Luxemburg11. November 2023

Die wenigsten sind Durchschnitt:

Inflation trifft nicht alle gleich

Die durchschnittliche Inflation wird erhoben über einen Warenkorb aller Güter und Dienstleistungen, die von allen Einwohnern übers Jahr erstanden werden, aber nicht jeder Haushalt kauft alles in diesen Proportionen. Das führt zu unterschiedlich hoher Inflation für unterschiedliche Haushalte, wobei es zudem eine Rolle spielt, wie viel vom Einkommen ins Sparen und wieviel in das tägliche Leben geht.

Bei den unteren Einkommensschichten geht so ein erheblich höherer Anteil vom Geld in Lebensmittel, deren Preise am meisten zulegten. Im März 2023 wurde der höchste Wert mit +13,3 Prozent erreicht, womit die Lebensmittelpreise satte 46% zur Gesamtinflation von nur +3,7% in diesem Monat beitrugen. Lebensmittel und nicht alkoholische Getränke machen dabei nur 12,9% des Gesamtwarenkorbs aus. Die Kategorien, die sich im ersten Halbjahr 2023 am meisten gegenüber demselben Zeitraum 2022 verteuert waren Fette und Öle mit +21,2%, Milchprodukte und Eier mit +17,3% sowie Gemüse mit +17%.

Die oberen Einkommensschichten haben andere Sorgen. Sie putzen nicht mehr selber ihren Dreck weg, nutzen einen Gartengestalter und es fällt ihnen öfter mal ein, neue Möbel zu kaufen. Alles das ist überproportional teurer geworden. Ersteres bei jeder Indextranche, die Möbel legten vom ersten Halbjahr 2022 zum ersten Halbjahr 2023 um 10,1% zu und waren da 29% teurer als im Januar 2019.

Auch das Ferienbudget fällt bei den 40% obersten Einkommensbeziehern stärker ins Gewicht und macht da 2% aller Ausgaben aus, während das bei den 40% untersten weniger als 1% ausmacht. Pauschalreisen wurden 2022 in Relation zu 2021 um 9,7% teurer und Flugzeugtickets um 19,7%. Das setzte sich 2023 fort, aber deswegen müssen wir die Reichsten nicht bedauern. Das auch nicht, wenn der Nulltarif im öffentlichen Verkehr ab März 2020 stärker den unteren Einkommensbeziehern zu Gute kam.

Einfluß der Wohnungsfrage

Vorauszuschicken ist, daß im Warenkorb der Kauf einer Wohnung und die damit verbundenen Hypothekarzinsen nicht berücksichtigt werden, weil das statistisch als Investition und nicht als Konsum erfaßt wird. Diese Mehrkosten, die zuletzt nach den Zinserhöhungen der Zentralbank Wohnungsbesitzer stark belasteten, werden folglich nicht im Kapitel Inflation und Index berücksichtigt, auch wenn sie die Kaufkraft stark belasten.

Dennoch haben Wohnungsbesitzer eine höhere Inflation als der Durchschnitt, der bei 16,5% lag zwischen Januar 2019 und Juni 2023. Hatten sie keine Rückzahlung mehr zu leisten, kamen sie auf 18,5%, mit Rückzahlung auf 17,1%.

Infolge des Einfrierens der Mieten zwischen Mitte 2020 und 30.6.2021 traf Mieter zum Marktpreis nur 13,4% Inflation, wobei für sie die Miete durchschnittlich 26,1% ihrer Ausgaben ausmacht. Weil nur 30% der Haushalte im Land mieten, ist die betreffende Unterklasse im Warenkorb nur 7,1% schwer.

Wer mehr für die Wohnung ausgeben muß, spart beim Essen. So hart das klingt, so hart ist es. Mieter zum Marktpreis und Besitzer, die Rückzahlungsraten zu leisten haben, wenden nur 10,7 bzw. 11,7% ihrer Ausgaben fürs Essen auf, während Wohnungsbesitzer, die fertig sind mit der Rückzahlung 15% dafür ausgeben. Bei Mietern zu reduzierter oder gar kostenloser Miete sind es 14%.

Unabhängig davon, ob sie in einer gemieteten Wohnung sind oder in einer Eigentumswohnung, haben die 20% untersten Einkommensbezieher die höchste Inflation. Zu leiden hatten sie besonders Ende 2021 und Anfang 2022, wo die Energiepreise sich fast verdoppelten im Verhältnis zu 2021. Das wirkt sich ganz besonders beim Heizen aus, was 3,9% der Ausgaben bei den unteren, aber nur 2,2% bei den oberen 20% Einkommensbezieher ausmacht. Zudem wenden die untersten 20% 18% für Ernährung auf, während es bei den obersten 20% nur 11,4% sind.

Die Preissprünge bei Gas und Heizöl trafen auch die Mieter bei den unteren 20% Einkommensbeziehern stärker, weil sie dafür 2,8% ihrer Ausgaben aufwenden, die Mieter der obersten 20% aber nur 1,4%.

Die verdammten Fixkosten

Was sich ein Haushalt leisten kann hängt stark vom Anteil des frei verfügbaren Einkommens nach Abzug der Fixkosten (Mieten, Versicherungen, Internet, Fix- und Mobiltelephonie, Ferseh- und sonstige Abonnements, Kreditraten ...) ab. Wenn diese im Durchschnitt 35% des Gesamteinkommens betragen, so liegen sie bei den untersten 10% Einkommensbeziehern aber bei 60%, während es bei den 10% obersten nur 20% sind, und das von erheblich mehr Geld!

Im Durchschnitt gehen zwei Drittel der Fixausgaben auf Miete oder Hypotekarkreditraten zurück, 11% auf Versicherungen und 9% auf Energie. Folglich sinken die Fixkosten schlagartig, wenn ein Wohnungsbesitzer seine letzte Rate bezahlt hat, weswegen dies auch das sicherste Mittel gegen Altersarmut ist.

Die Fixkosten reduzieren das tatsächlich verfügbare Einkommen und erhöhen gleichzeitig das Armutsrisiko, was die Zahl der Betroffenen von 15,6 auf 21,1% anhebt. Das Verhältnis der untersten 20% zu den obersten 20% steigt von 3,9 auf 7,6, was also heißt, daß die obersten 20% real 7,6 Mal so viel zur Verfügung haben wie die untersten 20% Einkommensbezieher.

Wird das Armeebudget gemäß NATO-Forderung erhöht, fehlt das Geld, hier für Verbesserung zu sorgen.