Keine oder alle, alles oder nichts
Der am 1. Oktober vor elf Jahren hochbetagt in London verstorbene marxistische Historiker Eric Hobsbawm hat einmal über das auch in Luxemburg propagierte »gendermainstreaming« – über das die Geschlechter in jedem Regierungshandeln von Anfang an und überall gleich berücksichtigt werden sollen – geschrieben, das politische Projekt zur Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sei »universalistisch«, weil es sich »an alle menschlichen Wesen« richte.
»Wie auch immer wir diese Formulierung interpretieren«, führte Hobsbawm aus, »sie meint nicht die Freiheit für Aktionäre oder Schwarze, sondern für jeden«. Es sei dies auch nicht die Gleichheit der Mitglieder des elitären Londoner Garrick Club »oder der Behinderten, sondern die Gleichheit aller«. Und schließlich gehe es nicht um die Brüderlichkeit ehemaliger Schüler des englischen Eliteinternats Eton »oder der Schwulen, sondern aller«.
Seit den 70er Jahren, fuhr der in aller Welt vielbeachtete Sozial- und Wirtschaftshistoriker fort, habe es eine verstärkte Tendenz gegeben, die politische Linke »vor allem als Koalition von Minderheiten- und Interessengruppen zu sehen: der Rasse, des Geschlechts, sexueller oder anderer kultureller Präferenzen und Lebensstile«. Das sei zwar verständlich, sei »aber deshalb gefährlich, weil die Addition von Minderheiten nicht mit dem Gewinn von Mehrheiten zu verwechseln ist«.
Wer wie CID-Fraen an Gender schon im eigenen Namen darauf hinweist, die unzureichenden, aber doch immerhin gegen Herrschaft opponierenden Begriffe wie Ungleichheit, Unterdrückung und Unterwerfung durch das neutrale Wort Geschlecht (gender) ersetzt zu haben, der (oder die) hat sich von den Ursprüngen der von Clara Zetkin und Rosa Luxemburg geprägten internationalen Frauenbewegung, die immer eine Bewegung für die Rechte der Arbeiterinnen und der Arbeiter war, verabschiedet.
Denn daß das eigene Geschlecht beim Kampf um Gleichberechtigung keine Rolle spielt, zeigt »Die Frau und der Sozialismus«, das wohl einflußreichste Werk August Bebels von 1879. Allein zu Lebzeiten des Begründers der deutschen Sozialdemokratie erschienen 52 Ausgaben, bis heute wird das feministische Standardwerk regelmäßig neu aufgelegt.
Die Quotenbefürworter können hingegen nicht erklären, was die anderen Frauen davon haben, wenn sie eine Vorgesetzte statt eines Vorgesetzten haben. Denn die Ursachen der in erster Linie auf sozialer und materieller Ungleichheit beruhenden Diskriminierung von Frauen werden mit diesem Postengeschacher innerhalb der Bourgeoisie nicht angegangen.
Dafür gibt es Beifall der weiterhin tonangebenden männlichen Chefs. »Sie gestatten jetzt, um eigene Fortschrittlichkeit vorzutäuschen, einigen Alibifrauen, sich als Karrieristinnen im Kapitalismus wohnlich einzurichten«, schrieb die sozialistische Feministin und langjährige Abgeordnete des deutschen Parlaments Ulla Jelpke einmal ganz richtig.
Auch das Klagen über einen unterrepräsentativen Frauenanteil in der Abgeordnetenkammer verkennt, daß Angehörige der Arbeiterklasse (oder auch Menschen mit Behinderung) überhaupt nicht in der Chamber vertreten sind, während sich dort Anwälte und Lehrer tummeln. Zwar sollte man die Vorberufe der Deputierten nicht überbewerten – schließlich haben auch Marx und Lenin Jura studiert, Fidel Castro promovierte sogar zum Doktor des Zivilrechts –, doch bezeichnend ist es schon, daß so wenige sogenannte Volksvertreter sich schon mal beim Arbeiten die Hände schmutzig gemacht haben.

