Ausland06. Januar 2026

Rückfall in imperiales Verhalten

Welche Folgen hat die Entführung des Präsidenten von Venezuela?

von Rainer Rupp

Am 3. Januar interviewte der finnische Professor Glenn Diesen in einem einstündigen Gespräch auf YouTube den früheren hochrangigen CIA-Mitarbeiter und Experten für Terrorismusbekämpfung Larry Johnson. Johnson beschreibt die »Operation« der USA zur Entführung von Nicolás Maduro als einen »taktisch erfolgreichen, aber strategisch katastrophalen Schritt«. Er vergleicht sie mit George W. Bushs pompösem »Mission Accomplished«-Moment nach der Invasion im Irak.

Vergleich mit früheren Interventionen der USA

Zum Einstieg in die Diskussion, die unter dem Titel »U.S. War on Venezuela Has Global Ramifications« (Der Krieg der USA gegen Venezuela hat globale Auswirkungen) betont Johnson, daß Trump glaubt, wie damals Bush mit seinem »Mission Erfüllt«-Moment glaubt, »ein Problem gelöst zu haben, stattdessen aber neue, größere Probleme geschaffen hat«.

Johnson zieht Parallelen zu früheren Operationen, bei denen der Sturz eines einzelnen Staatschefs keine Stabilität gebracht hat. Beispiele sind Manuel Noriega in Panama (1989), Saddam Hussein im Irak, Muammar Gaddafi in Libyen oder Baschar al-Assad in Syrien. »Diese Vorstellung im Westen, daß wir nur einen Mann ersetzen müssen, um unsere Probleme zu lösen, hat in der Vergangenheit schon nicht funktioniert.«

Er warnt vor einer Wiederholung des Vietnam-Szenarios: Am Anfang sind es einige wenige US-amerikanische Militärstiefel am Boden in Venezuela, aber um diese dann gegen immer gefährlichere Angriffe zu schützen müssen immer mehr USA-Truppen kommen, um die Situation zu »stabilisieren« – eine nur schwer zu stoppende Eskalation, die zu einem Selbstläufer wird, zumal sich Venezuela aus einer Reihe von geographischen und logistischen Gesichtspunkten – unübersichtliche und lange Grenzen zu USA-kritischen Nachbarländern Kolumbien und Brasilien – ideal für den Guerillakrieg eignet.

Innere Lage in Venezuela und Risiko einer Aufstandsbewegung

Johnson hebt hervor, daß die Bevölkerung in Venezuela bewaffnet ist und die porösen Grenzen zu Kolumbien und Brasilien Guerilla-Kämpfe begünstigen – ähnlich wie das bei der FARC in Kolumbien nach seit 1964 der Fall war. Für die innere Lage in Venezuela prognostiziert Johnson einen Anstieg von Kriminalität, Attentaten und Angriffen auf »USA-Interessen«: »Die Kriminalitätsrate, die Zahl der Attentate und Ähnliches werden steigen.« Er erwartet eine hausgemachte »Widerstandsbewegung«, die Venezuela instabil macht, und warnt, daß bereits in den nächsten zwei bis drei Monaten die USA-Regierung gezwungen sein könnte, weitere Truppen zu schicken. Laut Johnson hätten Oppositionelle wie María Corina Machado, die jüngst zur Trägerin des Friedensnobelpreises gekürt worden war, keine breite Unterstützung, um das Land ideologisch »zu säubern«.

Während einer Pressekonferenz am 3. Januar wurde Trump gefragt, ob er mit Machado in Kontakt stehe oder sie nach Maduros Festnahme als lebensfähige Führerin ansehe. Abschätzig sagte er »Ich denke, es wäre sehr schwer für sie, die Anführerin zu sein. Sie hat weder die Unterstützung noch den Respekt innerhalb des Landes. Sie ist eine sehr nette Frau, aber sie hat nicht den Respekt.«

Laut Trump werden die USA Venezuela regieren, wobei Außenminister Marco Rubio und Kriegsminister Pete Hegseth diese Aufgabe übernehmen sollen, um – wie in früheren Zeiten als das britische Imperium die Ozeane regierte – als Trumps »Vizekönige« Venezuela zu verwalten. Das dürfte interessant sein. In diesem Zusammenhang erinnerte Johnson an die historische Kontrolle der CIA über Venezuela in den 1970er/80er Jahren unter dem damaligen Präsident Carlos Andrés Pérez, der nachweislich auf der Lohnliste der CIA gestanden hatte. Aber durch Mißmanagement und anti-soziale Politik habe er letztlich dem sozialistischen Revolutionär Hugo Chávez' und seinem Nachfolger Nicolás Maduro den Weg an die Macht freigemacht.

Rolle der CIA und Verrat im Inneren

Die Entführung von Präsident Maduro und seiner Frau sei von der »Delta Force«, einer Spezialeinheit der USA-Truppen durchgeführt worden. Johnson ist überzeugt, daß der reibungslose Ablauf der Operation nur mit Hilfe von »Insidern« aus Maduros Abwehr und Apparat zum Schutz des Präsidenten möglich war. Durch diesen Verrat dürften einige Leute in Caracas über Nacht stinkreich geworden sein. »Da sind Leute bezahlt worden«, ist sich Johnson sicher und verweist darauf, daß auch die venezolanischen Luftabwehrsysteme nicht aktiviert worden waren, die venezolanischen Sicherheitskräfte um Maduro inkompetent oder bestochen worden waren – vergleichbar mit der »Bin-Laden-Operation« in Pakistan.

Geopolitische Motive

Johnson sieht den Zugriff auf venezolanisches Öl als zentrales Motiv, insbesondere als Absicherung gegen einen möglichen Krieg mit dem Iran: »Der Versuch, sich das Öl in Venezuela unter den Nagel zu reißen, ist die Vorbereitung eines Angriffs auf den Iran... eine Notfallplanung für den Fall, daß die Straße von Hormus geschlossen werden könnte.« Venezuela soll als alternative Ölquelle dienen, falls der Persische Golf blockiert wird. Dies müsse mit den aktuellen Protesten im Iran, die Johnson als von der US-amerikanischen CIA und dem britischen Geheimdienst MI6 gesteuert einstuft, um einen »Regimewechsel« vorzubereiten und zugleich bei der Bevölkerung der USA Zustimmung für eine erneute Bombardierung im Iran zu schaffen.

Internationale Reaktionen und globale Konsequenzen

Zweifellos verstärkt die »Operation« der USA gegen Maduro weltweit Mißtrauen gegenüber den USA, insbesondere in Rußland und China, aber auch in Brasilien, Kolumbien und in afrikanischen Staaten. Johnson verknüpft sie mit einem gescheiterten Drohnenangriff auf Präsident Putins Residenz und sieht eine russische Neubewertung von Verhandlungen bezüglich der Ukraine, nämlich den »Verlust jeglichen Vertrauens in den Westen«. China, als wichtiger Öl-Abnehmer Venezuelas, könnte ökonomisch kontern, zum Beispiel durch Dumping von Treasuries (Schatzbriefen) der USA oder Export-Einschränkungen bei kritischen Seltenen Erden. Die EU zeigt laut Johnson die übliche Heuchelei: Sie verurteilt Rußland wegen der Ukraine, hat aber »Verständnis« für die Aktion der USA. Trumps »Monroe-Doktrin 2.0« sei eine Pervertierung der US-amerikanischen Außenpolitik, mit negativen Folgen in Lateinamerika, vor allem für Kuba, Kolumbien und Mexiko.

Johnson mißt den Erfolg der »Operation« daran, ob Venezuela bis März 2026 stabil unter Kontrolle der USA sein wird, was er stark bezweifelt: »Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten scheitern werden.« Stattdessen drohten in Venezuela Chaos, eine Flut von Flüchtlingen und Angriffe auf die Öl-Infrastruktur des Landes. Er sieht 2026 als »Jahr des Kriegs«: Kein Ende in der Ukraine, Krieg mit dem Iran und nun Venezuela. »Die Lehre, die die USA der Welt erteilt haben, ist die, daß es keine echte USA-Diplomatie gibt, sondern nur Täuschung, Betrug und Überraschungsangriffe.«

Insgesamt zeichnet Johnson ein düsteres Bild: Die »Operation« sei ein Rückfall in imperiales Verhalten, die regionale Instabilität schürt und globale Mächte wie Rußland und China enger zusammenschweißt. Statt Stabilität werden der Angriffskrieg gegen Venezuela und die Entführung Maduros für die USA langfristig mehr Konflikte und Kosten bedeuten.