Bewohner Neapels in Sorge vor Supervulkan
Neapel – Der Sportplatz von Montefusco Spinesi ist keiner, auf dem die großen Erfolge gefeiert werden. Ein Kunstrasen in einem Vorort von Neapel, mehr schwarz als grün, hinterm Tor Plastikplanen, die Tribüne einfach nur Beton. Ein Platz wie viele in Italien. Was Montefusco Spinesi so besonders macht: Hier wird mitten auf Europas wahrscheinlich gefährlichstem Vulkan Fußball gespielt. Auch an diesem Abend steigen in der Nähe wieder Rauchwolken aus der Erde. Es riecht nach faulen Eiern. Die Leute sind das gewohnt. Nur sind ihre Sorgen neuerdings arg gewachsen.
Seit Monaten wird die dichtbesiedelte italienische Region im Westen der Millionenstadt Neapel von kleinen und größeren Erdbeben erschüttert: allein seit Anfang September über 1.500. Meist nur ein Zittern von Sekunden, manchmal begleitet von einem Rumoren im Untergrund, ohne, daß bislang groß etwas passierte. Aber das heftigste Beben hatte immerhin die Stärke 4,2 auf der Richter-Skala. Viele Anwohner fürchten, dies seien Vorzeichen für einen Ausbruch. Gerardo Cerino, der seinen Sohn gerade beim Training beobachtet, sagt: »Ich bin hier aufgewachsen. Aber seit ein paar Wochen spielt die Angst mit.«
Die Gegend trägt die Gefahr schon im Namen: Campi Flegrei. Wörtlich übersetzt: Brennende Felder. Die Wissenschaft hat daraus mit etwas mehr Zurückhaltung die Phlegräischen Felder gemacht. Der hiesige Vulkan ist kein wohlgeformter Berg wie der Vesuv, der seit seinem spektakulären Ausbruch auf Pompeji im Jahr 79 Neapels Panorama beherrscht. Auf den Campi Flegrei schlummert die Gefahr im Boden, man sieht sie nicht: ein insgesamt 150 Quadratkilometer großes Areal aus Dellen und Kratern, zu großen Teilen im Meer versteckt.
Auf dem italienischen Festland läßt sich das Risiko am ehesten in der Hafenstadt Pozzuoli ahnen, ein paar Kilometer vom Fußballplatz entfernt. Auf dem Kraterfeld Solfatara blubbert die Erde vor sich hin, Rauch zieht nach oben, der Wasserdampf ist mit Kohlendioxid und Schwefel versetzt – daher der Faule-Eier-Gestank. Bis vor ein paar Jahren war die Solfatara eine Touristenattraktion. Seit 2017, als ein Paar mit elfjährigem Sohn auf dem Feld ums Leben kam, ist sie Sperrgebiet. Das Spektakel läßt sich jetzt nur noch von einem Hügel aus betrachten. Daneben steht ein Luxushotel mit Blick weit hinaus aufs Meer.
Vor 39.000 Jahren war dies der Schauplatz der größten vulkanischen Eruption der letzten Hunderttausend Jahre auf dem europäischen Kontinent. Damals wurde in weiten Teilen des heutigen Süditaliens fast alles Leben vernichtet. Die Asche flog bis aufs Gebiet des heutigen Rußlands. Aus diesen Zeiten hat die Bezeichnung Supervulkan für die Campi Flegrei ihre Berechtigung. Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer und enorme Gewalt aus: Anders als normale Vulkane explodieren sie regelrecht.
Der letzte Ausbruch auf den Campi Flegrei ist bald 500 Jahre her: 1538. Zuvor hatte sich der Boden über einen Zeitraum von 70 Jahren durch Magmaschübe nach und nach um mehrere Meter angehoben. So ist das Szenario auch heute: Seit sieben Jahrzehnten wölbt sich der Boden wieder. In Pozzuoli erkennt man das daran, daß die Kaimauer im Hafen um mehrere Meter höher liegt als früher: Die Fischer haben mittlerweile Schwierigkeiten, sie von ihren Booten aus zu erreichen.
Im Observatorium des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (IGNV) von Neapel wird das alles genau verfolgt: die Beben, das Auf und Ab des Bodens, die Rauchzusammensetzung. An einem der Bildschirme steht der Geophysiker Giovanni Macedonio. »Das ist wahrscheinlich der bestbeobachtete Vulkan der Welt«, sagt er. Aufgrund der Daten erwarten die meisten Experten, daß sich der Boden weiter wölben wird. Heißt: mehr Spannung, mehr Risse, mehr Brüche, mehr Beben. Bis es irgendwann vielleicht zu viel wird.
Aber wann, was und ob überhaupt etwas passieren wird, weiß niemand. Es muß keine Eruption sein. Möglich auch, daß es ein schweres Erdbeben gibt oder eine Wasserdampfexplosion mitten in der Stadt mit schlimmen Folgen. Denkbar aber auch, daß sich der Supervulkan wieder fast völlig beruhigt. So oder so: Macedonio ist zuversichtlich, daß die Bevölkerung im Fall der Fälle rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden kann. 48 Stunden sollen reichen, um mehr als 360.000 Menschen zu evakuieren, die in der unmittelbaren Gefahrenzone leben.
Seit 2012 gilt in der Region Alarmstufe Gelb – erhöhte Wachsamkeit. Nach den vielen Beben der letzten Monate wird nun spekuliert, daß sie demnächst auf Orange angehoben wird. Der Zivilschutzminister in Rom, Nello Musumeci, deutete das bereits an. Beschlossen wurde schon, daß der Katastrophenschutz für die Campi Flegrei 52 Millionen Euro zusätzlich bekommt.
In der Nachbarschaft bereiten sich die Leute sicherheitshalber vor. Die Hausfrau Silvana Di Dio gehört zu denen, die schon einen Koffer gepackt haben. Er steht zuhause im Flur. »Das Allernötigste nur: Kleidung, Medikamente, Kosmetik. Wir sind in zehn Minuten abfahrbereit«, sagt die zweifache Mutter.

