Weniger als »Stall und Krippe«
Die Menschen in Gaza leben weiterhin im Elend und in einer Hungersnot
Seit 80 Tagen besteht offiziell eine »Waffenruhe« im palästinensischen Küstenstreifen. In diesen 80 Tagen hat das israelische Militär mehr als 390 Palästinenser getötet. Angesichts schwerer Winterstürme und starken Regenfällen, fehlt es an Medikamenten, an stabilen Zelten, Decken und warmer Kleidung für die Kinder, berichtet Jonathan Crickx, Pressebeauftragter der UNO-Organisation für Kinder, UNICEF, in einem Videogespräch mit dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera. Jonathan Crickx ist im Flüchtlingslager Al Mawasi und berichtet darüber, was die Menschen benötigen und was ihnen fehlt.
UNICEF habe warme Kinderkleidung verteilt, so Crickx. Pro Kind gebe es einen Karton mit je einer warmen Hose, Unterhose, Pullover, Jacke, Strümpfe, Schuhe sowie eine Mütze, ein Schal und Handschuhe. Die humanitäre Fachsprache nennt solche Kartons »kit«, das ist eine Art »Bausatz« mit warmer Kleidung, Nahrungsmitteln oder sanitären Gütern wie Seife, Zahnbürste und Zahnpasta, Putzmittel, Damenbinden usw. spricht. Man habe 250.000 solcher »kits« verteilt, eine große Zahl, so der UNICEF-Sprecher.
Doch in dem zerstörten Küstenstreifen leben mindestens 1 Million Kinder, und Israel blockiere weiter die Zufuhr von Hilfsgütern, mit denen das Gebiet »geflutet« werden müßte. Blockiert werde auch die Lieferung von festen, stabilen Zelten, die vom Wind nicht weggerissen werden oder überflutet werden könnten. Alles sei gepackt und warte darauf, daß die israelischen Behörden, die Lastwagen mit den Hilfsgütern passieren lassen.
Die Kamera zeigt Menschen, die im Sturm und Regen stehen und versuchen, mit Töpfen oder Besen das Wasser aus den Zelten zu entfernen, in denen frierende Kinder barfuß oder mit Schlappen stehen. Decken hängen zum Trocknen an wackeligen Leinen und werden erneut vom Regen durchnäßt. Ein alter Mann trägt einen zusammengerollten Teppich durch den Schlamm, wobei unklar ist, wohin er ihn tragen will. Der Sturm zerrt an den Planen, mit denen Menschen versucht haben, einen Unterschlupf zu bauen. Ruinen, in denen Menschen versucht haben Schutz zu finden, brechen zusammen. Bisher starben 18 Menschen beim Einsturz von solchen Häusern, berichtete der palästinensische Zivilschutz.
Diese Beschreibung der tatsächlichen Lage in Gaza steht in krassem Gegensatz zu einer dpa-Meldung vom Freitag unter der Überschrift »Keine Hungersnot mehr in Gaza, aber Krise hält an«. Der Gazastreifen sei »aus Sicht von Fachleuten nicht mehr von einer Hungersnot betroffen«, berichtet die Deutsche Presseagentur. Allerdings bleibe »trotz des Friedensplanes und der verstärkten Hilfslieferungen« die Lage in dem Gebiet »kritisch, hieß es von der IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification), die Nahrungskrisen in aller Welt beobachtet.« »Die Lage sei wegen des im Oktober in Kraft getretenen Friedensplanes besser als zuvor, hieß es von der Initiative. Der bewaffnete Konflikt sei stark zurückgegangen. Die Versorgung mit humanitären und kommerziellen Nahrungsmittel-Lieferungen habe sich verbessert.« Eine derartige Beschönigung des Elends wird von westlichen Medien gern übernommen.
Israel blockiert Einfuhr medizinischer Hilfsgüter
Alle Menschen leiden Hunger, besonders bei Kindern hat die Mangelernährung schwerwiegende Folgen. Kranke und Verletzte können nicht versorgt worden, heißt es in einer Erklärung der palästinensischen Gesundheitsbehörde. Auch Medikamente, medizinische Geräte und Ersatzteile werden von den israelischen Behörden nicht über die Absperrungen gelassen.
Mindestens 125 medizinische Hilfszentren wurden von Israel in den vergangenen zwei Kriegsjahren zerstört, darunter 34 Krankenhäuser. Die Zahl der medizinischen Artikel, die komplett im Gazastreifen fehlten, betrage 321, so die palästinensische Gesundheitsbehörde. Das sei ein Mangel von 52 Prozent der Medizinartikel, die auf der Liste medizinischer Verbrauchsartikel notiert seien. Unter den fehlenden oder zu Ende gehenden Medikamenten sind lebensrettende intravenöse Lösungen, intravenöse Antibiotika und Schmerzmittel, so die Gesundheitsbehörde. Wegen des Mangels könnten 200.000 Patienten nicht aufgenommen werden, 100.000 Patienten könnten nicht operiert und 700 Patienten könnten nicht die notwendige Intensivversorgung erhalten, die sie bräuchten. Betroffen seien u.a. Leber- und Krebserkrankungen, Herzoperationen und orthopädische Operationen.
Aktuell erreichten weniger als 30 Prozent der monatlich erforderlichen Medizinartikel den Gazastreifen. Die palästinensische Gesundheitsbehörde appelliert »dringend an alle Beteiligten, ihrer Verantwortung bei der Umsetzung von Notfallmaßnahmen in vollem Umfang nachzukommen«, so die Erklärung. 1.500 Kinder warteten darauf, daß die Grenze geöffnet und sie in ein anderes Land transportiert werden könnten, wo man sie behandeln könnte. Bisher seien 1.200 Patienten gestorben, weil man sie nicht evakuierten konnte, sagt Zaher Al Waheidi, Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza. Unter den Toten seien 155 Kinder.
Überwiegende Mehrheit gegen »Trump-Friedensplan«
Laut einer Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik und Meinungsforschung (PCPSR) in Ramallah ist die Skepsis gegenüber dem »Trump-Friedensplan« groß. Rund 70 Prozent lehnen einer Umfrage zufolge die Entwaffnung der Hamas ab, die mit einer internationalen »Stabilisierungstruppe« in der »zweiten Phase« umgesetzt werden soll. Während im kriegszerstörten Gazastreifen die Ablehnung bei 55 Prozent liegen soll, lehnen im besetzten Westjordanland 80 Prozent der Befragten sowohl die Entwaffnung der Hamas als auch den »Friedensplan« ab. Dabei überwiegen die Zweifel, daß der Plan überhaupt zu einem Frieden oder einer palästinensischen Staatsgründung führen wird. Der Angriff von Palästinensern am 7. Oktober 2023 wird mehrheitlich als »berechtigt« gegen die israelische Besatzung eingestuft.
Die palästinensische Autonomiebehörde und vor allem deren Präsident Mahmud Abbas werden politisch deutlich abgelehnt. Der seit (2002) inhaftierte Marwan Barghouti und die Hamas stehen in den Umfragen nach einer zukünftigen politischen Führung weit vor der Fatah-Bewegung.
Marwan Barghouti stand auf allen Listen der freizulassenden palästinensischen Gefangenen, die von den palästinensischen Organisationen während der Verhandlungen mit Israel nach 2023 vorgelegt worden war. Israel lehnt seine Freilassung kategorisch ab. Barghouti, ehemaliger Vorsitzender der Fatah-Jugendbewegung während der Intifadah Ende der 1980er Jahre, wurde von einem israelischen Militärgericht zu fünf Mal lebenslanger Haft verurteilt. Er hat sich im Gefängnis von der Fatah losgesagt und beteiligt sich aktiv an der Organisierung der Gefangenen und – so lange es möglich war – an politischen Debatten außerhalb des Gefängnisses. Marwan Barghouti wird in strenger Einzelhaft gehalten, Kommunikation mit der Außenwelt wird von Israel weitgehend blockiert.
Die Umfrage wurde nach Angabe des Umfrageinstituts zwischen dem 22. und dem 25. Oktober 2025 per Telefon oder Tablet/Laptop im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen in Direktgesprächen durchgeführt. Im Gazastreifen wurden nur Palästinenser befragt, die innerhalb der so genannten »gelben Linie« leben. Diese Linie markiert eine von Israel gezogene Grenze innerhalb des palästinensischen Gazastreifens, jenseits der im Osten, Norden und Süden die israelische Armee 52 Prozent des palästinensischen Territoriums »aus Sicherheitsgründen« besetzt hält.
Befragt wurden insgesamt 1.200 Personen in 23 Gebieten, die schon lange vor dem jüngsten Gazakrieg festgelegt worden waren. 760 der befragten Personen wurden in 76 Wohngebieten im besetzten Westjordanland befragt, im Gazastreifen wurden 440 Personen befragt, die in 6 Notunterkünften (Gebäuden) und 15 Zeltlagern leben.

