Weniger ist mehr
Allenthalben erzählen uns regierende Politiker, um »unser aller« Wohlstand zu retten kämen wir nicht umhin, länger und härter zu arbeiten und optimalerweise noch auf eine ganze Reihe sozialer »Bequemlichkeiten« zu verzichten. An der Wochenarbeitszeit und an der Lebensarbeitszeit wird gerüttelt und gleichzeitig der Sozialstaat sturmreif geschossen im Namen einer Wettbewerbsfähigkeit, deren Stagnation nur ein weiteres Mal an den lohnabhängig Beschäftigten festgemacht wird, anstelle an Fehlentscheidungen im hochdotierten Management von Industrieunternehmen, wie etwa der deutschen Automobilindustrie oder generell einer Gesellschaft, die darauf ausgelegt ist, daß die Mehrheit für die Minderheit Profite erarbeitet.
Dabei zeigen Studien und Versuche weltweit, daß eine Verlängerung der Arbeitszeit nicht mit einer höheren Produktivität einhergeht, sich sogar gegenteilig auswirkt. Neue Nahrung bekommt die Debatte über die Zukunft der Erwerbsarbeit durch die Forderungen des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der genau das Gegenteil von all dem fordert. So soll die Forderung nach einer systematischen Arbeitszeitverkürzung, die auf den ersten Blick wie eine Provokation erscheint, Teil eines konsequenten Pakets aus mehr Verteilungsgerechtigkeit, Emanzipation und ökologischer Notwendigkeit sein.
Pikettys Argumentation: Seit Jahrzehnten flössen die Gewinne aus Produktivitätssteigerungen vorrangig in die Taschen von Unternehmenseignern und Vermögenden, während die Reallöhne der breiten Masse stagnierten. Die Forderung nach reduzierter Arbeitszeit – bei vollem Lohnausgleich – verlange schlicht, diese Entkopplung zu korrigieren. Anstatt den technischen Fortschritt ausschließlich in steigende Kapitalrenditen zu übersetzen, müsse er den Beschäftigten in Form von Zeitressourcen zurückgegeben werden.
Damit greift Piketty eines der Kernthemen früherer Sozial- und Arbeitskämpfe auf, denn eine Reduzierung des fremdbestimmten Arbeitstages gehört seit jeher zu einem zentralen Punkt um die soziale Befreiung der Lohnabhängigen. Auf diese Weise wird zeitliche Souveränität geschaffen, die für politische Partizipation, Bildung, Kultur und gesellschaftliches Engagement unerläßlich ist. Daß heutzutage beispielsweise viele Vereine händeringend nach ehrenamtlichen Helfern suchen, hat zentral damit zu tun, daß die fremdbestimmte Arbeitszeit einen immer größeren Teil des Alltagslebens der Menschen frißt. Zugleich würde ein solcher Ansatz auch für eine gerechtere Verteilung von Pflege, Hausarbeit und Erziehung ermöglichen. Arbeit, die in unserer Gesellschaft als Freizeitbeschäftigung abgestempelt wird, solange niemand drittes daran verdient. All diese Tätigkeiten sind wichtig im Alltag der Menschen, finden jedoch immer weniger Raum, auch in ihrer Aufteilung zwischen den Geschlechtern, aufgrund der längst überholten Norm aus Vollzeitarbeit und Präsenzfetisch. Der Ökologische Ansatz Pikettys sieht darüber hinaus ein unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten als einen weiteren gefährlichen Anachronismus an.
Eine Absenkung der Arbeitszeit würde mit der Logik von Überproduktion und kompensatorischem Konsum brechen, also dem Drang, Frust über die herrschenden Zustände durch den Kauf und Verbrauch von Gütern auszugleichen. Nicht fremdbestimmte Lebenszeit gehört zu den größten Kostbarkeiten unserer Epoche. Sozusagen der Reichtum des kleinen Mannes. Diese Lebenszeit im Sinne einer Selbstentfaltung außerhalb des Lohnerwerbs zu verteidigen und im Sinne einer gesunderen und menschlich produktiveren Gesellschaft auszubauen muß mit noch mehr Nachdruck auf die Agenda.

