Ausland16. April 2026

Gespräche unter Feuer

Botschafter von Libanon und Israel reden, weil Washington es will

von Karin Leukefeld, Beirut

Der Libanon und Israel sind im Kriegszustand. Das steht in der libanesischen Verfassung. Der Grund sind die zahlreichen militärischen Angriffe Israels auf das nördliche Nachbarland.

Aktuell hat die israelische Armee erneut Teile der »Blauen Linie«, der von den UNO-Friedenstruppen UNIFIL kontrollierten Waffenstillstandslinie zwischen beiden Ländern durchbrochen und dringt in den Süden des Libanon vor. Israelische Einheiten sind mehrere Kilometer auf libanesisches Territorium vorgedrungen. Das ist – wie die fortlaufenden Angriffe auf zivile Infrastruktur – ein Bruch des internationalen Rechts.

Die libanesische Armee war angewiesen worden, sich zurückzuziehen. Ohnehin verfügt die Armee nicht über notwendige Waffen, um den Gegner aufzuhalten oder zurückzudrängen. Die Regierung folgt den »Vorschlägen« der USA und einiger EU-Staaten, darunter Frankreich und Deutschland, und hat »Verhandlungen« mit Israel angeboten.

Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums hat Israel seit dem erneuten Beginn des Krieges am 2. März 2026 mehr als 2.124 Personen getötet. 6.921 Verletzte wurden registriert. Im südlichen Libanon, in der Bekaa-Ebene und in Teilen von Beirut wurde zivile Infrastruktur durch israelische Luft-, Drohnen- und Angriffen von See zerstört, darunter Wohnhäuser, Krankenhäuser, städtische Infrastruktur, Gesundheitszentren. In Naqoura, der südwestlichsten Stadt des Libanon, wurde das Gebäude der libanesischen Hafenbehörde zerstört.

Ungleiche Ausgangslage

Dennoch haben sich die Botschafter der beider Staaten am Dienstag in Washington zu Gesprächen im USA-Außenministerium getroffen. Gastgeber war USA-Außenminister Marco Rubio, der das Treffen leitete. Libanon wurde durch die Botschafterin in den USA Nada Hamadeh Moawad vertreten, Israel durch seinen Botschafter in den USA Jechiel Leiter. Als Vermittler nahmen zudem der USA-Botschafter im Libanon Michel Issa sowie Michael Needham, Berater im USA-Außenministerium an dem Treffen teil.

Das Treffen kam auf Druck der USA-Administration zustande. Auslöser war die wachsende internationale Kritik an Israel. Nach wiederholten Angriffen auf Soldaten der UNIFIL hat Italien seine militärische Kooperation mit Israel gestoppt. Italien stellt eines der größten Truppenkontingente der UNIFIL und nimmt seit mehr als 20 Jahren – seit dem Krieg 2006 – dabei eine führende Rolle ein. Daß Israel drei indonesische UNIFIL-Soldaten tötete und rund ein Dutzend UNO-Blauhelme aus Frankreich, Ghana, Indonesien, Nepal und Polen zum Teil schwer verletzte, hatte zu einem Protest von UNO-Mitgliedstaaten geführt, von denen 47 Staaten Soldaten für die UNIFIL stellen.

Bei den Gesprächen sollte über einen Waffenstillstand und die Entwaffnung der Hisbollah gesprochen werden, um einen Rahmen für ein »Friedensabkommen« auszuloten. Seitens der libanesischen Regierung soll es sich lediglich um ein »vorläufiges Treffen« handeln. Beirut strebe eine »Unterbrechung der militärischen Aktivitäten« an, erklärte der Kulturminister Ghassan Salame vor Journalisten. Israel hatte klargestellt, »keinem Waffenstillstand zuzustimmen«, berichteten israelische Medien. Ausdrückliches Ziel von Ministerpräsident Netanjahu ist es, »die Waffen der Hisbollah zu zerstören«. Die Botschafter beider Länder haben zudem keine Befugnis, Vereinbarungen zu treffen.

Die Gespräche in Washington fanden vor dem Hintergrund des Krieges der USA und Israels gegen den Iran statt. Israel ist mit der von Pakistan, Saudi-Arabien, Ägypten und der Türkei ausgehandelten Waffenruhe nicht einverstanden. Der Iran hatte vor den Gesprächen mit den USA einen »umfassenden Waffenstillstand in der Region, einschließlich Libanon, Jemen und Gaza« gefordert, was nach Auskunft des vermittelnden Staates Pakistan von den USA akzeptiert worden war. Israel unterstrich seine Ablehnung einer Waffenruhe mit dem Libanon mit den massiven Angriffen auf Beirut und weite Teile des Libanon nur wenige Stunden nachdem die Waffenruhe in Kraft getreten war. Um bei den Gesprächen mit dem Iran weiterzukommen, sehen sich die USA gezwungen, Israel »etwas zu liefern« – die Gespräche auf Botschafterebene in Washington – um von Israel die Zustimmung zu einer Waffenruhe zu bekommen.

Mehr als die Hälfte der libanesischen Bevölkerung vertraut – ungeachtet ihrer Haltung zu Hisbollah – Israel nicht und lehnt daher die Gespräche in Washington ab oder erwartet sich keine Veränderung ihrer aktuellen Lage. Vor dem Parlament in Beirut fanden lautstarke Proteste gegen die Gespräche statt. Libanesen, die als Flüchtlinge in Notunterkünften Zuflucht vor den Angriffen Israels gefunden haben, erklärten Journalisten, wenn es überhaupt Verhandlungen geben sollte, wollten sie durch die Hisbollah vertreten werden.

Wer am Gesprächstisch fehlt

Die Hisbollah ist bei den Washingtoner Gesprächen nicht dabei. Generalsekretär Naim Kassem rief am Vorabend des Washington-Treffens per Fernsehansprache die libanesische Regierung auf, »historische und heldenhafte Stärke« zu zeigen und den Gesprächen fernzubleiben. Sie seien »sinnlos«, zumal Israel seine Angriffe auf den Libanon verstärke. Da Netanjahu wiederholt klar gemacht habe, es gehe für Israel nur darum, die Hisbollah zu entwaffnen, frage er die Regierung, was sie dort besprechen wolle.

Militärischer Widerstand gegen den israelischen Vormarsch in den Libanon kommt von Hisbollah. Seit Tagen konzentrieren sich die Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah auf die Stadt Bint Jbeil im Südwesten des Landes.

Alte Pläne

Schon 1919 legte die Zionistische Nationalbewegung auf der Pariser Friedenskonferenz Karten vor, auf denen ihr Staat, den sie in Palästina gründen wollten, skizziert war. Vom Libanon wollten sie schon damals den gesamten Süden zwischen der Hafenstadt Sidon und dem Berg Hermon, arabisch »Jbeil Sheikh«, ihr »Eigen« nennen.

Es folgten militärische Invasionen Israels in den Libanon 1947, 1948, 1967, 1978, 1982, 2006, 2024. Im April 2026 dringen israelische Truppen über die »Blaue Linie« in den südlichen Libanon ein, verwüsten Dörfer, Städte, Felder, Plantagen, vertreiben und töten die ursprünglichen Bewohner des Landes. Teile des Libanon, einschließlich der südlichen Vororte von Beirut würden dann aussehen, wie Rafah und Beit Hanoun im Gazastreifen, drohten die israelischen Minister Smotrich und Katz.

Die 1919 in Paris vorgelegte Karte der Zionisten wurde kürzlich von der israelischen Armee verbreitet. Es war die Warnung an den Libanon, den gesamten Süden des Landes zu besetzen.

Der israelische Minister für Strategische Angelegenheiten Ron Dermer hat nach Berichten libanesischer Medien – die sich auf westliche Diplomaten berufen – bereits einen Plan für die geplante Besatzung des südlichen Libanons ausgearbeitet. Das Gebiet soll demnach in drei Zonen eingeteilt werden. Ein acht Kilometer breiter Streifen entlang der »Blauen Linie« soll eine »Pufferzone« werden. Südlich des Flusses Litani will die israelische Armee militärisch freie Hand haben, um Hisbollah-Struktur zu zerstören. Ein Rückzug der israelischen Armee werde erst dann folgen, wenn die »Operationen« als beendet bezeichnet werden. Das Gebiet nördlich des Litani – sozusagen der »Rest« des Libanon – soll von der libanesischen Armee kontrolliert werden mit dem Auftrag, die Hisbollah komplett zu entwaffnen. Das sei die Voraussetzung dafür, daß Israel sich aus dem Libanon zurückziehe, heißt es.

Mit anderen Worten: ein Teil des Libanon im Süden soll von Israel besetzt werden. Im »Rest« des Landes sollen die libanesische Regierung und Armee als Hilfskräfte für israelische Interessen eingesetzt werden.