Ausland09. Dezember 2022

Rußland, die Ukraine, die NATO und Jugoslawien

NATO-Berichte über »erfolgreiche« Angriffe auf Kraftwerke in Serbien im Mai 1999

von ZLV

Rußland hat Raketenangriffe auf zivile Objekte in der Ukraine als militärisch notwendig gerechtfertigt, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte am Dienstag dieser Woche in Moskau: »Die russischen Streitkräfte führen mit Hochpräzisionswaffen hoher Reichweite massive Schläge gegen das System der militärischen Führung, Rüstungsbetriebe und die mit ihnen verbundenen Objekte, um das Militärpotenzial der Ukraine zu brechen.« Zugleich warf er Kiew Angriffe auf Europas größtes Atomkraft Saporoshje vor, das auf ukrainischem Gebiet liegt. Die Anlage sei in den vergangenen 14 Tagen 33 Mal beschossen worden.

Rußlands Raketenangriffe haben seit Oktober die Energieversorgung der Ukraine massiv beschädigt, schreibt dpa. Millionen Menschen hätten nur noch eingeschränkt Zugang zur Stromversorgung. Auch die Versorgung mit Wasser und Wärme sei vielerorts schwierig.

In diesem Zusammenhang sei an Ereignisse erinnert, die sich im Frühjahr 1999 abspielten, als die NATO ihren Krieg gegen Serbien führte, um die Zerschlagung der Föderativen Republik, die mit der vom Westen geförderten Abspaltung Kroatiens und Sloweniens begonnen hatte, zu vollenden. Dieser Krieg war – daran sei ebenfalls erinnert – der erste Angriffskrieg seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf europäischem Territorium, geführt von der NATO.

Unter der Überschrift »Serbien den Strom abgeschaltet« berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« am 3. Mai 1999 online über »erfolgreiche« Angriffe der NATO auf fünf serbische Kraftwerke in der vorangegangenen Nacht. Nach diesen Bombardements seien »in Serbien fast überall die Lichter« ausgegangen. »Massive NATO-Angriffe auf die jugoslawische Stromversorgung haben in der Nacht zum Montag nach Angaben der Allianz das Kommando- und Kontrollsystem der Armee vorübergehend lahmgelegt«, hieß es damals wörtlich im »Spiegel«. Die NATO habe dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gezeigt, daß das Bündnis den Strom für seine »Militärmaschine« abstellen könne, wann immer es wolle, wurde NATO-Sprecher Jamie Shea zitiert.

Nach Angaben des NATO-Sprechers wurden bei dieser Attacke fünf Elektrizitätswerke in Serbien getroffen. »In den vergangenen 72 Stunden seien die bislang intensivsten Angriffe gegen Ziele in Jugoslawien geflogen worden. Die Zahl der Flüge sei inzwischen auf mehr als 14.000 seit Beginn der Angriffe am 24. März gestiegen.« Dabei waren vor allem Objekte der Energieversorgung als Ziele ausgewählt worden – wenn es nicht gerade »zufällig« die chinesische Botschaft in Belgrad oder eine Brücke in Varvarin traf, auf der sich viele Zivilisten befanden.

Im Unterschied zum gegenwärtigen Krieg in der Ukraine gab es damals allerdings diplomatische Bemühungen um eine Beilegung des Konflikts. Der russische Jugoslawien- Sonderbeauftragte Wiktor Tschernomyrdin sei am selben Tag von Moskau nach Washington abgeflogen, berichtete das Magazin, um USA-Präsident Bill Clinton einen persönlichen Brief des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin zu übergeben. »Es gibt Hoffnung auf eine friedliche Lösung«, sagte er laut russischen Agenturen. Nach seinen Gesprächen mit Clinton war auch ein Gespräch mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan vorgesehen.