Kaleidoskop22. November 2023

Tunneldrama in Indien:

Video von Eingeschlossenen veröffentlicht

von dpa/ZLV

Neu-Delhi – Es sind verschwommene und wackelige Aufnahmen, die aber für die verzweifelten Familien ein Hoffnungsschimmer sind: Eine Kamera filmte erstmals die 41 Arbeiter, die seit zehn langen Tagen in einem teilweise eingestürzten Autobahntunnel in Indien festsitzen. Man sieht Eingeschlossene mit Schutzhelmen, die in einem hohen Tunnelteil stehen und mit den Helfern draußen via Walkie-Talkie kommunizieren.

»Wenn es euch gut geht, kommt vor die Kamera!«, bittet ein Retter. »Ihr alle, kommt vor die Kamera!« Für die verzweifelten Familien der Männer sei es eine Erleichterung, die Videos zu sehen, schrieb die Zeitung »Indian Express«. Retter versuchen nun schon seit Tagen, die 41 Männer zu befreien. Immerhin: Sie stehen in Kontakt mit ihnen. Und es gibt noch eine gute Nachricht: Die Retter konnten eine zweite Röhre errichten, durch die die Eingeschlossenen ihre erste warme Mahlzeit seit zehn Tagen erhalten haben. Ein Reis-Linsen-Gericht wurde in Flaschen zu ihnen geschickt.

Bis dahin gab es nur eine sehr enge Röhre zur Außenwelt, durch die die Arbeiter Sauerstoff, Trockenfrüchte und Wasser erhielten. In den kommenden Tagen sollten auch Handys und Ladegeräte zu ihnen gelangen können, berichtete der örtliche Fernsehsender NDTV. Die Eingeschlossenen werden bereits mit Medikamenten versorgt. Unter anderem litten sie mittlerweile an Kopfschmerzen, Verstopfung und Platzangst.

Die Bauarbeiten an einem rund 4,5 Kilometer langen Autobahntunnel waren in vollem Gange, als er am 12. November nach einem Erdrutsch teilweise einstürzte. Der Unglücksort befindet sich nahe der Kleinstadt Uttarkashi im Himalajastaat Uttarakhand – eine Region mit vielen hinduistischen Tempeln, die Pilger anzieht. Der Tunnel sollte die Verbindungen dort verbessern.

Die Arbeiter sitzen hinter Dutzenden Metern Schutt fest. Zunächst stellten die Behörden eine schnelle Rettung in Aussicht. Aber immer wieder scheiterten Versuche mit verschiedenen Maschinen. Das Geröll ist hart, das Gelände unsicher. Am Freitag mußten die Arbeiten mit einem Bohrgerät eingestellt werden, nachdem deutlich zu hören war, wie sich im Innern des Bergs ein Riß auftat.

Mittlerweile versuchen die Helfer, von drei Seiten Bohrungen vorzunehmen. Premier Narendra Modi ließ verkünden, man müsse die Moral der Männer unbedingt aufrechterhalten. Aber wie lange sie noch auf engem Raum ausharren müssen, ist derzeit völlig unklar. Am Wochenende hatten die Behörden angekündigt, sich um die Unterkunft, Verpflegung und die medizinische Betreuung der wartenden Familien zu kümmern, berichtete die örtliche Nachrichtenagentur ANI Mehrere Politiker und Behördenvertreter besuchten die Unglücksstelle bereits.

Das Tunneldrama in Indien weckt Erinnerungen an die waghalsige Rettung eines Jugendfußballteams aus einer plötzlich überfluteten Höhle in Thailand vor fünf Jahren. Medien aus aller Welt berichteten tagelang über die spektakuläre Rettungsaktion in der Tham-Luang-Höhle. Schließlich wurden die Eingeschlossenen von Spezialtauchern unter anderem aus Britannien und Australien ins Freie gebracht.

Mit Experten, die an dieser geglückten Rettungsmission in Thailand beteiligt waren, nahm die indische Regierung nun Kontakt auf – in der Hoffnung, daß es auch für die Gefangenen im Tunnel ein Happy End gibt. Zudem wurden Experten aus Norwegen kontaktiert. Die gute Nachricht ist: Noch gibt es Hoffnung. Anurag Jain vom indischen Verkehrsministerium zeigte sich überzeugt: »Es wird einige Zeit dauern, aber wir werden sie schließlich herausholen.«