Anfang vergangener Woche verhängte er seinerseits Zölle in Höhe von 50 Prozent auf Einfuhren aus den USA im Wert von ebenfalls 20 Milliarden US-Dollar; sie sollen ab dem kommenden Dienstag erhoben werden.

Andere haben in ähnlicher Lage nachgegeben, so zum Beispiel die EU, die im Sommer 2025 meinte, ihre Wirtschaft werde am wenigsten Schaden nehmen, wenn man Trumps wüste Forderungen für den bilateralen Handel stoisch erfülle. Das ist nicht eingetreten; Washington hat das Einknicken der Brüsseler EU-Kommission quittiert, indem es einseitig weitere Zölle erhob. Carney hat daraus die Konsequenzen gezogen: Er widersetzt sich den USA. Und dies, obwohl deren Präsident inzwischen droht, ab Januar 2027 noch mehr Zölle auf Lieferungen aus Kanada zu kassieren.

Woran die Verhandlungen zwischen Washington und Ottawa über eine neue Vereinbarung zum bilateralen Handel letztlich gescheitert sind, die bis zum 21. August eigentlich auf dem besten Wege zu sein schienen, ist bis heute nicht ganz klar. Das »Wall Street Journal« wollte erfahren haben, daß zum einen die Stahl- und die Kfz-Branche in den USA kurz vor Schluß neue Forderungen erhoben und daß zum anderen Trump Grenzen für Kanadas Handelsabkommen mit Drittstaaten erzwingen wollte – und damit eine offene Beschränkung der kanadischen Souveränität.

In einem Meinungsbeitrag in der britischen »Financial Times« mutmaßte der ehemalige Weltbank-Präsident Robert Zoellick, Washington gehe es darum, die Weiterverarbeitung von Aluminium zurück in die USA zu holen und außerdem die Arbeitsteilung mit Kanada in der Automobilindustrie zu beenden; es solle vor allem die Produktion von Autoteilen und von Pick-ups in die USA gebracht werden. Gut möglich, daß all die genannten Gründe zutreffen, sie widersprechen sich jedenfalls nicht.

Daß Carney sich die Gegenzölle politisch leisten konnte, ist bemerkenswert. Denn eines ist klar: Sie werden nicht bloß die US-amerikanische, sondern auch die kanadische Bevölkerung treffen, die auf Einfuhren aus den USA, die sich nicht ersetzen lassen, künftig höhere Zölle zahlen muß als bisher. Allerdings dominiert in Kanada zurzeit die Wut über die Trump’sche Aggressionspolitik und die mehrfach wiederholten Annexionsdrohungen, die in der Bevölkerung ganz schlecht ankommen. Zwar machen sich laut einer Umfrage 89 Prozent der Kanadier Sorgen über negative Auswirkungen des Zollkriegs. Aber zugleich sind 76 Prozent davon überzeugt, der Abbruch der Zollverhandlungen mit den USA am 21. August sei der richtige Schritt gewesen. 64 Prozent vertreten die Ansicht, ihr Land werde auf lange Sicht gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. Die Verschiebung der Handelsströme weg von den USA, hin zu anderen Ländern von Europa bis China hat bereits begonnen, und sie dürfte noch längst nicht an ihr Ende gekommen sein.

All dies erlaubt es Carney, sich im Westen weiter als eine Führungsgestalt beim Widerstand gegen Trumps Zumutungen hervorzutun. Schon beim World Economic Forum (WEF) im Januar in Davos hatte er erklärt, wenn gewisse Staaten das eigene Land per Wirtschaftskrieg zu unterwerfen suchten, dann müsse man eben mit anderen kooperieren und sich um eine »größere strategische Autonomie« bemühen. Diesem Kurs suchen sich weitere westliche Staaten inzwischen anzuschließen. Kanadas Aussichten sind keineswegs schlecht – zumal die Trump-Regierung sich in die Enge manövriert zu haben scheint. Bereits den Wirtschaftskrieg gegen China konnte sie nicht gewinnen. Jetzt hat sie im Iran-Krieg eine klare Schlappe hinnehmen müssen. Daß sie ein gemeinsames Manöver mit Südkorea kurzfristig mit der Begründung absagte, sie benötige sämtliche Kräfte im Nahen Osten für den Krieg gegen Iran, war für alle, die sich bislang auf die militärische Stärke der USA verließen, ein Schlag ins Kontor. Sobald der Gegner schwächelt, geht man in die Offensive: Dies hat Carney völlig richtig erkannt.