Leitartikel19. November 2025

Beschämend

von Ali Ruckert

Vergangenen Samstag fand in Verdun, einen Steinwurf entfernt von unserem Land, eine Gedenkfeier für den Verbrecher Philippe Pétain statt, der ab 1940 als Staatschef des Regimes von Vichy mit Nazi-Deutschland kollaborierte und den Widerstand gegen die faschistischen deutschen Besatzer blutig unterdrückte.

Ermöglicht wurde die Gedenkfeier, während der ein Faschist die in Frankreich verbotene Hymne »Maréchal, nous voilà« anstimmte, durch die Komplizenschaft der katholischen Amtskirche und der Justiz. Zuvor waren alle Versuche des Bürgermeisters von Verdun, den revisionistischen Spuk verbieten zu lassen, gescheitert.

Nun ist diese Zusammenrottung besonders symbolträchtig, weil sie im Jahr des 80. Jahrestags des Sieges über den Faschismus stattfand, aber Veranstaltungen, während denen Geschichtsrevisionismus betrieben wird und die faschistischen Unterdrücker verherrlicht werden, gibt es leider in einer ganzen Reihe von EU-Ländern.

Besonders empörend ist, wenn solche Aufmärsche mit Genehmigung oder gar Unterstützung von bürgerlichen Kräften stattfinden und offizielle Denkmäler die Mörder verherrlichen.

In Lettland ist das zum Beispiel der Fall, wo jedes Jahr mit einem Marsch und einer Gedenkfeier an einem eigens dazu errichteten Denkmal in Riga die lettischen Angehörigen der Waffen-SS und der Polizei-Bataillone verherrlicht werden, die an der Ermordung von 70.000 Juden und tausenden lettischen Kommunisten beteiligt waren.

Bei diesen Aufmärschen zugegen sind immer auch die faschistischen Kumpane aus Estland, Litauen und Polen, aber auch aus der Ukraine. Dessen Regime würdigt bis heute die Bandera-Faschisten, die mit Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion kämpften und deren Nachfolger die Bevölkerung aus dem Donbass ab 2014 – ausgerüstet mit Hakenkreuzen, Nazi-Symbolen wie der Wolfsangel und Waffen aus den USA und Deutschland – regelrecht terrorisierten und tausende ermordeten (Stichwort: Asow-Faschisten).

Angesichts des wachsenden Einflusses faschistischer und rechtsextremer Parteien und Gruppierungen war die Initiative Russlands, am 14. November auf der Sitzung des Dritten Ausschusses der 80. Tagung der UNO-Generalversammlung eine Resolution gegen die Verherrlichung des Nazismus und zur Bekämpfung von Neonazismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzulegen, von besonderer Bedeutung.

Mitverfasser der Resolution, die von 114 Ländern angenommen wurde, waren 44 Länder aus allen Regionen der Welt. Dagegen stimmten 52 Staaten, darunter sämtliche NATO-Länder – auch Luxemburg.

Es ist geradezu beschämend, dass die politischen Vertreter eines Landes, das während fast fünf Jahren vom faschistischen Deutschland besetzt war, dessen Frauen und Männer zu Tausenden von den Nazis in Gefängnisse und Konzentrationslager gesteckt, gefoltert und ermordet, zwangsrekrutiert und umgesiedelt wurden, sich in der UNO gegen eine Resolution wenden, welche die Verherrlichung der Nazis anprangert und zur Bekämpfung von Neonazis und Rassisten aufruft.

Das wirft Fragen darüber auf, in welche Richtung sich der »kollektive Westen«, angetrieben von extremem Russenhass, bewegt.

Schämen Sie sich, Herr Frieden, schämen Sie sich, Herr Bettel!