Armut gehört in Frankreich zu elementaren Realitäten
Hilfsorganisation zieht nach 30 Jahren Bilanz
Die Hilfsorganisation Secours Catholique-Caritas France (SCCF) hat am Donnerstag ihren 30. Jahresbericht über Armut in Frankreich veröffentlicht. Das nahm sie zum Anlaß, die Situation etwas gründlicher zu analysieren und die Entwicklung der zurückliegenden drei Jahrzehnte nachzuzeichnen.
Frankreich sei dank seines Sozialmodells eines der Länder in Europa mit der vergleichsweise besten Absicherung, wird einleitend festgestellt. Trotzdem gehörten Armut und Prekarität nach wie vor zu den elementaren Realitäten. Das gehe auch aus den Zahlen des Statistischen Amtes INSEE hervor, die sich auf die jüngsten Erhebungen von 2023 stützen und denen zufolge in Frankreich gegenwärtig 9,8 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, die bei 60 Prozent des mittleren Einkommens von 1.288 Euro pro Monat für eine Person liege. Statistisch wird die Problematik erst seit Mitte der 90er Jahre verfolgt (1994 SCCF, 1996 INSEE), als der Kampf gegen Armut und die dadurch bedingte soziale Ausgrenzung von der Regierung zu einem nationalen Anliegen erklärt wurde.
Während der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung von 14,3 Prozent 1996 bis 2004 auf 12,3 Prozent sank, stieg er danach wieder an, um 2022 erneut die Marke von 14,5 Prozent zu erreichen und dann bis 2023 sogar einen Sprung auf 15,4 Prozent zu machen.
Doch die Formen der Armut und das Profil der betroffenen Bevölkerungsteile hätten sich in den vergangenen 30 Jahren durch die ökonomischen, sozialen und demografischen Veränderungen und die aufeinanderfolgenden Krisen gründlich gewandelt, stellt der SCCF-Bericht fest. »In diesen Jahren ist die Armut nicht wesentlich zurückgegangen, aber ihre Natur, ihr Erscheinungsbild und ihr Charakter haben sich verändert«, wird konstatiert. Die soziologische Verteilung der Armut habe sich nur geringfügig verschoben. Besonders betroffen seien nach wie vor Arbeitslose und Rentner, geringverdienende Lohnabhängige mit einem prekären Arbeitsverhältnis sowie alleinerziehende Mütter und Väter, aber auch jugendliche Berufsanfänger ohne oder mit geringer Ausbildung.
Armut bedeute nicht nur ein niedriges Einkommen, sondern auch vielfältige materielle Probleme im Alltag, so daß man nur unzureichend heizen kann, mit Rechnungen im Rückstand ist, sich nicht ausreichend und ausgewogen ernähren kann und möglichst selten oder gar nicht zum Arzt geht. Eine immer größere Rolle spiele das Bedürfnis der Betroffenen, ihre armutsbedingte Isolierung zu überwinden und wieder sozialen Kontakt zu finden.
Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung gibt es keine direkte Verbindung zwischen Arbeitslosigkeit und Armut, stellen Wissenschaftler, die an dem Bericht mitgearbeitet haben, fest. In den 70er Jahren und noch bis Mitte der 80er gab es sogar einen gegenläufigen Trend: während die Arbeitslosigkeit stieg, sank die Armut, allerdings vor allem die der Alten. Danach gab es bis etwa 2015 eine parallele Entwicklung und jetzt steigt seit etwa zehn Jahren die Armut stärker als die Arbeitslosigkeit.
Verstärkt wurde dieser Trend nicht zuletzt ab 2020 durch die Coronapandemie und in den Jahren 2022/23 durch die Inflation. Die Hilfsorganisation Secours Catholique-Caritas France hat in ihrer tagtäglichen Arbeit auch eine Veränderung der Meinung der Bevölkerungsmehrheit zu den Armen im Lande festgestellt. Nachdem der Kampf gegen Armut zum nationalen Anliegen erklärt worden war, überwog bei den nicht direkt betroffenen Franzosen die Überzeugung, daß Armut konjunkturbedingt sei und in absehbarer Zeit überwunden werden könne. Als dies ausblieb, machte sich die Meinung breit, daß es eigentlich genug Arbeit und Unterstützung gebe und daß viele Arme einfach nicht genug tun würden, um ihre Situation selbständig zu verbessern.
Während nach Umfragen von SCCF bis gegen 2005 die Zahl derer, die meinten, daß die Armen nur nicht arbeiten wollten, stabil bei ca. 40 Prozent lag, steigt sie seitdem immer weiter an und macht heute schon 60 Prozent der Befragten aus. Hinzu kam der von den Rechtsextremen propagandistisch ausgenutzte Zustrom ausländischer Einwanderer und ihrer Familien, die – soweit sie nicht schnell Arbeit gefunden haben und auf eigenen Beinen stehen – das Heer der Armen und Sozialhilfeempfänger verstärken. Gegen die diesbezüglichen Diffamierungen muß sich auch die SCCF immer mehr wehren, für die die Hilfe für ausländische Familien eine wachsende Rolle spielt. Dabei geht es um die Beschaffung von Wohnraum und Lebensmittelhilfe, aber vor allem um Papiere wie Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis, zumal die Behörden immer unzugänglicher werden und mit bürokratischer Akribie alles tun, um die hilfebedürftigen Ausländerfamilien zu zermürben und für eine Abschiebung in ihre Heimat reif zu machen.

