Der Konflikt um Grönland spitzt sich zu
USA-Präsident Donald Trump hat am Samstag angekündigt, zusätzliche Zölle in Höhe von 10 Prozent ab dem 1. Februar und von 25 Prozent ab dem 1. Juni auf alle Einfuhren aus den acht Staaten erheben zu wollen, die an einer »Erkundungsmission« beteiligt sind – so lange, bis Grönland unter USA-Hoheit übergeht. Aus der EU heißt es bislang mehrheitlich, man beuge sich nicht und beharre auf Dänemarks territorialer Integrität.
Am Hauptquartier der Nordflotte
Die Bundeswehr weitet ihre Aktivitäten im Hohen Norden bereits seit geraumer Zeit aus. Einen ersten großen Schritt nach vorsichtigen Anfängen stellte 2018 die Teilnahme deutscher Soldaten in Brigadestärke an »Trident Juncture« dar, einem NATO-Großmanöver in Norwegen, das insbesondere die Einsatzbereitschaft der NATO Response Force und der damals von einem deutschen Offizier geführten NATO-»Speerspitze« (Very High Readiness Joint Task Force, VJTF) testen sollte. Im Rahmen der Kriegsübung operierten Kriegsschiffe und Kampfjets auch auf schwedischem und finnischem Territorium.
Nach dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens intensivierte sich die Militarisierung des Hohen Nordens in Europa ein weiteres Stück. »Deutsche Soldaten, darunter Gebirgsjäger und Marineinfanterie, nehmen inzwischen regelmäßig an Manövern wie ‚Nordic Response‘ teil«, heißt es in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 16.01.2026; »Einheiten der Marine wurden zum Flugkörperschießen ins Polarmeer entsandt.« All dies richtet sich gegen Rußland, das an Finnland und im äußersten Norden an Norwegen grenzt. In relativer Nähe zu Nordfinnland und Nordnorwegen liegt die russische Halbinsel Kola, auf der die russische Nordflotte ihr Hauptquartier unterhält. Dort befinden sich auch atomar bewaffnete U-Boote, die einen Teil der russischen Zweitschlagfähigkeit bilden.
Die »GIUK-Lücke«
Daneben operiert die Bundeswehr immer öfter im äußersten Norden des Atlantik und im europäischen Nordmeer. Auch dies richtet sich einzig und allein gegen Rußland. Das hat mit dem Seeweg zu tun, den Kriegsschiffe und insbesondere U-Boote der russischen Nordflotte zurückzulegen haben, wenn sie von der Halbinsel Kola durch das europäische Nordmeer in den Atlantik gelangen wollen. Dort könnten sie die transatlantischen Nachschubwege aus Nordamerika nach Europa attackieren.
Deshalb ist die NATO bemüht, den Seeweg dorthin zu kontrollieren, der entweder westlich oder östlich von Island entlangführt – durch die »GIUK-Lücke« zwischen Grönland, Island und Britannien (United Kingdom) hindurch. Dort finden regelmäßig NATO-Manöver statt, so etwa die Übung »Dynamic Mongoose«, bei der die U-Boot-Jagd im Mittelpunkt steht.
Im Oktober war der deutsche Kriegsminister Boris Pistorius in Islands Hauptstadt Reykjavík, um dort mit Außenministerin Katrín Gunnarsdóttir über eine intensivere Kooperation zu sprechen. Er teilte mit, Deutschland werde »seine militärische Präsenz auf der Insel erhöhen«.
Um die Militärzusammenarbeit im Nordatlantik auszuweiten, hat die Bundesrepublik Deutschland begonnen, auch mit Kanada intensiver zu kooperieren. Deutschland, Kanada und Norwegen kamen auf dem NATO-Gipfel im Juli 2024 überein, eine »Sicherheitspartnerschaft für den Nordatlantik« aufzubauen. 2025 trat ihr als viertes Land Dänemark bei. Für die Bundeswehr ist die »Sicherheitspartnerschaft« vor allem mit einer intensiveren Kooperation mit den kanadischen Streitkräften verbunden. So nahm im August mit dem Einsatzgruppenversorger Berlin erstmals ein deutsches Kriegsschiff an Kanadas jährlichem Marinemanöver »Nanook-Tuugaalik« teil. Deutschland, Kanada und Norwegen werden in Zukunft gemeinsame Ausbildungs- und Übungsmaßnahmen abhalten und den Austausch von Seeaufklärungsdaten ausweiten.
Zudem ist eine stärkere Rüstungskooperation im Gespräch; Kanada zieht – anstelle eines US-amerikanischen U-Bootes, das zeitweise im Gespräch war – den Kauf deutscher U-Boote 212 CD in Betracht, die ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) gemeinsam mit Norwegen entwickelt hat und die neben der deutschen auch die norwegische Marine beschafft. In die Zusammenarbeit wird zunehmend auch Britannien eingebunden. Auf der britischen Militärbasis Lossiemouth nordöstlich der schottischen Stadt Inverness sollen – wie in Island – deutsche Seefernaufklärer stationiert werden.
Erstmals in Grönland
Seit Mitte 2025 bezieht Berlin in gewissem Umfang Grönland in das Operationsgebiet der Bundeswehr ein. Mitte August traf mit dem Einsatzgruppenversorger »Berlin«, der sich auf dem Weg nach Kanada befand – zum Manöver »Nanook-Tuugaalik« –, erstmals ein deutsches Kriegsschiff in Nuuk ein. Offiziell geschah das im Rahmen von Übungen in der »GIUK-Lücke« für den Kampf gegen russische U-Boote. Am 18. August war der Parlamentarische Staatssekretär im deutschen Kriegsministerium Nils Schmid zu Gesprächen mit Dänemarks Kriegsminister Troels Lund Poulsen sowie Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeld in Nuuk. Im September folgte das Manöver »Arctic Light«, an dem fünf NATO-Staaten aus Europa teilnahmen; Dänemark und Frankreich stellten Kriegsschiffe und Militärflugzeuge, während Deutschland, Norwegen und Schweden Truppen und Beobachter entsandten.
Auch diese Manöver waren offiziell gegen Rußland gerichtet: Moskau hat in der Tat begonnen, seine militärischen Aktivitäten in der Arktis auszuweiten, was daran liegt, daß dort das Eis schmilzt und Rußland eine außerordentlich lange Arktisküste hat, die es angesichts der Spannungen mit den NATO-Anrainern verteidigen können muß. Die Kriegsübungen in und bei Grönland hatten auch dies im Blick.
Auf »Erkundungsmission«
Allerdings konnte man sie mit Hinblick auf die Annexionsdrohungen von USA-Präsident Donald Trump auch als einen Hinweis an die Vereinigten Staaten interpretieren, Grönland werde von den europäischen NATO-Ländern ganz prinzipiell verteidigt – und zwar gegen welchen Angreifer auch immer. Das trifft auch auf die jüngste Entsendung von Militärs nach Grönland zu. Dänemarks Kriegsminister Troels Lund Poulsen kündigte am Mittwoch an, die dänischen Streitkräfte würden gemeinsam mit denjenigen anderer NATO-Länder in den kommenden Wochen »erkunden«, wie eine verstärkte Militärpräsenz in der Arktis realisiert werden könne.
In den Tagen darauf trafen Soldaten aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland, Britannien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland in Nuuk ein, um dort erste Erkundungen vorzunehmen. 15 Militärs der Bundeswehr nahmen bis Sonntagmorgen daran teil – sie reisten allerdings nach wenigen Stunden wieder ab, nachdem Trump seine Zoll-Drohung ausgesprochen hatte.
Jenseits der Tatsache, daß die Aktivitäten auf und bei Grönland die Positionen der NATO in der Arktis gegenüber Rußland stärken, geht niemand davon aus, daß sich die europäischen NATO-Staaten militärisch gegen die USA durchsetzen könnten, sollten diese beschließen, Grönland zu annektieren. Die Truppenpräsenz europäischer NATO-Staaten erhöht jedoch den Preis, den die Trump-Administration für die Eroberung der dänischen Insel zahlen müßte.
Trump hat im Hinblick darauf am Samstag angekündigt, auf alle Importe aus den acht Staaten, die Soldaten nach Grönland geschickt haben, ab dem 1. Februar Zölle von zusätzlich 10, ab dem 1. Juni von 25 Prozent zu erheben und sie aufrechtzuerhalten, bis Grönland Teil der Vereinigten Staaten werde. Dagegen haben sich die acht betroffenen Staaten nun am Sonntag mit einer Erklärung gewandt, in der es heißt: »Wir sind entschlossen, unsere Souveränität zu wahren.« Darüber hinaus warnen sie vor dem »Risiko einer Eskalation«. Der Konflikt spitzt sich zu.

