Umbruch in Westasien
Wie der Krieg der USA und Israels gegen den Iran eine ganze Region verändert
Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran weitet sich aus. Nach ersten, zwölftägigen Angriffen im Juni 2025 begann der Krieg erneut am 28. Februar 2026. Der Iran reagierte dieses Mal mit massiven Angriffen auf US-amerikanische Militärbasen in den arabischen Golfstaaten, auf Israel sowie auf Militärbasen der USA in Jordanien.
Gegen den Willen Israels unterzeichneten die USA unter Präsident Donald Trump ein Memorandum of Understanding, das auch vom Präsidenten der Islamischen Republik Iran, Massud Peseschkian, unterzeichnet wurde. Diese Absichtserklärung umfaßte 14 Punkte und war von Pakistan, Saudi-Arabien, der Türkei, Ägypten und Katar vermittelt worden. Wegen der herausragenden Rolle Pakistans wird die Erklärung auch »Islamabad Memorandum« genannt. Innerhalb von zwei Monaten sollten – als vertrauensbildende Maßnahmen – seitens des Iran Minen in der Straße von Hormus geräumt werden, um die freie Durchfahrt internationaler Handelsschiffe vorzubereiten. Die USA sollten ihrerseits die Blockade iranischer Häfen beenden und ihre Kriegsmarine aus dem Gebiet abziehen. Dann sollten Gespräche aufgenommen werden, um die anderen Punkte der Erklärung umzusetzen: die Aufhebung aller Sanktionen – einschließlich der Finanzblockaden gegen den Iran und gegen die iranische Zentralbank – Freigabe »eingefrorener« iranischer Gelder und Vermögenswerte in Höhe von ungefähr 200 Milliarden US-Dollar.
Doch nur wenige Tage nach der Unterzeichnung nahmen die USA-Streitkräfte die Bombardierung von Zielen im Iran wieder auf und Präsident Trump drohte dem Iran mit der »Auslöschung der gesamten iranischen Zivilisation«. Der Iran reagierte seinerseits mit Angriffen auf US-amerikanische Militärbasen in benachbarten arabischen Golfstaaten. Die Auswirkungen auf den internationalen Energiesektor durch die De-facto-Sperrung der Straße von Hormus sind enorm. In Europa und in den USA spürt die Bevölkerung die Folgen: Diesel- und Benzinpreise steigen, Kerosin und Flüssiggas werden knapp und teuer, die Inflation steigt.
Zwischen Wahlen und Krieg
Die USA-Regierung steht unter Druck durch die Zwischenwahlen Anfang November, die Umfragewerte für Trump befinden sich im freien Fall. Auch in Israel sollen Ende Oktober Wahlen stattfinden. Die Umfragewerte für Premier Benjamin Netanjahu sind schlecht, seine Herausforderer, das Lager um den ehemaligen Oberkommandierenden der israelischen Streitkräfte, Gadi Eizenkot, hat gleichgezogen. Mit den Kräften der nationalistisch-zionistischen Siedler um Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir konkurriert Netanjahu ebenfalls.
Ein neuer Krieg gegen den Iran ist sowohl von den USA als auch von Israel angekündigt. Beide Staaten könnten sich allerdings weder wirtschaftlich, noch politisch, noch militärisch einen neuen Angriff leisten. Es fehlt an Waffen und Munition, es fehlt an effizienten Radaranlagen, die der Iran zerstört hat. Mindestens 16 USA-Militärbasen in den arabischen Golfstaaten liegen in Trümmern, die Basis der 5. USA-Flotte in Bahrain ist so zerstört, daß von dort weder die Versorgung noch die Kontrolle der Kriegsschiffe in der Region möglich ist. Soldaten und Personal wurden von den meisten Militärbasen abgezogen. Auch die größte USA-Basis in der Region, die Al-Udaid-Basis in Katar, wurde fast vollständig verlassen.
Für Trump bedeutet ein erneuter Krieg gegen den Iran den sicheren Absturz bei den bevorstehenden Zwischenwahlen. Für Netanjahu dagegen bedeutet ein neuer Krieg gegen den Iran, trotz aller Zweifel und Kritik von israelischen Sicherheits- und Geheimdienstkreisen an den Plänen, die sichere Verschiebung der für den 27. Oktober vorgesehen Wahlen und er bliebe im Amt. Unbestätigten Berichten zufolge soll Trump Netanjahu grünes Licht für einen neuen Krieg gegen den Iran vor Ende Oktober gegeben haben.
Der Iran bereitet sich auf neue Angriffe vor
Im Falle eines erneuten Angriffs werde der Iran US-amerikanische Kriegsschiffe versenken und auch vor einem Flugzeugträger nicht Halt machen, heißt es. Die benachbarten Golfstaaten müßten mit einem Einmarsch iranischer Truppen rechnen, man werde von den USA und deren Verbündeten genutzte und installierte Kabel, Datenzentren und AI-Einrichtungen zerstören. Im Iran bereite man sich auf die Verteidigung des Landes vor, so iranische Medien. Schon seit März werden bis zu einer Million iranische Männer und Frauen mobilisiert, die ausgebildet würden. Eine mögliche Bodeninvasion der USA – über die Präsident Trump seit März immer wieder öffentlich »nachdenkt« – werde keinen Erfolg haben, wurden militärische Quellen von der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim zitiert.
Die Straße von Hormus bleibe geschlossen, bis »die Feinde des Landes die legitimen Rechte der iranischen Nation respektieren«, erklärte der Oberkommandierende der iranischen Streitkräfte, Generalmajor Amir Hatami am Donnerstagabend an der Imam-Ali-Universität und Offiziersakademie. Die Marineeinheiten der Revolutionsgarden kontrollierten den westlichen Teil der Passage, die Marine kontrolliere den östlichen Teil und das Meer von Oman, so Hatami. Schiffe, die die Meerenge passieren wollten, müßten sich mit dem Iran abstimmen. Wer das nicht vorab tue, werde »eine klare Antwort« erhalten.
Medien berichten seit Tagen von Schiffen, die auf Minen gefahren und durch Geschosse schwer beschädigt worden seien. Diese Schiffe hatten offenbar versucht, unter dem »Schutz« der USA durch den südlichen Teil der Straße von Hormus zu fahren, um Öl zu größeren Tankern zu bringen. Die Schiffe hätten ihr Navigationssystem ausgeschaltet, um nicht erkannt zu werden. Der südliche Teil der Meerenge ist omanisches Territorium und der Oman, der mit dem Iran Beziehungen unterhält, hat offenbar keine Möglichkeit, die USA-Armee von dem gefährlichen Vorgehen abzuhalten.
Aufgrund der Gefahrenlage haben internationale Versicherungsgesellschaften reguläre Versicherungen für Tanker und Handelsschiffe, die ohne iranische Zustimmung versuchen, die Meerenge zu passieren, ausgesetzt oder in schwindelnde Höhen verteuert. So gibt das US-amerikanische Schiffsmaklerunternehmen Gibson an, daß es mittlerweile teurer ist, einen Tanker von den USA nach China zu mieten, als eine Rakete ins All befördern zu lassen. Die Fahrt zwischen den USA und China koste heute etwa 80 Millionen US-Dollar, heißt es unter Berufung auf Gibson bei Conflicts Forum, einem geopolitischen Beratungsunternehmen, das sich mit den Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten befaßt. Die Startkosten einer SpaceX-Rakete werden mit 74 Millionen US-Dollar angegeben.
Trotz der sich ausweitenden Wirtschaftskrise ist Präsident Trump nicht bereit, auf die Gesprächsangebote des Iran einzugehen. Zuletzt lehnte er einen Sieben-Punkte-Plan ab, den der Iran am Rande der Vollversammlung der UNO Ende September in New York vorgelegt hat. Das Papier war unter Vermittlung Katars entstanden und enthielt im Wesentlichen Kernpunkte aus dem Islamabad Memorandum. Die Straße von Hormus könne innerhalb von sieben Tagen geöffnet werden, so das Papier. Zentrale Voraussetzungen wären der Abzug der USA-Marine und Armee aus der Persischen Golfregion und die Freigabe von in den USA beschlagnahmten iranischen Vermögenswerten.
Riad unter Druck
Das saudische Königreich ist inzwischen selber unter enormen Druck geraten. Auslöser ist ein nicht provozierter Angriff auf den Flughafen von Sanaa im Juli. Der Angriff sollte die Landung eines iranischen Flugzeugs verhindern, das Trauergäste der Beerdigungsfeierlichkeiten für Ali Khamenei aus dem Iran zurückbrachte. Die von Saudi-Arabien geführte Kriegsallianz der »international anerkannten« jemenitischen Regierung in Aden verhinderte mit dem Angriff die Landung der Maschine von Mahan Air, einer iranischen Fluglinie, die von den USA unter Sanktionen gesetzt ist. Das Flugzeug landete dann in der Hafenstadt al-Hudaida am Roten Meer.
Die militärischen Kräfte von Ansar Allah, die Huthi-Bewegung, reagierte innerhalb weniger Stunden mit Angriffen auf Ziele in Saudi-Arabien, seitdem haben Saudi-Arabien und die saudisch geführte Kriegsallianz (gegen die Ansar Allah) mehr als 2.000 Luftangriffe auf das von der Ansar Allah kontrollierte Gebiet im Jemen geflogen, die Huthi-Bewegung hat ihrerseits die Angriffe auf Ziele in Saudi-Arabien verschärft. Getroffen wurden Flughäfen, auch in der Hauptstadt Riad, Einrichtungen des Ölkonzerns Aramco und die Ost-West-Pipeline vom Persischen Golf zum Roten Meer. Seit der Schließung der Straße von Hormus wurden 5,8 Millionen Barrel Rohöl pro Tag in den Ölhafen Yanbu transportiert, um von dort Richtung Europa und durch die Meerenge Bab al-Mandab Richtung Asien transportiert zu werden. Inzwischen hat die Huthi-Bewegung die Ostküste Jemens und Teile der südöstlichen Provinz Taif weitgehend eingenommen und kontrolliert Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet.
Hilfe für Riad seitens der USA bleibt bislang aus. Allerdings hat der israelische Premier Netanjahu seine Unterstützung für den saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) erklärt. Der sieht sich Beobachtern zufolge nicht nur unter militärischem Druck der Huthis sondern kann auch innersaudischer Opposition und selbst seiner eigenen Familie nicht mehr trauen. Der Zerfall der nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg von Britannien und den USA konstruierten und kontrollierten arabischen Golfregion ist offensichtlich. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) verlassen und stehen im Krieg gegen den Iran offen an der Seite Israels. Neue Regionalstaaten betreten die politische Bühne, allen voran Pakistan und die Türkei.
Regionale Umbrüche, wirtschaftliche Verluste
Die USA, die mit Saudi-Arabien Schutzvereinbarungen zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen hatten – wir schützen euch militärisch, ihr liefert uns euer Öl – ziehen sich aus der Region weiter zurück. Washington gibt dafür Israel grünes Licht, das Krieg an sieben Fronten führt und mittlerweile von nahezu allen Staaten der Region neben den USA als die Hauptursache für Unsicherheit und Instabilität in Asien bezeichnet wird. Beim zweitägigen Gipfeltreffen der 1992 gegründeten Konferenz über interaktive und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche in Aserbaidschan verließen mindestens zwölf der 28 anwesenden Delegationen demonstrativ den Raum, als der israelische Staatspräsident Jitzchak Herzog mit seiner Rede begann. Mit dem Iran erhoben sich die Vertreter Palästinas, Pakistans, Saudi-Arabiens, der Türkei, Iraks, Ägyptens, Kuwaits, Jordaniens, Malaysias, Indonesiens und Bangladeschs. Ein geplantes Treffen der EU mit den Ländern des Golf-Kooperationsrats (GCC) am 24. Oktober in Saudi-Arabien wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.
Alle arabischen Golfstaaten sind schwer von Verlusten gezeichnet. Katar hat nach offiziellen Angaben einen Einkommensverlust in Höhe von 42 Prozent im ersten Halbjahr 2026 zu verzeichnen. Bahrain ist weitgehend zerstört, die Zukunft Kuwaits ist unklar.
Bedeutung und Reichtum des arabischen Golfs basieren auf ihren Öl- und Gasvorkommen, die mindestens ein Fünftel des weltweiten Energiebedarfs sicherstellten. Nun sind die Förder-, Verflüssigungs- und Exportanlagen in der Region massiv beschädigt. Es bleibt Einkommen aus, der Export ist blockiert. Der Wiederaufbau der Energieinfrastruktur in den arabischen Golfstaaten wird bis zu zehn Jahren dauern, so der Analyst Kar. W. Miller von der Organisation New Energy Advancement Hub (NEAH) mit Sitz in Zypern. Bei einer angenommenen Zeit von sieben Jahren für den Wiederaufbau benennt Miller die jährlichen Kosten mit 170 Milliarden US-Dollar. Alle Golfstaaten werden zudem versuchen, bei den gleichen Firmen zu bestellen, die den Wiederaufbau durchführen können.

