Leitartikel28. April 2021

Für Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich

von Ali Ruckert

Arbeitszeitverkürzung ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Jahrzehnte zieht und seit jeher die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit prägt. Die Schaffenden kämpfen immer für Arbeitszeitverkürzung, die Vertreter des Kapitals dagegen.

Warum das so ist, ist leicht zu verstehen: Je länger die Arbeitszeit ist, desto höher ist die Ausbeutung der Lohnabhängigen, weil sich der Kapitalist auch während der längeren Arbeitszeit den größeren Teil des Mehrwerts aneignet. Je länger die Arbeitszeit, desto höher der Profit, der in den Taschen der Aktionäre landet.

Ist die Arbeitszeit aber kürzer, ist die Ausbeutung der Lohnabhängigen niedriger, da sie zeitlich begrenzt ist. Daher versuchen Unternehmer immer, die Arbeitszeiten auszuweiten und zu flexibilisieren, auch, indem sie zum Beispiel auf alle möglichen Ausnahmeregelungen drängen, wie das der Fall war, als 1975 die 40 Stundenwoche gesetzlich eingeführt wurde.

Gelingt es dem Patronat nicht, Arbeitszeitverkürzungen zu verhindern, versucht es zumindest zu erreichen, dass sie ohne Lohnausgleich erfolgen, wie das in der Vergangenheit zum Beispiel geschah, als seinerzeit die Wochenarbeitszeit von 56 auf 48 Stunden verkürzt wurde.

Parallel dazu setzt das Kapital alles daran, um die Produktivität zu erhöhen, indem der Druck auf die Lohnabhängigen verstärkt wird, mehr und schneller zu arbeiten, so dass die Ausbeutung, wenn schon nicht über eine Arbeitszeitverlängerung, so doch über einen größeren Einsatz der Arbeitskraft erhöht werden kann.

Ein bewährtes Mittel, um die Ausbeutung zu erhöhen, besteht darin, Überstunden nicht oder zumindest nicht in vollem Umfang zu bezahlen, was besonders oft in Betrieben geschieht, in denen die Gewerkschaft schwach ist, und möglichst lange Referenzperioden durchzusetzen, während denen Überstunden nur teilweise kompensiert werden, so dass der Unternehmer den größeren finanziellen Nutzen daraus zieht.

In Niedriglohnbereichen, wie im Horeca-Bereich und im Handel werden Lohnabhängige oft quasi gezwungen, »freiwillig« viele Überstunden oder Sonntagsarbeit zu leisten, um angesichts der niedrigen Löhne am Monatsende halbwegs über die Runden zu kommen.

Im Gegensatz zum Kapital haben die Lohnabhängigen ein direktes Interesse an Arbeitszeitverkürzungen. Erstens, weil damit die Ausbeutung weniger groß wird, die Gesundheit besser geschützt wird und das Arbeits- und das Privatleben besser unter einen Hut gebracht werden kann, so dass mehr Zeit für die Familie, Freizeitgestaltung, Kultur, Sport und Weiterbildung bleibt, und zweitens, weil kürzere Arbeitszeiten eine gute Voraussetzung sind, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auch das muss natürlich erst durchgesetzt werden.

Umso wichtiger ist es, die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich verstärkt zu thematisieren, zum Beispiel bei der Aushandlung von Kollektivverträgen, aber auch über den Weg einer gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeit mit vollem Lohnausgleich.

Das gilt besonders in Krisenzeiten.