Überschatteter »Canada Day«
Heute ist »Canada Day«, doch der Nationalfeiertag Kanadas wird in diesem Jahr gedämpfter ausfallen als sonst. Zu sehr lasten die Entdeckungen unmarkierter Gräber indigener Kinder in der Nähe ehemaliger »Indianerinternate« auf dem Land und seinen Bewohnern.
Nachdem Ende Mai Massengräber mit zusammen 215 Kinderleichen auf dem Gelände einer ehemaligen »Residental School« in Kamloops in der Westprovinz British Columbia gefunden wurden, kamen in der vergangenen Woche in der Stadt Regina im Zentrum des Landes 751 weitere Kindergräber hinzu.
Die dortige »Residental School« war von 1899 bis 1997 in Betrieb. Das Volk der Cowessess übernahm die Einrichtung erst in den 1980er Jahren von der katholischen Kirche. Bis dann wurden in den im Staatsauftrag betriebenen Umerziehungsanstalten, in die ausschließlich der Nachwuchs der kanadischen Ureinwohner, also der Inuit und der Métis, gesteckt wurden, Kinder gequält.
Die Kinder der First Nations wurden ihren Familien entrissen und separiert, sie durften sich nicht mehr ihrer Muttersprache bedienen, nicht mehr ihre Lieder singen und ihre Kleidung tragen, bekamen die Haare abgeschnitten, mußten zum Christentum konvertieren und katholische Mönche und Nonnen trichterten ihnen unentwegt ein, ihre traditionellen Zeremonien, ihre vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen, ihre Eltern und Großeltern, ja ihr gesamter kultureller Wissensschatz sei falsch und des Teufels, also der direkte Weg zur Hölle.
Als Justin Trudeau im November 2015 kanadischer Premier wurde, gab er zwar dem beständigen Druck der First Nations nach und richtete eine »Wahrheits- und Versöhnungskommission« ein, die das traurige Schicksal der mehr als 150.000 betroffenen Inuit- und Métiskinder aufarbeiten soll, prozessiert aber seitdem gegen sämtliche Entschädigungsforderungen der Überlebenden physischer, psychischer und sexueller Gewalt.
Sogar die jüngsten Gräberfunde gehen nicht etwa auf Suchaktionen der Regierung zurück, sondern auf das unermüdliche Engagement der First Nations, die selbst Spezialisten für bodendurchdringendes Radar beauftragen mußten.
Auch in anderen ehemaligen britischen Kolonien wie Australien oder Neuseeland – ganz zu schweigen vom systematischen Völkermord an den Ureinwohnern der heutigen USA! – gab es den »Residental Schools« in Kanada ähnliche Umerziehungsanstalten, weil diese eben auch dafür sorgen sollten, daß der Widerstand der Eltern und Großeltern dieser indigenen Kinder gegen die Abholzung ihres Landes und die rücksichtslose Ausbeutung seiner Bodenschätze gebrochen wird.
Zwar sind alle Gesellschaften, auch indigene, dem sozialen Wandel unterworfen, doch der Einfluß des gesellschaftlichen Fortschritts auf indigene Völker muß nicht blutig, chaotisch und gewaltsam sein. Auch das zaristische Rußland war bis zur Oktoberrevolution ein gewaltiges »Völkergefängnis«. Doch in wenigen Jahren schafften es Lenins Bolschewiki, das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Völker zu verwirklichen und ihnen gleichzeitig anzubieten, künftig eine gleichberechtigte Rolle beim Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion zu spielen. Jedes sowjetische Kind, das das wollte, wurde in seiner Muttersprache unterrichtet, und alle positiven Elemente der nationalen Kulturen der UdSSR wurden bewahrt und gefördert.
Ab 1920 lautete die erweiterte Losung der Kommunistischen Internationale: »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!«

