Ausland07. Oktober 2023

Drohnenangriff auf Militärakademie in Syrien

Tote und Verletzte bei bei Abschlußfeier von Offizierskadetten

von Karin Leukefeld, Damaskus

Ein Drohnenangriff in der syrischen Stadt Homs hat am Donnerstag Tote und Verletzte gefordert. Ziel des Drohnenangriffs war die Abschlußfeier eines Offizierslehrgangs in der Militärakademie von Homs. Das syrische Gesundheitsministerium in Damaskus teilte am Freitagmorgen mit, daß 89 Personen bei dem Anschlag getötet wurden, darunter 31 Frauen und fünf Kinder. Andere Quellen berichten am Freitag von bis zu 120 Todesopfern. Die Zahl der Verletzten gab das Gesundheitsministerium mit 277 an, unter ihnen viele schwer Verletzte.

Hunderte Menschen hatten sich am Donnerstagmorgen auf dem Gelände der Militärakademie versammelt, um den Abschluß des Offizierslehrgangs zu feiern. Neben Soldaten und Offizieren waren vor allem die Familienangehörigen der jungen Offiziere anwesend, deren Lehrgang abgeschlossen war. Gegen 12.30 Uhr, nach dem offiziellen Ende der Feier, war der Platz vor der Bühne mit Hunderten Menschen gefüllt, die Erinnerungsfotos machten und sich gegenseitig gratulierten. Zu diesem Zeitpunkt schlug eine Drohne in die Bühne ein und tötete unmittelbar zahlreiche Personen.

Der genaue Hergang wurde noch nicht offiziell bestätigt, doch Handyaufnahmen von Anwesenden zeigen verbrannte Körper vor der Bühne und Dutzende Menschen, die überall verstreut mit schweren Verletzungen auf dem Boden liegen. Unverletzte versuchen schwer verletzten Personen zu helfen, im Hintergrund sind Explosionen ähnlich einem Feuerwerk zu hören.

»Herumlungernde« Kamikaze-Drohne

Das syrische Außenministerium verurteilte den Angriff als »hinterhältiges Terrorverbrechen«. Der Drohnenanschlag sei »Teil der brutalen Angriffe von terroristischen Gruppen, die von den USA-Besatzern unterstützt werden, um die Lage in Syrien zu destabilisieren«, hieß es in der Erklärung. Die Täter gingen mit diesem Anschlag »weit über ihr blutiges Handeln hinaus, unter dem das syrische Volk viele Jahre gelitten hat«. Die UNO und der UNO-Sicherheitsrat werden aufgefordert, den Anschlag zu verurteilen.

Nach bisher vorliegenden Berichten handelte es sich um sogenannte »loitering munition«, eine »herumlungernde Sprengladung«, die u.a. von der deutschen Rüstungsfirma Rheinmetall hergestellt wird. Die leichtgewichtige Drohne kann mehrere Stunden und weite Strecken fliegen und über dem Ziel kreisen, ohne daß sie bemerkt wird. Das Gerät ist mit einer beweglichen Kamera ausgestattet, die Bilder des Ziels an die Steuerzentrale liefert. Auf Befehl stürzt die Drohne sich mit ihrer Munition – einfache Bomben oder Kanister mit vielen Geschossen – auf das Ziel und explodiert. Das Mordinstrument wird auch als »Kamikazedrohne« bezeichnet.

In der Nacht zum Freitag reagierte die syrische Armee mit harten Angriffen auf Stellungen verschiedener bewaffneter Gruppen im türkisch-syrischen Grenzgebiet bei Jisr as-Shougour im Norden Idlibs. Ziel waren die Hauptquartiere der Islamischen Turkistan Partei, der Nusra Front und von Answar al-Tawid, die seit 2011/12 unter verschiedenen Namen gekämpft haben und einen harten, dogmatisch-islamistischen Kurs gegen Andersgläubige verfolgen. Der libanesische Nachrichtensender Al Mayadeen berichtete unter Berufung auf glaubwürdige Quellen, die Terroristen hätten die Drohnen vor etwa drei Monaten erhalten, und Frankreich habe die Technologie dafür geliefert. Offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Syrische Armee reagiert

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Freitag von fünf Zivilisten, die bei den Angriffen der syrischen Armee auf Jisr as-Shoughour und Ariha (Nordwest-Idlib) getötet worden seien, 38 Personen seien verletzt worden. Unter Berufung auf die »Weißhelme« seien laut Anadolu unter den Toten ein Kind und eine Frau, unter den Verletzten seien acht Kinder und acht Frauen gewesen, die in nahegelegene Krankenhäuser gebracht worden seien. Weitere Tote habe es in Kafraya gegeben, einem Ort, der zwischen Idlib und Aleppo liegt.

Der ursprünglich von syrischen schiitischen Muslimen bewohnte Ort Kefraya war, ebenso wie der Ort Fouah, im Zuge des Krieges gegen Syrien von der »Freien Syrischen Armee« und folgenden Terrorverbänden von 2015 bis 2018 belagert worden. Die Regierungsgegner erzwangen schließlich die Freilassung von 1.500 Gefangenen und ließen im Gegenzug die Evakuierung der verbliebenden Bevölkerung von Kefraya und Fouah – rund 7.000 Personen – nach Aleppo zu. Bei vorherigen Evakuierungen waren bei einem Anschlag auf die abziehenden Busse mehr als 100 Personen getötet worden.

Am Freitagmorgen wurden Vergeltungsangriffe der bewaffneten Terroristen aus dem Nordwesten von Idlib auf den Ort Nubul gemeldet. Der Ort, der ebenfalls von syrischen Schiiten bewohnt ist, liegt zwischen Aleppo und dem – von bewaffneten Verbündeten der türkischen Armee besetzten – Gebiet von Afrin.

UNO fordert Kooperation

Am Freitagmorgen wurden 28 getötete Militärkadetten im Militärhospital von Homs ihren Angehörigen übergeben. Bei der Feierstunde wurde der syrische Verteidigungsminister Ali Abbas mit den Worten zitiert, Syrien bezahle »diesen Preis für die Würde unseres Landes«.

Beileidsbotschaften erreichten Syrien aus dem Iran, von der libanesischen Hisbollah, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Rußland, Belarus und Venezuela. Der UNO-Sonderbeauftragte für Syrien, Geir O. Pedersen, äußerte sich »zutiefst besorgt« über die Zunahme der Gewalt in Syrien. Er zählte alle an dieser Stelle beschriebenen Konfliktlinien auf und appellierte an alle Seiten, sich zurückzuhalten.

Syrien brauche einen landesweiten Waffenstillstand, allen vom UNO-Sicherheitsrat als Terrororganisation gelisteten Gruppen müsse gemeinsam entgegengetreten werden. Die Verpflichtungen des internationalen Rechts müßten eingehalten, Zivilisten und zivile Infrastruktur geschützt werden. Wenn der von der UNO vorgezeichnete Weg entsprechend der Sicherheitsratsresolution 2254 nicht gegangen werde, drohe dem Land eine Verschlimmerung der Lage.

Konfliktlinien

Entlang der türkisch-syrischen Grenze im Norden Syriens haben militärische Auseinandersetzungen seit Juli 2023 deutlich zugenommen. Im Norden von Aleppo und im Nordwesten der Provinz Idlib – kontrolliert von einem Bündnis um den Al Qaida-Ableger Hay’at Tahrir al-Scham (HTS, Allianz zur Eroberung der Levante) – kämpfen von der Türkei unterstützte bewaffnete Gruppen gegen die syrische Armee und greifen Orte und Militärstellungen auf syrisch-kontrolliertem Gebiet in Aleppo, Homs, Hama und Latakia an.

Im Nordosten kämpfen Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) gegen arabische Stammesverbände um die Kontrolle der ölreichen Gebiete in Hasakeh und Deir Ez-Zor. Im Norden haben Angriffe der türkischen Armee auf Stellungen der kurdisch geführten SDK und gezielte Drohnenaschläge auf deren militärische und politische Kader deutlich zugenommen. Am Donnerstag meldeten türkische Medien den Beginn einer neuen Militäroffensive der türkischen Armee gegen die SDK im Nordosten Syriens. Dabei wurde auch ein Elektrizitätswerk angegriffen.

Die USA-Armee meldete den Abschuß einer türkischen Drohne, die nach Angriffen auf SDK-Stellungen in ein als »Restricted Operating Zone« bezeichnetes Gebiet eingedrungen sei. Die Drohne habe sich der USA-Basis bis auf 500 Meter genähert. Weil sie sich trotz wiederholter Aufforderung nicht entfernt habe, sei die Drohne von einem F-16 Kampfjet abgeschossen worden, teilte der Pentagon-Sprecher Brigadegeneral Pat Ryder mit.