Leitartikel18. Oktober 2025

Luxemburgs Bildungssystem am Scheideweg

von Alain Herman

Im Bildungsbericht 2024 ist wissenschaftlich dokumentiert worden, dass das Armutsrisiko von über 18 Prozent wie ein Damoklesschwert über der Entwicklung des luxemburgischen Bildungssystems schwebt. Die Luxemburger Bevölkerung hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre grundlegend gewandelt: Im Jahr 2023 lebten rund 220 000 Menschen mehr im Land als 2003 – ein enormer Zuwachs, während der Prozentsatz der Einwohner mit Luxemburger Nationalität von 62 auf 53 Prozent zurückging.

So ist es nicht verwunderlich, dass zu den Risikofaktoren im öffentlichen Schulsystem vor allem die zu Hause gesprochene Sprache und die soziale Herkunft zählen. Der demografische Umbruch der vergangenen Jahrzehnte hat die bereits zuvor existierenden sozialen Widersprüche noch größer werden lassen. Mag die Mehrsprachigkeit bzw. die Alphabetisierung in deutscher Sprache für zahlreiche Kinder mit Migrationshintergrund eine große Herausforderung oder gar ein Hindernis darstellen, so schlägt letztlich die soziale Herkunft am deutlichsten durch. Hier zeigen sich die Differenzen zwischen Arbeiter- und Akademikerfamilien bzw. einkommensstarken Familien am stärksten.

Von den landesweit rund 97.000 Schülern absolvieren weit über 80 Prozent das staatliche nationale Programm. Es müssten alle Alarmglocken schrillen angesichts dieser Verteilung. Wenn die Regierung das so oft zitierte »vivre ensemble« ernst nähme, also sich für eine gut funktionierende, solidarische Gesellschaft einsetzen würde, müssten alle Hebel an den staatlichen Bildungseinrichtungen in Bewegung gesetzt werden, um die sozioökonomischen Ungleichheiten abzufedern.

Kaum eine luxemburgische Lehrkraft bestreitet, dass das traditionelle öffentliche Schulsystem teils verknöcherte Strukturen aufweist, welche den heutigen gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Verhältnissen nicht mehr angepasst sind, da sie aus einer Zeit stammen, in welcher die Bevölkerung weitaus homogener war. Doch die Lehrkräfte, die zukünftig in den Grundschulen im Rahmen der zweisprachigen Alphabetisierung eingesetzt werden, fehlen anschließend, um Lernschwächen und Lücken – insbesondere bei Kindern aus einkommensschwachen Verhältnissen – aufzuarbeiten oder anderweitige schulische Unterstützung zu bieten. Die Reform des schriftbasierten Sprachenerwerbs kann daher nur ein Teil der Lösung sein.

Anstatt die sozialen und genuin pädagogisch-unterrichtlichen Grundpfeiler der öffentlichen Schule zu stärken, setzt Bildungsminister Claude Meisch indes seit über zehn Jahren unbeirrt auf das Konzept der sogenannten Bildung »à la carte«. Beruhend auf einer Internationalisierung des schulischen Angebots sowie einer Intensivierung der privatwirtschaftlich inspirierten »Schulautonomie«, wird Schülern und Eltern vorgegaukelt, dass sich ein individueller Bildungsweg zurechtschneidern ließe.

Dieses Unterfangen entpuppt sich bei näherem Hinsehen als neoliberales Projekt, welches den Lernenden marktkonform – man fühlt sich angesichts der zahlreichen PR-Maßnahmen des MENJE oder diverser Lyzeen an Werbekampagnen großer Handelsketten erinnert – eine Vielfalt an Bildungswegen anbietet, ohne sie über die beruflichen Erfolgsaussichten konkret aufzuklären. Zudem läuft diese Parzellierung des universalen Charakters der öffentlichen Schule auf eine Form der Verantwortungsabgabe seitens des Ministeriums und damit des Staates – frei nach dem Motto »Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied« – hinaus.

Ein Schlüsselelement dieser Bildungspolitik stellt die Förderung der internationalen EU-Schulen dar. Diese als Lösung zu propagieren, bedeutet den bewussten Schritt in die Zerfledderung der Bildungslandschaft zu wagen, wird doch dergestalt ein paralleles Schulsystem aufgebaut – eine Zersplitterung, statt eines Zusammenwachsens einer jetzt schon äußerst heterogenen Gesellschaft wird die Folge sein, in welcher Konkurrenzkampf anstelle von Solidarität vorherrschen wird. Dem müssen die Gewerkschaften Einhalt gebieten.